Mehr Grün und Wasser für die Stadt

Wie München dem Hitzekollaps entgehen soll

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Oase am Dach: Thorsten Glauber (48) sät Pflanzen auf seinem Umweltministerium

Grüne Fassaden, weniger versiegelte Flächen, natürliche Sauerstoffinseln: Umweltminister Thorsten Glauber will Bayerns Städte fit machen für den Klimawandel. Ein neues Projekt soll den Kommunen unter die Arme greifen.

München – Die jüngste Hitzewelle schwappt gerade wieder über Bayern hinweg – und die Städte heizen sich dabei besonders auf. In Scharen strömen die Münchner bei solchen Temperaturen in Oasen wie den Englischen Garten oder an den Flaucher an der Isar. Das hat einen guten Grund: In den grünen Inseln Münchens ist es auch an Hitze-Tagen deutlich kühler als in dicht bebauten Wohnvierteln. Denn an den Grünflächen nehmen Boden und Pflanzen Regenwasser auf wie ein Schwamm, statt es wie die Kanalisation einfach zu schlucken. Dieses gespeicherte Wasser verdunstet – und kühlt damit die Umgebung. So funktioniert die natürliche Klimaanlage für die Stadt.

In München wird es immer wärmer

Solche Effekte will Umweltminister Thorsten Glauber (FW) künftig stärker nutzen, um Bayerns Städte gegen den Klimawandel zu wappnen. „Die Städte wärmen sich auf wie ein Kachelofen“, sagt Glauber. „Wir werden die globale Erwärmung in Metropolen wie in München viel stärker spüren als auf dem Land.“ Schon jetzt beträgt der Temperaturunterschied zwischen Stadt und Umland an manchen Sommertagen bis zu zehn Grad. Forscher der Technischen Hochschule Zürich kamen zu dem Ergebnis, dass München im Jahr 2050 die Durchschnittstemperaturen des 350 Kilometer südlich gelegenen Mailands erreichen wird. „Aktuell haben wir in München im Schnitt rund 30 Tropentage im Jahr, an denen mehr als 30 Grad gemessen werden“, sagt Glauber. „In 20 Jahren könnten es noch mal 30 Tage mehr sein.“

Bepflanzte Fassaden und viele Bäume gegen die Hitze

Mit dem neuen Projekt „Stadt.Klima.Natur“ will Glauber Städte und Kommunen dabei unterstützen, Wege gegen die Erhitzung zu finden. 3,5 Millionen Euro sollen für mehrere Pilotprojekte bereitgestellt werden. Damit sollen etwa natürliche Klimaanlagen und Frischluftschneisen für Städte geplant und eine verbesserte Bauleitplanung erwirkt werden. In Zusammenarbeit mit dem Bauministerium sollen außerdem Arbeitshilfen für die Kommunen entstehen, um klimaangepasste Planungen vor Ort zu erleichtern. „Wir brauchen grüne Fassaden mit Moosen und Farnen, Verdunstungsflächen und Wasser in der Stadt“, sagt Glauber. Bei Neubauten werde darauf schon Wert gelegt, doch auch an den Gebäudebestand müsse man ran – auch wenn er zugibt, dass das nicht allzu leicht ist.

Grünes Bauvorhaben: Das grüne Hochhaus soll an der Arabellastraße 26 - 28 entstehen.

Der beste Weg, um die Situation am Bestand zu ändern, sind Bäume, viele Bäume – und grüne Fassaden, sagt Sebastian Gardt vom Umweltverein Green City. Er arbeitet im Begrünungsbüro, in dem sich die Münchner kostenlos beraten lassen können, wenn sie ihr Dach, ihre Fassaden oder ihren Innenhof begrünen lassen wollen. Immer wieder kommen Menschen zu Gardt, die sagen, dass sie es wegen der Sommerhitze nicht mehr aushalten in ihrer Wohnung. Ihnen rät der Experte: „Wenn sie einen Balkon haben: So viele Pflanzen vors Fenster wie es nur geht.“ So sammelt sich die Wärme nicht hinter der Jalousie – und die Verdunstungskälte wirkt wie ein kleiner Englischer Garten als natürliche Klimaanlage. Im Gegensatz zur herkömmlichen Klimaanlage wird die Wärme dabei aber nicht einfach nur nach draußen geblasen – was das Problem nur verlagert.

Innerstädtischer Klimaschutz und die Schaffung von Wohnraum müssen einander ergänzen

Christian Hierneis, Grünen-Abgeordneten im Landtag und Vorsitzender des Münchner Bund Naturschutz, begrüßt Glaubers Vorstoß für mehr grüne Inseln in den Städten. „Wir dürfen die verbleibenden Grünflächen und auch die Frischluftschneisen in unseren Städten nicht anfassen, wir brauchen sie heute dringender denn je.“ Im Bundesbaugesetz sei der Klimaschutz zwar bereits verankert. „Das Problem ist: In der Realität wird es nicht umgesetzt.“ München weise schon jetzt einen Versiegelungsgrad von fast 50 Prozent auf. „Und ständig kommen neue Bebauungspläne dazu.“

Grüne Vision: Das Architektenbüro Vincent Callebaut zeigt, wie Paris 2050 aussehen könnte

Natürlich kennt auch Hierneis den Spagat, den die Metropolen zu bewältigen haben. Einerseits ihr innerstädtisches Klima zu schützen, andererseits Wohnraum für die vielen Zuzügler zu schaffen. Hierneis fordert deshalb, bei der Bebauung nur noch auf versiegelte Flächen zu setzten. „Im Euroindustriepark zum Beispiel haben wir riesige Parkplätze. Wenn wir hier stattdessen auf Parkhäuser setzen würden, hätten wir auf den eh schon versiegelten Flächen auch noch Platz für Wohnungen und Grünflächen.“

Grünflächen statt Parkplätze

Doch Hierneis wird bei dem Thema auch grundsätzlich. „Woran liegt es denn, dass immer mehr Menschen in die Städte drängen? Weil wir keine gleichwertigen Lebensverhältnisse auf dem Land haben.“ Um das Klimaproblem in den Städten zu lösen, müssten die Weichen seiner Meinung nach außerhalb der Stadtgrenzen gestellt werden. Arbeitsplätze und Studienmöglichkeiten aufs Land, statt in die Metropolen – das ist sein Lösungsansatz.

Für Umweltminister Thorsten Glauber ist das Schaffen von Grünflächen zwar nur ein Mosaikstein für die klimaangepasste Stadt der Zukunft. Aber ein wichtiger. „Wir fordern vom Bund deshalb Anreize und Instrumente, um die Anpassung an den Klimawandel und den Klimaschutz bei der baulichen Entwicklung der Städte noch stärker als bisher zu berücksichtigen“, sagt Glauber. Die Bauleitplanung sollte aus seiner Sicht so angepasst werden, dass Flächen freigehalten werden müssen, auf denen Regenwasser gespeichert werden kann. Und am Ende müsse man auch bei der Versiegelung von Städten ansetzen. „Ja, vielleicht müssen auch mal Parkplätze für Bäume weichen.“

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Am Freitag (17. September) soll auch in München ein Klimastreik stattfinden. Während Schüler zur Teilnahme ermutigt werden, warnen Arbeitgeber vor Konsequenzen.

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