Ist das noch unser München? Teil 3 der Serie

Sie führt einen der letzten Tante-Emma-Läden Münchens – Einrichtung von 1950

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Traudl Maier (77) in ihrem kleinen Tante-Emma-Laden in Kirchtrudering – die Einrichtung stammt noch von 1950. Er ist einer der letzten seiner Art in München.

Die Tante-Emma-Läden sterben immer mehr aus - auch in München. In der Serie: „Ist das noch mein München?“  geht es diesmal ums Einkaufen.

München! Da denkt man an eine Mass Bier am Chinaturm, den ewigen Stenz, Lederhosn und die Frauenkirche vor der Alpenkulisse. Aber auch an der Landeshauptstadt ist der Wandel der Zeit nicht spurlos vorübergegangen. Wie viel München steckt eigentlich noch in München? In der großen tz-Serie „Ist das noch unser München?“ gehen wir dieser Frage auf den Grund. Heute dreht es sich ums Einkaufen.

Der Handel im Wandel – so hat sich das Einkaufen in München verändert. Die tz hat einen der letzten Tante-Emma-Läden der Stadt besucht und zeigt Läden, die trotz Internet & Co. bestehen oder sogar neu eröffnet haben. Außerdem verraten Passanten, ob sie lieber im Laden oder im Internet einkaufen. 

Einmal die alte Holztüre aufziehen – schwupps landet man im Jahre 1950. Auf der Theke eine uralte Waage, am Fenster leuchten Süßigkeiten in Gläsern, auf den Regalen stehen Essiggurken neben Bindfäden und Klopapier. Traudl Maier (77) betreibt in Kirchtrudering einen der letzten Tante-Emma-Läden der Stadt: „Er sieht noch genauso aus, wie meine Mama ihn eröffnet hat.“

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Nur etwa ein Dutzend solcher Läden gibt es geschätzt in München noch – vor 50 Jahren waren es etwa 100 mehr. „Die Tante-Emma-Läden sind auf dem absterbenden Ast“, sagt Bernd Ohlmann vom Handelsverband Bayern. Früher war es gang und gebe, beim Krämer ums Eck einzukaufen – bis in die 1960er Jahre hinein war das Prinzip der Selbstbedienung in Deutschland nahezu unbekannt. „Heute erwarten die Kunden Parkplätze vor der Tür, ein riesiges Sortiment – und die kleinen Läden finden auch oft keinen Nachfolger mehr.“

Überall lockt der günstige Preis des Discounters

Doch auch wenn ein paar Hundert Meter weiter der nächste Discounter lockt, kommen die Kunden ganz gezielt zu Traudl Maier. „Ob ein Artikel drei- oder hundertmal im Regal steht, ist wurscht. Hauptsache, du hast es da“, sagt die 77-Jährige. Neben Hygieneartikeln verkauft sie vor allem regionale und saisonale Produkte: „Erdbeeren gibt es jetzt bei mir nicht, weil die nix san.“ Mit viel Charme und blitzenden Augen bedient sie ihre Kundschaft. „Ich weiß viel, aber sag nix“, grinst Traudl Maier. „Das hat schon meine Mama so gemacht.“

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Am 2. Januar 1950 eröffnete ihre Mutter Frieda den Laden im Wohnhaus der Familie im Truchthari-Anger. Die kleine Traudl, damals zehn, half von Anfang an mit. „Wir waren damals das einzige Geschäft in der Ecke“, erinnert sich Traudl, die bei ihrer Mutter Kauffrau lernte. „Die Zeiten waren hart. Nach dem Krieg hatte keiner Geld, aber jeder Hunger. Meine Mama hat auch den Leuten Brot gegeben, die nicht zahlen konnten.“ In den 60ern blühte das Geschäft: Arbeiter kauften ihre Brotzeit, der Flughafen Riem nebenan brachte Laufkundschaft. Anschreiben lassen kann man bei Traudl auch heute noch: „In der Früh hat doch keiner Zeit, mit dem Geld rumzutun – abgerechnet wird dann am Samstag.“ Eine Kasse hat sie nicht, dafür einen kleinen Block, die Preisschilder schreibt sie per Hand.

