Preis-Irrsinn geht weiter

Bloß weg! Wegen Wohnungsnot und Mietpreis-Wahnsinn hauen immer mehr Münchner ab

+
Eva Janssen hat die Umzugskisten gepackt - jetzt lebt sie in Nürnberg.

Hohe Mieten und eine unsichere Wohn-Zukunft. Viele ältere Münchner zieht es aus der Stadt weg. Der Landeshauptstadt droht eine „graue Wohnungsnot“.

München - München wächst. Wer herzieht, ist jung, sucht einen guten Job und kommt oftmals aus dem Ausland. Andere Bevölkerungsgruppen dagegen verlassen die Stadt: Familien, die sich hier keine größere Wohnung mehr leisten können. Und Menschen, deren Ruhestand näher rückt. 

Sie müssen immer weiter wegziehen, denn in den sogenannten Speckgürtel-Gemeinden haben die Preise längst annähernd mit der Stadt gleichgezogen.

Laut statistischem Jahrbuch von 2017 zogen 45 000 deutsche Neu-Münchner zu, 50 650 Münchner mit deutschen Wurzeln wanderten ab. Ein Umzug in den Speckgürtel ist nicht mehr die Lösung, denn auch hier liegen die Bestandsmieten fast auf München-Niveau, zeigt eine aktuelle Statistik des Immobilienverbands Deutschland (IVD). 

Auch im Speckgürtel steigen die Preise

Nach dieser beträgt die Münchner Durchschnitts-Kaltmiete 16,70 Euro pro Quadratmeter. In umliegenden Gemeinden mit S-Bahnanschluss ist sie kaum niedriger, etwa in Taufkirchen (14,80 Euro) und Gauting (15,30 Euro). Mancherorts wohnt man sogar teurer als in München, etwa in Pöcking (17,50 Euro) und Starnberg (16,90 Euro). Nur dort, wo es keinen S-Bahnanschluss in der Nähe gibt, ist es günstiger, etwa in Geretsried (10,30 Euro).

Lesen Sie auch das: Plus bei München-Zulage? Reiter und SPD wollen mehr Geld für Stadt-Mitarbeiter

Volker Rastätter, Geschäftsführer des Mietervereins München, sieht eine besorgniserregende Entwicklung: Menschen bleiben notgedrungen in Wohnungen, die nicht mehr zu ihrer Lebenssituation passen – etwa weil sie eigentlich nach der Geburt eines Kindes mehr Platz bräuchten –, oder sie wandern ab. „Familien stoßen immer häufiger an ihre Grenzen. Auch beobachten wir aktuell, dass sich auch schon Münchner, die in zehn Jahren in Rente gehen, große Sorge um ihre Wohnsituation im Rentenalter machen. Denn wer zur Miete lebt, kann immer zum Beispiel eine Eigenbedarfskündigung erhalten. Wer dann eine neue Wohnung braucht, findet mit einer durchschnittlichen Rente nur noch sehr schwierig etwas Bezahlbares in München.“

München droht die „graue Wohnungsnot“ 

Sinkende Renten bei steigenden Mieten – das Problem verschärft sich von Jahr zu Jahr. Forscher des Pestel-Instituts in Hannover warnen in einer aktuellen Studie eindringlich vor einer Welle der „grauen Wohnungsnot“, wenn demnächst die geburtenstarken Jahrgänge der 60er-Jahre in Ruhestand gehen. 

Vielleicht interessiert Sie auch das: Wegen Wohnungsnot! Grüne wollen Mietobergrenze

Matthias Günther, Vorstand des Pestel-Instituts, prognostiziert für München eine regelrechte Umzugswelle. Erste Anzeichen sind schon erkennbar, wie die folgenden exemplarischen Fälle zeigen.

Fall 1

Eva Janssen (56) ist schon weg aus Oberbayern. Die Angestellte, die in Taufkirchen lebte, ist im Januar nach Nürnberg gezogen – schweren Herzens, aber befreit von einer finanziellen Last. Denn dort hat sie eine neue Stelle gefunden – und zahlt jetzt nur noch neun Euro kalt pro Quadratmeter – statt zuvor 15 Euro im Landkreis München. 

Mit ihrem Verdienst hatte sie zwar auch die 15 Euro stemmen können. Doch bei dieser Summe wäre es nicht geblieben – denn Eva Janssen hatte einen Staffelvertrag, bei dem die Gesamtmiete alle zwei Jahre um 25 Euro steigt. Bei Rentenbeginn hätte die Monatssumme (warm) dann 1000 Euro betragen. Eva Janssen war klar, dass das nicht mehr funktioniert hätte – und dass sie dann, wenn sie in Rente ist, aus finanziellen Gründen eh weg muss aus München. 

