“Vermehrt Vorkommnisse im Kundenverkehr“

Sozialamt-Wahnsinn: 142 Angriffe in nur einem Jahr - jetzt reagiert die Stadt

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Will mehr Sicherheit: Sozialreferentin Dorothee Schiwy

Wohnungsnot und Armut in München nehmen dramatische Züge an. Die Folge: Mitarbeiter von Sozialbürgerhäusern, Jobcenter und Wohnungsamt werden immer häufiger attackiert. 

München - Münchens Ämter werden zu Hochsicherheitszonen! Beleidigungen sind an der Tagesordnung in Münchens Sozialbehörden. Es gibt aber auch Drohanrufe und körperliche Übergriffe. In der letzten Zeit habe es „vermehrte Vorkommnisse im Kundenverkehr mit Messern und anderen Waffen“ gegeben, wie es in dem Bericht über das neue Sicherheitskonzept heißt, den Sozialreferentin Dorothee Schiwy (SPD) am kommenden Mittwoch dem Stadtrat vorlegt.

Die Zahlen sind eindeutig: 2012 gab es 73 Übergriffe in den Sozialbehörden, 2015 schon 106, 2017 waren es 142. Die Anliegen der Kunden beträfen oft existenzielle Themen, „Frustrationen sind da oft unvermeidbar“, sagt Dorothee Schiwy. Zudem nehme die Zahl psychisch auffälliger Menschen zu.

Mehr als die Hälfte aller 4500 Arbeitsplätze im Sozialreferat fallen unter die höchste der vier von der Stadt Stadt definierten Gefährdungsstufen. Zum Teil ist der bessere Schutz der Mitarbeiter nun bereits umgesetzt. Alle Mitarbeiter mit Kundenkontakt haben jetzt Taschenalarme, mit denen sie per Knopfdruck mit einem 120-Dezibel-Schrillen auf sich aufmerksam machen können. Teeküchen, Besprechungsräume und Personaltoiletten sind nicht für Besucher zugänglich. Einige schwer einsehbare Wartebereiche wurden umgebaut.

Wachdienstkräfte mit wenig Deutschkenntnissen

Riesenprobleme hatte es zuletzt mit dem Sicherheitsdienst in den Behörden gegeben. In manchen Fällen hätten die „Wachdienstkräfte wenig bis keine Deutschkenntnisse“ gehabt, „aufgrund ihres Alters nicht über die notwendige Fitness verfügt“ und öfter „nicht angemessen oder sogar überhaupt nicht in Not- oder Übergriffsfällen reagiert“. Nun wird die Ausschreibung für die Security-Firmen geändert. Künftig bekommt nicht der günstigste Dienst den Zuschlag. Bei der Bewertung der Angebote fließt der Preis nur mehr mit 40 Prozent ein. 60 Prozent macht die Qualität aus, also etwa die Deutschkenntnisse der Mitarbeiter, ihre soziale Kompetenz, Fitness und die Teilnahme an Schulungen.

Geplant sind viele weitere Maßnahmen. Zwar haben alle Mitarbeiter schon seit Jahren Notrufknöpfe unterm Schreibtisch – drückt jemand, wird die Zimmernummer dem Wachdienst gemeldet. Das Funk-Alarmsystem ist aber so veraltet, dass „eine Wartung und die Beschaffung von Ersatzteilen nicht mehr möglich ist“, so der Bericht. Bis Ende 2020 soll ein neues System her. Nicht alle Sachbearbeiterzimmer haben Türen zu den Nachbarbüros. Gerade wird geprüft, wo solche „Fluchttüren“ nachgerüstet werden. Auch über die Videoüberwachung einzelner Bereiche und eine freiwillige Taschenkontrolle denkt man nach. Eine Entscheidung hierüber soll aber erst 2019 fallen.

Das sagen Augenzeugen

Auseinandersetzungen im Sozialreferat

David Michels (26) saß bis vor Kurzem noch im Gefängnis – jetzt will er einen Neustart hinlegen. „Ich möchte gern arbeiten“, erzählt der Münchner. „Vom Jobcenter bekomme ich den Hartz-4-Regelsatz, aber mit 480 Euro kann man keine großen Sprünge machen.“ Sein größtes Problem derzeit ist: Er braucht dringend neue Klamotten. „Damit kann ich mich ja schlecht bewerben“, sagt er und breitet dabei die Arme aus. „Ich habe nur das, was ich am Körper trage. Darum habe ich mich gerade nach Kleidergeld erkundigt. Aber die Beamten sagten mir, dass das nicht geht.“ Eine Tatsache, die er nicht versteht. Viele Menschen seien hier verärgert, wenn sie das Gebäude verlassen. Das sei einfach eine schwierige Situation für alle. „Ich habe sogar mitbekommen, wie ein Mann aus purer Verzweiflung vom Dach gesprungen ist. Hier, genau vor meinen Augen.“

„Hier flog ein Computer“

Auseinandersetzungen im Sozialreferat

Hans-Joachim Raschke (61) ist obdachlos. Immer wieder besucht der Münchner daher auch das Wohnungsamt an der Franziskanerstraße. Auch er ist gefrustet und verärgert. „Ich habe heute nach einem Vorschuss gefragt, da ich nichts mehr zu essen habe“, erklärt er. „Alle geforderten Unterlagen habe ich dabei, zumindest soweit ich das kann.“ Die ganze Bürokratie falle ihm einfach unheimlich schwer – ohne Wohnsitz. „Aber man hat mir gesagt, dass ich bis Montag warten muss.“ Dass so mancher der psychischen Belastung nicht gewachen ist, kann er nachvollziehen. „Ich habe letztens erst beobachtet, wie es zu einem Streit kam – und jemand einen Computer vom Schreibtisch des Angestellten schleuderte. Der war einfach so gefrustet.“

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