Winter-Chaos

Münchner Pendler im Ausnahmezustand: Apotheker fährt gar nicht mehr heim - andere hängen im Wald fest

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Apotheker Ingo Beer.

Viele Pendler haben angesichts der Schneemassen Probleme, zu ihren Arbeitsstellen zu gelangen. Einige von ihnen, wie Apotheker Ingo Beer aus Weilheim, fahren gar nicht mehr heim.

München – Ingo Beer leitet die Marien-Apotheke am Sendlinger Tor. Seine Kunden verlassen sich darauf, dass er sie morgens pünktlich mit Arzneimitteln versorgt. „Die Apotheke einfach mal später oder gar nicht zu öffnen, ist keine Option“, sagt Beer. Auf seiner Bahnstrecke aus Weilheim nach München sind am Donnerstag reihenweise die Züge ausgefallen. „Auf das Auto umzusteigen, ist auch keine zuverlässige Alternative“, sagt der Apotheker. Zwei Stunden später als sonst erreichte er die Apotheke in der Altstadt. „Zum Glück war die frühe Besetzung pünktlich!“

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Am heutigen Freitag hat Beer selbst Frühdienst in der Apotheke. Darum hat der Familienvater aus dem Landkreis Weilheim-Schongau beschlossen, gleich in der Apotheke zu übernachten. „Durch die nächtlichen Notdienste gibt es in Apotheken sowieso eine Schlafmöglichkeit. Das kommt mir jetzt natürlich entgegen.“

Stundenlanger Stau

Ein ähnliches Problem hat Elisabeth Kuss aus Miesbach. Der Landkreis hat den Katastrophenfall ausgerufen. Die 48-jährige Architektin pendelt täglich nach München. Aber: Die Züge fahren nicht, die Ersatzbusse kommen nicht durch. „Viele steigen auf das Auto um. Und dann stehst du stundenlang im Stau“, sagt Kuss. Nun bezieht sie bei ihrer Münchner Freundin Tina Quartier. Tina freut sich schon: „Das ist wie früher in der Studenten-WG.“

Sven Rieber muss jeden Tag aus Weilheim in sein Verlagshaus am Münchner Hauptbahnhof. „Am Donnerstag war es besonders schlimm“, sagt der 47-Jährige. „Und man muss ja auch immer die Heimfahrt im Blick haben.“ Darum hat er sich bei einem alten Kumpel in München einquartiert. „Wir wollten sowieso schon länger mal wieder etwas zusammen machen. Jetzt muss ich mir nur noch eine neue Zahnbürste besorgen.“

Sven Rieber.

Große Probleme hat weiter die Bayerische Oberlandbahn, die nur noch zwischen Holzkirchen und München fährt. Aber auch auf dieser Strecke hat die BOB zu kämpfen. Dreieinhalb Stunden steckte gestern ein Zug fest – und die Fahrgäste. Sogar eine Evakuierung stand im Raum.

Pendler aus München: Vier Stunden nach Holzkirchen

„Ich hätte gestern einen Gerichtstermin in Holzkirchen gehabt“, erzählt Stefan Petermeier, Jurist in einem Verlag. Um 8.04 Uhr fuhr Petermeier vom Hauptbahnhof los. