Rentner im Unruhestand

Arbeit trotz Rente: Immer mehr Menschen müssen weiter werkeln

+
Maria-Teresa Cabezas Padin muss trotz Rente putzen gehen.

Immer mehr Rentner müssen arbeiten gehen, anstatt ihren Ruhestand zu genießen. Aber nicht alle arbeiten noch, weil sie es müssen. Viele haben einfach Spaß bei ihrer Tätigkeit.

München - Endlich Ruhestand! Da hat man ein Leben lang gearbeitet und darf ab 65 schließlich die Füße hochlegen – nicht unbedingt. Denn viele Rentner arbeiten weiter. In Deutschland ist weit mehr als ein Viertel aller Rentner in den ersten drei Jahren nach Übergang in die Altersrente erwerbstätig. Und es werden stetig mehr. Laut der Bundesagentur für Arbeit gab es im September 2018 mehr als 1,4 Millionen Beschäftigte, die 65 Jahre und älter sind, gut 1,1 Millionen haben einen Minijob.

Die meisten haben einfach Spaß bei der Arbeit - Viele müssen aber aus Finanziellen Gründen arbeiten

Zum Vergleich: Vor zehn Jahren waren es rund 800.000. Die Gründe, warum Menschen im Ruhestand immer noch arbeiten, hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in einer Statistik erhoben: Rund 90 Prozent der erwerbstätigen Rentner haben Spaß bei der Arbeit, brauchen den Kontakt zu anderen Menschen oder wünschen sich weiterhin eine Aufgabe. Ein Großteil der Befragten führt aber auch finanzielle Gründe an. Über die Hälfte der Befragten gaben an, das Geld zu brauchen. Das gilt besonders für Frauen: 70 Prozent der Rentnerinnen, aber nur 53 Prozent der Rentner gaben an, auf das Geld angewiesen zu sein. Wir haben mit fünf Münchner Rentnern gesprochen, die noch immer fleißig werkeln.

Kürzlich wurde bekannt, dass viele ältere Arbeitnehmer früher in Rente gehen wollen. Eine Studie zeigt: Das belastet erheblich die Rentenkasse. Mit verheerenden Folgen.

Maria-Teresa Cabezas Padin: „Ich putze, weil das Geld nicht reicht“

Wegen gesundheitlicher Probleme ist Maria-Teresa Cabezas Padin eigentlich seit 2013 im Ruhestand. Die 65-Jährige hatte mehrere, verschiedene Jobs. Viele Jahre hat sie geputzt – und tut es noch. Es bleibt ihr nichts anderes übrig. Gerade mal 430 Euro Rente bekommt sie im Monat. Das reicht nicht einmal für die Miete. Für ihre 53 Quadratmeter große Wohnung zahlt die alleinstehende Frau 537 Euro. „So viel wie früher könnte ich heute nicht mehr arbeiten“, sagt sie.

Die Rentnerin putzt nun fünf Tage die Woche jeweils zwei Stunden pro Tag in einer Arztpraxis für 450 Euro im Monat. Sie ist auf die Hilfe wohltätiger Vereine angewiesen wie die Münchner Seniorenhilfe Lichtblick, die sie bei der Finanzierung ihres Kühlschranks unterstützt hat. „Ich habe mein ganzes Leben lang gearbeitet“, sagt Cabezas Padin traurig. Weniger die Arbeit mache ihr zu schaffen, als das wenige Geld. „Ohne Arbeit kann ich auch nicht sein. Ich kann ja nicht den ganzen Tag nur fernsehen“, sagt sie.

Jutta Vollmer: „Ich liebe meinen Beruf und will mich sozial einbringen“

Jutta Vollmer (65) aus Feldmoching arbeitet sechs Stunden die Woche als Erzieherin im städtischen Haus für Kinder an der Geyerstraße. Eigentlich ist sie seit September 2017 in Rente. Aber: „Ich liebe meinen Beruf“, erklärt die Mutter zweier Kinder. Auf das Geld sei Vollmer nicht angewiesen, da sie und ihr Mann gemeinsam genügend Rente bekämen. Die 65-Jährige war jahrelang in der Versicherung tätig, hat dann aber 1994 ihre wahre Berufung gefunden. Sie wurde Kinderpflegerin.