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Was sich im Laufe der Jahre verändert hat? „Die Frauen arbeiten heute, alles muss schneller gehen. Daher verkaufe ich mehr Nudeln und Reis als früher.“ Überhaupt habe man früher viel größere Mengen auf einmal gekauft: „Da wurde gleich für die ganze Großfamilie gekocht. Heute essen die Kinder in der Krippe.“ Ein bisserl traurig macht es sie, dass es kaum mehr Läden gibt wie ihren. „Die Mieten in München kann ja keiner mehr zahlen. Bei mir geht es nur, weil der Laden zum Haus gehört.“ Die großen Supermärkte empfindet sie nicht als Konkurrenz: „Die sind zwar günstiger, aber haben ein ganz anderes Sortiment.“ Auch das Internet lässt sie kalt: „Das verursacht nur Müll mit dem ganzen Papier und Plastik. Ich glaube, das läuft sich tot.“

Klein und versteckt: Der Krämerladen liegt im Erdgeschoss ihres Wohnhauses im Truchthari-Anger

Wie es mit ihrem Laden mal weitergehen soll, weiß Traudl Maier nicht. Kinder hat sie keine. „Die Zukunft steht in den Sternen“, stellt sie klar. So lange es geht, möchte sie noch für ihre Kunden da sein, steht jeden Tag von 6 bis 19 Uhr hinter dem Tresen.“ Zur Ruhe setzen, das wäre nichts für Traudl Maier: „Den ganzen Nachmittag Halma spielen und singen – nein, da wäre ich todunglücklich.“

Der Münchner Handel im Wandel

Das Einkaufen hat sich auch in München im Laufe der Jahre stark verändert. Die wichtigsten Fakten im Überblick:

Konkurrenz Internet: „Das Internet ist in den letzten Jahren zum völlig neuen Wettbewerber für den Einzelhandel geworden“, sagt Wolfgang Fischer vom Innenstadt-Unternehmens-Verein City Partner. Während die Münchner vor zehn Jahren noch vier Prozent ihrer Ausgaben im Online-Handel tätigten, sind es nun schon zehn Prozent. „Man kriegt alles, es gibt keinen Ladenschluss – das macht es dem stationären Handel vor allem in den Bereichen Bücher, Elektronik und Mode schwer.“

Ladensterben: Immer mehr kleinere Geschäfte machen dicht. In München gibt es mehr als 8000 ­Läden mit einer Gesamtverkaufsfläche von 1,67 Millionen Qua­dratmetern. Vor allem die Discounter sind auf dem Vormarsch. Sie steigerten ihre Verkaufs­fläche zwischen 2004 und 2012 um

66 Prozent von durchschnittlich 405 auf 624 Quadratmeter. Die Anzahl der kleinen, oft inhabergeführten Fachgeschäfte ging im gleichen Zeitraum um 20 Prozent zurück. Das hat neben dem Internethandel vor allem zwei Gründe: „Zum ­einen die erheblich ­gestiegenen Mieten – zum anderen finden ­viele Geschäftsleute keinen Nachfolger“, sagt Fischer. Die Folge: In die frei werdenden Räumlichkeiten ziehen Filialen großer Ketten oder Gastronomiebetriebe. Mit den stärksten ­Wandel gibt es in der Sendlinger Straße: „Dominierten hier noch vor zehn Jahren lokale Einzelhändler, sind aktuell 73 Prozent der Läden mit ­Filialisten besetzt“, sagt Stephan Kippes vom Immobilienverband Deutschland.

Weniger Filialen als im Bundesschnitt: Trotzdem ist die Einkaufslandschaft in München noch besonders. „Der Filialisierungsgrad hier ist vergleichweise niedrig“, sagt Bernd Ohlmann vom Handelsverband Bayern. In nur 50 bis 60 Prozent der Läden befinden sich Filialen – bundesweit sind es 80 Prozent.

