Der mörderische Nesthocker

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Er enthauptete seine Mutter Monika K. (50) mit dem Säbel: Nesthocker René K. (damals 21 Jahre alt). Die Tatwaffe verwahrte er im Bettkasten

München - Die tz zeigt exklusiv Auszüge aus dem neuen Buch des legendären Mordermittlers Josef Wilfling. Lesen Sie heute Auszüge aus dem Kapitel "Das Miststück".

Polizeieinsatzzentrale im Polizeipräsidium München: 15.00 Uhr, 5 Minuten, 37 Sekunden. „Polizei­notruf, Grüß Gott.“ „Hallo, Grüß Gott, K. ist mein Name. Ich kann nicht so gut sprechen, sonst hört es mein Vater. Der hat grad meine Mutter umgebracht.“ (…)

Das Buch von Josef Wilfling: „Unheil – Warum jeder zum Mörder werden kann“ (Heyne Verlag, 19,99 Euro, 304 Seiten)

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Er rammte den Chef mit dem Bagger in den Boden

Als ich auf den Hauseingang zuging (…), kam ich an einem (…) Polizeifahrzeug vorbei, in dem ein älterer Mann auf der Rückbank saß, die Hände auf den Rücken gefesselt. Er war kreidebleich, das blanke Entsetzen stand ihm ins Gesicht geschrieben. (…) „Ist das der Täter?“, fragte ich (…). Die Polizisten nickten nur. „Er fragt immer nur, was denn überhaupt passiert sei.“ (…) Irgendwie signalisierte mir der Anblick dieses Mannes, vorsichtig zu sein. Ich hatte ein komisches Gefühl. (…)

Die Bereitschaftsbeamten der vierten Mordkommission empfingen mich mit dem Hinweis, dass mich kein schöner Anblick erwarte, aber ich sei ja Einiges gewöhnt. (…) Die Frau, die in der Küche am Boden lag, war offenbar gänzlich ausgeblutet, was sich an zwei Dingen erkennen ließ: (…) an der Menge des Blutes, das sich über den gesamten Küchenboden ausgebreitet hatte, zum anderen daran, dass ihr Kopf sich nicht mehr da befand, wo er hätte sein müssen. Er war nahezu vollständig abgetrennt. (…) Was ging in ihr vor, als sie die Klinge traf? (…) War sie sofort tot? Oder realisierte sie noch, dass sie jetzt sterben würde? Hatte sie Schmerzen? Todesangst? Ich (…) sah in weit aufgerissene Augen. Also hat sie noch etwas mitbekommen, dachte ich. (…)

Ich selbst sah mich ein bisschen in der Wohnung um. Zunächst fiel mir auf, dass sie geschmackvoll eingerichtet war, gepflegt und aufgeräumt. (…) Bis auf das Zimmer des Sohnes. Hier herrschte das pure Chaos. (…) In der Küche stand ein großer Kühlschrank, der mit einer Kette verschlossen war, die, durch den Griff gezogen, zu einem Haken in der Wand führte. (…) Wer verschloss denn um Himmels willen seinen eigenen Kühlschrank mit einer Kette? (…)

Das Samuraischwert war bereits (…) in durchsichtige Folie verpackt. (…) Extrem scharf, definitiv keine Billigwaffe, sondern ein Mordinstrument erster Güte.

Als ich etwa eine Stunde später zur Dienststelle kam, waren Vater und Sohn bereits dort. (…) Mit seinen 64 Jahren wirkte Karl K. eher wie ein gut 70-jähriger Mann. (…) Er wirkte weinerlich, leidend, eher wie ein ahnungsloses Opfer und nicht wie ein Täter. (…) Und plötzlich wussten wir, dass wir den Falschen vor uns hatten. (…)

Der Sachbearbeiter rannte aus dem Zimmer, und es war klar, wohin: in das andere Büro, in dem der wahre Mörder saß und den Zeugen mimte. (…)

Als ich ins andere Zimmer ging, saß der wahre Täter auf einem Stuhl mit vor der Brust verschränkten Armen, und sein Gesichtsausdruck wirkte auf mich, als langweile er sich. (…) Er spielte den Coolen (…) Die Nachricht, dass sein Vater eben zusammengebrochen sei, weil er vom Tod seiner Frau nichts wusste, ließ ihn (…) kalt. (…) Wenn es sein Vater nicht gewesen sei, müsse es eben ein Fremder getan haben, meinte er.