„Doch je älter du wirst, desto weniger willst du umziehen. Deshalb gehe ich jetzt“, sagte sie sich und schaute sich nach einer neuen Stelle um. Sie kennt viele Menschen in ihrem Umfeld, die genauso denken: „Besonders häufig sind es alleinstehende Frauen, die aus Angst vor der Zukunft wegziehen. Die Politik muss hier eingreifen! Andere Städte wie Wien bekommen das auch besser hin.“

Fall 2

Kann trotz Erbschaft wohl nicht in München leben: Caroline Iserlohe.

Als Caroline Iserlohe (55) vor Kurzem eine Erbschaft machte, hat sie sich eine Eigentumswohnung gekauft. Klingt gut, hat aber einen Haken: In München hätte sie für das Geld höchstens eine Garage bekommen, sagt sie – ihre Eigentumswohnung liegt in Leipzig! 

Die Klavierlehrerin, die seit 20 Jahren an der Schwantalerhöhe lebt, kann sich nur schwer an den Gedanken gewöhnen, wegzugehen. Zu sehr liebt sie München und die Landschaft drum herum. Doch mehr Angst als vor einem Neuanfang in Leipzig hat sie vor einem Überlebenskampf in München. „Ich werde als Künstlerin keine üppige Rente bekommen und werde mir dann München nicht mehr leisten können“, sagt sie. Bislang geht das noch. 

Iserlohe zahlt 1000 Euro für 72 Quadratmeter. Sie sagt: „Ich habe sehr faire Vermieter, doch muss man bedenken, dass die beiden schon über 80 sind – und ich kann nicht darauf bauen, dass auch die Nachfolger nie die Miete erhöhen…“ In der Wohnung, die Iserlohe in Leipzig gekauft hat, lebt derzeit eine junge Familie, für 5,50 Euro pro qm. In voraussichtlich zwei Jahren wollen die Mieter ausziehen – dann geht Iserlohe nach Leipzig.

Zahlen, Fakten und eine Petition

Das sind Riesen-Bewegungen… Zahlen des statistischen Amts zeigen: Allein im ­vergangenen Jahr sind ­insgesamt 105 351 Leute aus München weggezogen – bei einer Gesamtbevölkerung von rund 1,45 ­Millionen ist das ein Anteil von über ­sieben Prozent. 

Natürlich: Nicht bei all diesen Menschen sind die hohen Mieten der Grund für die Abwanderung – aber die Tendenz ist für Experten eindeutig. Auf der anderen Seite standen im Jahr 2018 insgesamt 113 885 Neu-Münchner – die in der Regel hohe Mieten zahlen müssen. Das wiederum beeinflusst den Markt massiv, denn die neuen (höheren) Mieten fließen in den Mietspiegel ein! 

Das wollen die Initiatoren von #ausspekuliert ändern. Sie haben eine Petition an den Bundestag gestartet mit dem Antrag, dass in den Mietspiegel auch Bestandsmieten einfließen. Heute ist der letzte Tag, an dem man diese Petition noch unterzeichnen kann. Im Netz: www.fairemieten.jetzt.

Ein schlimmes Beispiel für die Wohnungsnot ist auch das Schicksal von Monika M.: Die junge Mutter wurde mit ihren zwei kleinen Söhnen auf die Straße gesetzt. Der Mieterverein München hat einen Gesetzentwurf zum geplanten Volksgebehren für einen Mietenstopp in Bayern vorgelegt. Er sieht vor Mieterhöhungen für Jahre zu unterbinden.

Susanne Sasse

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Mann stürzt in Gleis - Touristen zögern nicht und springen hinterher - doch es gibt Kritik
Mann stürzt in Gleis - Touristen zögern nicht und springen hinterher - doch es gibt Kritik
Trotz Verbots! Georg D. schleicht sich 130 Mal in die Uni – seine Rechtfertigung ist überraschend 
Trotz Verbots! Georg D. schleicht sich 130 Mal in die Uni – seine Rechtfertigung ist überraschend 
Stammstrecke am Wochenende erneut gesperrt: Fahrgäste müssen Geduld mitbringen
Stammstrecke am Wochenende erneut gesperrt: Fahrgäste müssen Geduld mitbringen
Laden in Toplage steht seit Jahren leer: Unbekannte zeigen mehr als deutlich, wie sehr sie das stört  
Laden in Toplage steht seit Jahren leer: Unbekannte zeigen mehr als deutlich, wie sehr sie das stört  

Kommentare