Starke Traditionsmarken: „Hier halten sich noch viele alte Münchner Unternehmen wie Dallmayr, Konen oder LodenFrey“, sagt ­Fischer. Auch sie gehen mit der Zeit: 80 Prozent der Münchner Unternehmen sind mit einer Homepage im Netz vertreten. Ohlmann: „Heutzutage muss man doppelt aufgestellt sein.“

Gegentrend: „Wir sehen die Zukunft positiv – das Internet wird den Einkauf in der Stadt nicht ersetzen“, sagt Fischer. „Der Mensch will das Erlebnis eines Stadtbummels nicht missen.“ Dafür sprechen auch die Zahlen der Immobilienagentur JLL Germany: Mit gleich drei Straßen liegt München unter den Top Ten der meistbesuchten Einkaufsmeilen Deutschlands. Mit 14 320 Passanten pro Stunde steht die Kaufingerstraße auf Platz zwei hinter der Frankfurter Zeil. Immer beliebter wird auch der sogenannte Click & Collect-Service: Kunden bestellen online und holen die Ware versandkostenfrei im Geschäft ab. ­Fischer: „Daran sieht man, dass sich Online- und stationärer Handel gut ergänzen.“

Bezahlung per Handy: Bargeld ist die Nummer eins der Bezahlarten. Doch wie lange noch? Bernd Ohlmann vom Handelsverband Bayern ist sich sicher: „Das Bezahlen mit dem Handy, genannt Mobile Payment, wird nach dem Internet die nächste große Revolution auslösen.“

Lesen Sie hier die anderen Folgen unserer Serie „Ist das noch unser München?“:

„Überangebot nervt mich“

Antje Goldmann ist vom Überangebot genervt..

Milch und Wurst hole ich beim Herrmannsdorfer und andere Lebensmittel auf dem Wochenmarkt. Ich versuche, insgesamt möglichst wenig und möglichst bewusst zu kaufen und wenn, dann in kleinen, regionalen Läden. Das Überangebot stresst mich einfach, vor allem im Internet. Das nutze ich kaum zum Shoppen. Manchmal ist es zwar günstiger dort, aber meine Jeans kaufe ich nach wie vor im Laden.

Antje Goldmann (41), Ausstatterin beim Film, München

Frisch vom Markt

Ich kaufe am liebsten in kleinen Geschäften ein, leider gibt es davon immer weniger. Sonst schaue ich auch gern online, da ich die großen Kaufhäuser überhaupt nicht mag. Der Service ist da meistens richtig schlecht! Die ganzen großen Ketten, die überall aus dem Boden sprießen, verderben München. Obst und Gemüse besorge ich frisch auf dem Markt oder im Tante-Emma-Laden, alles andere kaufe ich im Supermarkt.“

Renate Trentinaglia (71), Rentnerin aus München

Bequem am PC

Frische Sachen besorge ich am liebsten auf dem Viktualienmarkt, sonstige Lebensmittel ­kaufe ich dagegen im Supermarkt. Was die Kleidung angeht, hat sich in der letzten Zeit viel verändert. ­Früher musste ich immer ewig die Straße hoch und runter­rennen, um etwas in den Läden zu finden. Das erledige ich jetzt alles online. Ich habe ­immer wenig Zeit, und über das Internet ist alles viel bequemer. Das Zurückschicken ist für mich auch kein Aufwand. 

Ingrid Kapra (56), Sachbearbeiterin aus Parsdorf

Günstig im Netz

Meine Kleidung kaufe ich überwiegend im Kaufhaus oder in Boutiquen, meist in Markengeschäften oder im Einzelhandel. Onlineshopping mag ich nicht so gern, da ich die Sachen lieber sofort anprobieren möchte und mir das ­Zurückschicken zu aufwendig ist. Lebensmittel kaufe ich im Supermarkt, bei Edeka oder Aldi. Und bei Elektroartikeln schaue ich meistens online, da es die Ware da oft 20 bis 30 Prozent billiger gibt als im ­Einzelhandel.

Martin Rahn (51), Polizeibeamter aus Waldershof

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