Er sei jedenfalls um 11.30 Uhr aufgestanden, (…) habe seine Eltern (…) in der Küche gehört. Gesprochen hatte er angeblich nicht mit ihnen, da seit geraumer Zeit kein Kontakt mehr zwischen ihm und seinen Eltern bestand (…). Er bekäme auch seit über einer Woche nichts mehr zu essen – der Grund, warum seine Mutter den Kühlschrank mit einer Kette verschloss. (…)

Wir führten seinen Sohn herein (…). Der Vater schaute auf, sah seinem Sohn ins Gesicht und begann sofort zu weinen. „René, was hast du gemacht?“, fragte er fast flehentlich (…). „Wieso ich?“, gab dieser zur Antwort (…). Dem Vater verschlug es die Sprache. (…)

(…) René erzählte und war bemüht, ein möglichst negatives Bild seiner angeblich lieblosen, gewalttätigen Eltern zu zeichnen. (…) Als er nicht aufhörte, seine Mutter schlechtzumachen, stand ich auf, trat nahe an ihn heran, beugte mich zu ihm hinunter und sagte: „Wissen Sie was? (…) Sie sollten sich schämen.“ (…) Dann ging ich hinaus. Es dauerte nicht ganz eine Minute, bis die Protokollführerin mir aufgeregt nacheilte und sagte: „Er weint, er weint. (…) Er möchte ein Geständnis ablegen.“ (…)

Seine Eltern waren sich nicht einig in Erziehungsfragen. Insbesondere der Vater, dem es an Konsequenz mangelte, ließ dem Sohn alles durchgehen, meist hinter dem Rücken der strengeren Mutter. (…) Das brachte ihm jedoch keine Sympathien ein, sondern führte vielmehr dazu, dass ihn der Junge als Schwächling verachtete und seine Mutter gleichzeitig mehr und mehr hasste. (…) Jedenfalls mussten die Eltern zusehen, wie es mit ihrem Sohn immer weiter bergab ging. (…)

René hatte bis 6.00 Uhr morgens an diesem Tag vor dem PC gesessen (…). Kaum aufgestanden, kamen plötzlich seine Eltern ins Zimmer und stellten ihn zur Rede (…). Dann forderten sie ihn (…) ultimativ auf, bis Ende der Woche auszuziehen. (…) Diesmal schienen seine Eltern ernst zu machen (…). Es kochte in ihm. Eine ganze Stunde lang. Dann entschloss er sich, beide zu töten.

Das Samuraischwert bewahrte er im Bettkasten auf. Er zog es aus der Scheide, öffnete die Zimmertür und spähte in den Flur. Seine Mutter saß in der Küche am Tisch, mit dem Rücken zu ihm. Sie las Zeitung und ahnte nichts Schlimmes. Nur mit Socken an den Füßen schlich er sich von hinten an sie heran. (…) Die Klinge traf zielgenau an der rechten Halsseite auf und trennte den Kopf nahezu vollständig vom Rumpf ab. Tödlich getroffen, sank Monika K. lautlos zu Boden.

Dann begab sich René K. zum elterlichen Schlafzimmer (…). Er wusste, dass sein Vater dort wie immer (…)nach dem Mittagessen etwas fernsehen und (…) ruhen würde.

Er wollte auch ihn töten. Plötzlich aber kam ihm eine andere, scheinbar bessere Idee (…) Er würde den Vater des Mordes an seiner Frau beschuldigen und damit zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Damit, so dachte er, sei er nicht nur die verhassten Eltern los, sondern bekäme auch die Eigentumswohnung. (…) Möglicherweise würde der wachsweiche Vater vielleicht sogar die Tat gestehen und freiwillig ins Gefängnis gehen, um ihn zu schützen. (…)

Mein Gott, dachte ich nach dem Urteilsspruch, was haben diese Menschen nur falsch gemacht? (…) Beide Eltern waren übrigens zum Zeitpunkt des Verbrechens damit beschäftigt, in der Zeitung nach Stellenanzeigen für ihren Sohn zu suchen. Die Mutter am Küchentisch sitzend, der Vater im Schlafzimmer.

Der wahre Fall: Die Tatwaffe war ein Samuraischwert

„Hat man sich entschlossen, einen Menschen zu töten, muss man den direkten Weg wählen. Der Weg des Samurai ist der unmittelbare.“ Diese beiden Sätze hatte sich Nesthocker René K. (21; alle Namen verändert) notiert, ehe er am Mittag des 19. Juni 2003 (Fronleichnams-Feiertag) in Ramersdorf seine Mutter Monika K. (50) mit einem einzigen Hieb seines Samurai-Schwertes enthauptete. Schlusspunkt einer familiären Tragödie, die sich über Jahre anbahnte. Auslöser war die Ankündigung der Eltern, den längst erwachsenen Sohn aus dem Hotel Mama zu werfen. René K. wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Aufgrund seiner Jugend und seines umfassenden Geständnisses ersparte ihm der Richter die besonderen Schwere der Schuld. Somit kann René K. ab dem Jahr 2018 prüfen lassen, ob eine Freilassung für ihn in Frage kommt.

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