Viele Ausfälle und Verspätungen

Lokführermangel: Riesen-Pendlerfrust rund um München

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Hauptbahnhof München: Detail einer Zug-Anzeige. Viele Pendler in München sind frustriert.

Die Bahn hat teils immense Probleme: Es mangelt an Lokführern, alte Züge geben den Geist auf – und ständig machen Weichen Ärger. Pendler schlagen Alarm.

München - Wer mit dem Zug nach München fährt, braucht jede Menge Geduld und Nerven. Wie schlimm die Lage ist, zeigt sich derzeit besonders auf der Strecke München – Mühldorf. Hier lässt die Südostbayernbahn (SOB) seit Wochen ganze Verbindungen ausfallen – weil sie kein Personal hat!

Mitte Mai gab es die unliebsame Überraschung: Der gewohnte Abendzug (München Hbf ab 17.48 Uhr) der SOB fuhr nicht. Er wurde gestrichen. Den Fahrgästen blieb nichts anders übrig, als entweder einen Zug früher oder später zu nehmen. Mit der Folge, dass diese „brechend voll“ waren, wie es Fahrgäste unserer Zeitung schilderten. Auch ein Frühzug (Mühldorf ab 4.57 Uhr) fiel ersatzlos aus.

Übliche Floskeln für die Passagiere

Während die Passagiere mit den üblichen Floskeln abgewiesen wurden („aus betrieblichen Gründen“ entfallen), bringt eine Anfrage bei der Bahn-Pressestelle mehr Aufschluss: Grund für die gestrichene Zugverbindung sei „ein außergewöhnlich hoher Krankenstand“, der mit „langfristig geplanten Urlauben unserer Lokführer“ zusammengefallen sei. Im Juni, so verspricht der Pressesprecher außerdem, werde sich die Situation wieder entspannen. Dann werde eine Gruppe frisch angelernter Lokführer ihre Ausbildung beenden „und auch auf dieser Linie eingesetzt werden“. 

Allerdings, so ist zu hören, handelt es sich hier nur um eine Handvoll Leute – „ein Tropfen auf dem heißen Stein“, wie ein Insider sagt. Grundproblem der SOB wie auch vieler anderer DB-Teilunternehmen wie S-Bahn oder Werdenfelsbahn sei akuter Lokführermangel. Bei der Bahn fehle Personal in allen Bereichen – vom Gleisbauer über Rangierer, Wagenmeister bis hin zu Zugbegleitern, sagte DB-Personalvorstand Martin Seiler dieser Tage der „Leipziger Volkszeitung“. Weil die meisten Bewerber bereits über eine abgeschlossene Erstausbildung etwa als Mechatroniker oder Elektriker verfügen, werden sie oft schnell wieder abgeworben.

Verschärfte Bedingungen für die SOB

Die SOB fährt ohnehin unter verschärften Bedingungen: Die Strecke nach Mühldorf ist bis auf Überholstellen an den Bahnhöfen großteils eingleisig. Zudem fahren sie auf einer Strecke, die sie sich mit Güterzügen aus dem Chemiedreieck um Trostberg/Burgkirchen teilen müssen. Pendler klagen seit Jahr und Tag, dass die Doppelstockzüge der Bahn oft auf entgegenkommende langsame Güterzüge warten müssen. Bemühungen um ein besseres Image – am vorletzten Wochenende etwa ein großes Fest zu 25 Jahre Taktfahrplan am Knoten Mühldorf – stoßen da oft an Grenzen. In der Pünktlichkeitsstatistik für 2018 landet der „Linienstern Mühldorf“ insgesamt mit einer Pünktlichkeit von 94,6 Prozent im Mittelfeld. Allerdings fallen mehr Züge aus (2,6 Prozent) als im Schnitt (1,8 Prozent). Die Strecke München-Mühldorf wird nicht extra ausgewiesen.

Für die jüngsten Probleme bei der SOB gibt es noch einen anderen Grund: Die Lokführer pochen stärker als früher auf die Einhaltung von Jahres-, Monats- und Wochenschichtplänen, die auf Drängen der Gewerkschaft der Lokomotivführer (GdL) eingeführt wurden. Für Lokführer ist die Freizeit nun besser planbar. „Die Leute nehmen das zunehmend auch in Anspruch“, sagt Uwe Böhm, Chef der GdL in Bayern. Dass jemand kurzfristig eine Schicht übernehme, sei unüblich geworden.

