„Ein ständiger Gewissensdruck“

Münchner Ex-Mönch packt aus: Die Wahrheit über das Zölibat

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Anselm Bilgri mit seinem Buch „Bei aller Liebe. Warum die katholische Kirche den Zölibat freigeben muss“.

Einst wurde er von Joseph Ratzinger zum Priester geweiht, später wurde er Mönch im Kloster Andechs, nun packt Anselm Bilgri aus. 

München - Der in Unterhaching geborene ehemalige Benediktinermönch Anselm Bilgri (64) fordert in seinem neuen Buch die Abschaffung des Zölibats. „Die katholische Kirche lügt sich selbst in die Tasche, indem sie eine Forderung aufstellt, die schon immer schwierig einzuhalten war. Und heute, in unserer Zeit, in der Sexualität kein Tabu-Thema ist, ist es noch schwieriger“, sagte er im Interview der Deutschen Presse-Agentur. 

Bilgri, der einst von Joseph Ratzinger zum Priester geweiht wurde, hatte vor fast 15 Jahren bundesweit Schlagzeilen gemacht, weil er das berühmte Kloster Andechs verließ und aus dem Benediktinerorden austrat. Ein Grund dafür, dass er kein Mönch mehr sein wollte, so sagt er heute, sei auch der Zölibat gewesen. 

Aus dem Kloster ausgetreten

„Der Zölibat soll ein Zeichen sein, das auf das Jenseits verweist, wo es keine Ehe mehr gibt. Aber dieses Zeichen wird heute auf keinen Fall mehr von den Menschen verstanden - ganz im Gegenteil, weil man viele Priester dazu zwingt, ihre sexuellen Empfindungen heimlich zu leben.“ Bilgris Buch „Bei aller Liebe. Warum die katholische Kirche den Zölibat freigeben muss“ ist seit Dienstag auf dem Markt.

Bilgri: Es gab Gerüchte, aber es wird totgeschwiegen 

Über seine eigenen Probleme mit dem Zolibät sagte er gegenüber dem Augsburger Allgemeine: „Als ich eingetreten bin (ins Priesterseminar, d.Red.), war ich begeistert und hatte die feste Überzeugung, ich kann den Zölibat halten. Mit der Zeit sieht man das realistischer. Es kann dann auch sehr einsam im Kloster sein. Man sehnt sich nach Zweisamkeit, Zärtlichkeit und körperlicher Nähe.“

Offen gesprochen werde hinter den Klostermauern darüber nicht: „Jeder weiß vom anderen, dass er genauso mit dem Zölibat kämpft, aber man redet nicht darüber. Es gab Vermutungen und Gerüchte. Aber es wird totgeschwiegen, weil es offiziell nicht sein darf.“

Ein Drittel ist homosexuell, ein Drittel heterosexuell aktiv

„Es gibt eine Schätzung, die davon ausgeht, ein Drittel der Priester ist heterosexuell aktiv, ein Drittel homosexuell und ein Drittel versucht es redlich, sich daran zu halten“, sagte er. „Dabei sind es gerade die Konservativen, die besonders streng mit sich sind, die irgendwann merken, dass es nicht klappt - und das macht dann oft noch verbitterter, weil man unter einem ständigen Gewissensdruck steht.“

Früher wurden 50 Priester geweiht - in diesem Jahr drei

In einem Interview mit infranken.de gibt Bilgri der katholischen Kirche eine Mitschuld am Priestermangel: „Als Joseph Ratzinger zum Priester geweiht wurde, wurden mit ihm noch 40, 50 Priester in Freising geweiht - in diesem Jahr drei. Das liegt sicher auch an unserer säkularisierten Gesellschaft, aber eben auch an der Familienpolitik der Kirche der vergangenen 50 Jahre. Diejenigen, die heute noch Priester werden, wollen ein katholisches Milieu, das es so gar nicht mehr gibt. Darum sind die jungen Priester heute insgesamt sehr konservativ.“

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mag/dpa

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