Zwei Mieterinnen berichten

Münchens Vermieter zu Corona-Zeiten: Zwischen Profitgier und Menschlichkeit

München in Corona-Zeiten: Auf der einen Seite sind Vermieter getrieben von Profitgier - und auf der anderen Seite beweisen sie Menschlichkeit. 

  • Der Mietmarkt in München ist umkämpft und das Leben in der Landeshauptstadt nicht günstig
  • Im Zuge der Corona-Krise* kann man die Stadt nun von zwei Seiten erleben
  • München zeigt in Corona-Zeiten zwei Gesichter - zwischen Profitgier und Herz

München - Seit Jahren ist der Münchner Mietmarkt hart umkämpft, ständig steigen die monatlichen Kosten. Schockierend aber ist für viele: Trotz der Corona-Krise* gibt es Eigentümer, die derzeit knallhart die Miete weiter erhöhen – zum Leidwesen vieler Münchner. Teils müssen Betroffene über 100 Euro mehr pro Monat berappen. 

München in der Corona-Krise: So dreist sind die Mieter

Aber: Es gibt auch positive Fälle. Geschichten von Vermietern, die ihren Mietern unter die Arme greifen, ihnen teils sogar die ganzen Abgaben erlassen. Wir schildern hier einige Schicksale – zwischen Angst und Hoffnung. Und wir sprachen mit dem Mieterverein über die Entwicklungen.

Monika Wipper (79) weiß nicht mehr weiter. Sie bekommt 1308 Euro Rente im Monat. Und nun das: Die Seniorin soll urplötzlich 117 Euro mehr Grundmiete bezahlen. Statt 632 Euro satte 749 Euro! Der Vermieter des Wohnblocks an der Josephsburgstraße 9, in dem sie seit 1990 auf 65 Quadratmetern wohnt, begründet den Zuschlag damit, dass die Wohnung über „guten Boden“ verfüge sowie eine Terrasse habe.

„Wie soll ich das bezahlen? Zudem ist der Parkettboden uralt und nur in einem Zimmer verlegt“, sagt Monika Wipper verzweifelt. Hinzu kommen ja auch noch 145 Euro Betriebskosten pro Monat. So bleiben Monika 400 Euro im Monat – für Essen, Strom, Telefon und laufende Kosten! Der Vermieter sieht den Fall ganz anders: Die Erhöhung sei geringer, weil es schon einmal eine Mietminderung gab. Zudem bestehe kein Zusammenhang zwischen Erhöhung und Corona-Krise*.

So wie Monika Wipper geht es auch Hans G. aus Starnberg: Unbeeindruckt von Krise und Kurzarbeit erhöht auch seine Vermieterin die monatlichen Kosten für eine 74-Quadratmeter-Wohnung – und zwar von 920 Euro auf 1012 Euro. „Dabei sind meine Frau und ich schon in Kurzarbeit, wir können kaum die bestehende Miete bezahlen“, so der Betroffene.

Erhöhungsschreiben hat übrigens auch die Genossenschaft München West, der 3361 Wohnungen gehören, verschickt. Und die Wacker Chemie Pensionskasse, die in München nach eigener Auskunft mehrere hundert Wohnungen besitzt. Laut Unternehmenssprecher Christof Bachmair ist das „ein Routinevorgang“ – und zur Abdeckung der Versorgungsansprüche der Pensionäre des Unternehmens „zwingend erforderlich“. Aber man werde „denjenigen Mietern entgegenkommen, die glaubhaft nachweisen, dass sie wegen der Auswirkungen der Corona-Krise in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten sind“.

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München in der Corona-Krise: Es gibt auch positive Beispiele

Wenn Friseurin Monika Habich (66) an ihren Vermieter denkt, muss sie kurz lächeln. Trotz der harten Zeiten, trotz Corona*. Seit sie ihr Geschäft schließen musste, merkt sie, wie sehr sie ihre Arbeit, den Kontakt zu ihren Kunden liebt. Immerhin rief vor zwei Wochen ihr Vermieter an: „Er hat gesagt, dass ich jetzt erst mal zwei Monate lang keine Miete bezahlen muss und wir dann weitersehen.“

Wann sie ihren kleinen Salon in Starnberg, den sie seit zwölf Jahren an der Josef-Jägerhuber-Straße betreibt, wieder öffnen kann, ist offen. „Für mich ist das eine Qual, ich würde am liebsten gleich weiterarbeiten, ich habe schon vorher sehr aufgepasst und mit Mundschutz und Handschuhen gearbeitet und alle Kunden nach dem Eintreten gebeten, sich die Hände zu waschen.“ Die Nebenkosten laufen weiter, die Einnahmen sind weggebrochen.

Das Wirteehepaar Pamela und Till Weiß, welches den Augustiner am Wörthsee betreibt, freut sich ebenfalls über einen großzügigen Vermieter. Die Brauerei hat ihnen eineinhalb Monatsmieten erlassen. Zum Glück gibt es viele solcher positiven Beispiele, die Mut machen.

Und zwar auch richtig große Vermieter – etwa die Vonovia (mit deutschlandweit 400 000 Wohnungen und in München 5300 Wohnungen). Auch dieses Unternehmen reagiert: „Mit der Ausbreitung des Coronavirus wachsen die wirtschaftlichen Risiken für viele Freiberufler, Beschäftigte und Unternehmen“, sagt Vonovia-Regionalbereichsleiter Carsten Baurigk: „Wir verzichten auf marktbedingte Mieterhöhungen, haben alle Wohnungsräumungen abgesagt und bieten Mietern Hilfen an, wenn sie in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten.“

Und die Genossenschaft Wogeno hat einen Härtefonds eingerichtet und ruft nun Mitglieder auf, für diejenigen zu spenden, die wegen Corona und den damit einhergehenden Problemen unverschuldet in wirtschaftliche Not geraten sind.

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Die Corona-Krise in München: Das sagt der Miet-Experte

„Das sind tolle und wichtige Gesten!“, freut sich Volker Rastätter, Geschäftsführer des Mietervereins München, über Vermieter, die ihren Mietern in der Krise entgegenkommen: „Diesen Beispielen sollten weitere Vermieter folgen, sofern es ihnen möglich ist. Im Endeffekt werden auch sie davon profitieren, wenn sie mit Mietern solidarisch sind. Denn wenn kleine Geschäfte reihenweise Insolvenz anmelden müssen, bekommen Vermieter ihre Gewerbeeinheiten in Zukunft auch nicht mehr so leicht vermietet.“ 

Die Vermieter, die in der Krise die Abgaben erhöhen, kritisiert Rastätter scharf: „Solche Fälle bekräftigen unsere Forderung nach einem sechsjährigen Mietenstopp, den wir mit unserem Volksbegehren durchsetzen wollen.“ Er begrüßt, dass der Gesetzgeber einen Schutzschirm für Mieter aufgespannt hat, der sie vor Kündigung schützt, wenn sie wegen Corona Mieten erst später bezahlen können. Rastätter fordert zusätzlich einen „Sicher-Wohnen-Fonds“, der einspringt, wenn Mieter später ihre Mietschulden nicht mehr begleichen können. Weiterhin sollten Eigenbedarfskündigungen begrenzt werden, sodass Vermieter nicht mehr für Hausangestellte oder entferntere Verwandte kündigen können.

S. Sasse

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Rubriklistenbild: © Foto: Michael Westermann

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