Seit Montag rollt der „17.48“-Zug immerhin wieder. Dafür hakte es an anderer Stelle: Ein Vormittagszug (Mühldorf ab 9.37 Uhr) und der Gegenzug aus München (ab 11.07 Uhr) fielen ersatzlos aus. Der Grund: „Störung im Betriebsablauf“.

D. Walter, A. Geier

Strecken-Stopp bei der BOB

Auch bei der Bayerischen Oberlandbahn (BOB) läuft’s nicht rund. Am Montag vor einer Woche blieb ein Zug zwischen Holzkirchen und Straßlach stehen. Grund: Rauchentwicklung an den Bremsen. tz-Leser George M. befand sich in dem Zug: „Erst nach zwei Stunden wurde der Zug auf offener Strecke evakuiert, wir fuhren  im hinteren Wagen zurück nach Holzkirchen.“ Zu sehen ist dies auf dem Bild unten. Aus einem 30-minütigen Weg in die Arbeit wurden für M. drei Stunden. BOB-Chef Fabian Amini führt die Probleme auf die alten Fahrzeuge zurück. „Die Integrale sind mittlerweile zu störanfällig.“ Am Montag war nicht nur der eine Zug das Problem - sechs (!) weitere gaben den Geist auf. sh/dw/st

Bahn-Experte: „Probleme sind hausgemacht“

Pendlerfrust? Norbert Moy vom Fahrgastverband Pro Bahn (links im Bild) kann dafür viele Gründe nennen. Zum einen die Personal-Engpässe, durch die Züge wochenlang ausfallen: „Das liegt am Fachkräftemangel bei der Bahn.“ Der Nachwuchs fehle, auch weil die Jobs durch den Schichtbetrieb und die geringe Bezahlung nicht attraktiv genug seien. Ein erfahrener Lokführer verdient übrigens rund 2700 Euro brutto im Monat. Anderes Problem: Vielerorts seien Fahrpläne verdichtet worden. Aber: „Die Strecken nach München sind an der Grenze der Belastbarkeit.“ Vor Jahren hätte man Ausbaupläne machen müssen. Moy: „Immer wieder sprechen wir das an, aber es passiert viel zu wenig.“

ast

Das sagen die Pendler

Ärger gewohnt 

„Als Pendler ist man jedoch schon gewöhnt, dass so gut wie jeder Zug eine Verspätung von mindestens fünf Minuten hat. Wobei ich finde, dass es früher noch schlimmer war als heute. Da war ja jeder Zug zu spät.“ - Christian Baumgartner (45), Schreiner aus Traubing 

Viel zu teuer

„Es gibt immer Verspätungen. Was mich außerdem stört: Diese werden nie kommuniziert und man steht häufig ohne Vorwarnung am Bahnhof. Noch dazu ist der Komfort in den Zügen nicht preisgerecht für das, was man bezahlt.“ - Saskia Leo (28), Studentin aus Regensburg

Frustrierend 

„An Verspätungen von Zügen ist man als Pendler schon gewöhnt. Es ist frustrierend, da man oft eine Stunde warten muss und ich würde behaupten, dass 25 Prozent der Züge verspätet losfahren.“ - Wolfram Kraus (25), Bauingenieur aus Regensburg

Stets zu spät

„Die Situation vor einem Jahr war in Ordnung, jetzt gibt es jedoch eigentlich immer Verspätungen. Wenn ich unbedingt pünktlich sein muss, starte ich am besten zwei Verbindungen vorher. Insgesamt ist das alles sehr ärgerlich.“ - Jonas Koch (33), Student aus Mühldorf

Alles furchtbar

„Die Zustände sind furchtbar. Neulich sind drei Züge hintereinander ausgefallen und ich stand eineinhalb Stunden am Bahnhof. Wenn man umsteigen muss und der erste Zug Verspätung hat, verpasst man den Anschlusszug.“ - Claudio Pereera (30), Techniker aus Rosenheim

Wir haben fürjede S-Bahn-Linie eine Facebook-Gruppe gegründet, in der sich Fahrgäste selbst organisieren können: Bilden Sie Fahrgemeinschaften, wenn Ihre S-Bahn ausfällt. Organisieren Sie ein Taxi und teilen Sie sich mit mehreren die Kosten. Oder bitten Sie andere Betroffene schlicht um Hilfe - oder bieten Sie einen Platz in Ihrem Auto an. Zusammen mit anderen Pendlern sind Sie im S-Bahn-Chaos weniger allein.

Schon am ersten Tag der Bauarbeiten hat eine Vollsperrung der St 2053 bei Oberschleißheim für Verkehrschaos rund um die Anschlussstelle Neuherberg der A99 gesorgt.

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