Im Alter von 55 Jahren hat Vollmer zusätzlich eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht. „Der Beruf ist mal mehr, mal weniger anstrengend. Nach sechs Stunden am Stück ist man schon mal kaputt“, sagt Vollmer. Aber: „Ich finde es wichtig, dass ich mich auf diese Weise immer noch sozial einbringen kann.“ Seit 2012 bietet die Stadt Erziehern im Ruhestand an, einen Minijob in einer städtischen Kita anzunehmen. Derzeit arbeiten 93 Rentner in Münchner Kitas.

Manfred Patzke: „Ich brauche immer was zu tun“

Manfred Patzke (78) hat ein langes und bewegtes Leben. Geboren ist der Rentner in Danzig, musste dort den Horror des zweiten Weltkriegs als Kleinkind miterleben. Man möchte meinen, mit fast 80 Jahren möchte der Rentner aus Oberföhring einmal ausspannen. Weit gefehlt! Er arbeitet nach wie vor, sogar in einem anspruchsvollen Job: Er schaltet den Alarm in einem Marktkauf an der Feringastraße scharf.

Patzke sorgt also dafür, dass alle Türen sicher geschlossen sind und die Alarm-Schaltung der Türen aufeinander abgestimmt ist – eine komplizierte Prozedur, die schon mal drei bis vier Stunden in Anspruch nimmt. „Ich bekomme wenig Rente, zum Leben würde sie aber reichen“, sagt Patzke. Rund 400 Euro verdient er im Monat durch seinen Minijob bei Marktkauf. „Ich brauche einfach immer was zu tun“, erklärt der 78-Jährige. Der ehemalige Elektromeister hilft zudem anderen Senioren bei der Reparatur elektronischer Geräte, spielt die steirische Harmonika in ASZs, ist in einer Seniorentheatergruppe und spielt auch noch Tennis.

Ingeborg Wieland: „Ich bin auf meinen Job angewiesen“

Ingeborg Wieland (68) lebt alleine in einer 50-Quadratmeter-Wohnung in Neuperlach. Seit drei Jahren ist die selbstständige ITlerin in Rente. Da diese jedoch zum Leben nicht ausreicht, arbeitet sie als Essensträgerin im Schwabinger Lustspielhaus für 450 Euro im Monat. „Ich wäre gerne nicht auf den Job angewiesen, mag ihn aber trotzdem. Ich habe nette Kollegen und das Lustspielhaus bietet eine interessante Atmosphäre,“ sagt sie.

Lutz Schumacher: „Ich brauche den Kontakt zu Menschen“

Lutz Schumacher (67) bezieht wie viele Rentner Grundsicherung. Zusätzlich arbeitet er als Demenz-Begleiter bei der Caritas München Nord. „Für meinen Job bekomme ich eine Aufwandsentschädigung von 200 Euro“, sagt er. Mehr dürfe er zur Grundsicherung auch nicht dazu verdienen. „Ich tue es nicht fürs Geld. Ich brauche etwas zu tun und ich will mit Menschen in Kontakt sein“, erklärt der alleinstehende Rentner.

Laura Felbinger

Erst mit 67 in Rente - für viele eine Horrorvorstellung. Wer schon früher raus will aus der Arbeitswelt, sollte folgende vier Regeln verinnerlichen.

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

MVG-Kracher: Kommt das Kombi-Ticket nach München?
MVG-Kracher: Kommt das Kombi-Ticket nach München?
Amateurfußball in München: Torwart (43) mit unfassbarem Ausraster - Verein mit drastischer Maßnahme
Amateurfußball in München: Torwart (43) mit unfassbarem Ausraster - Verein mit drastischer Maßnahme
Münchens neuer Christbaum steht mit Verzögerung: An den Vorgänger reicht er nicht heran
Münchens neuer Christbaum steht mit Verzögerung: An den Vorgänger reicht er nicht heran
Münchner kämpfen mit 6500 Unterschriften für Natur und gegen Bauvorhaben - „grob sittenwidrig“
Münchner kämpfen mit 6500 Unterschriften für Natur und gegen Bauvorhaben - „grob sittenwidrig“

Kommentare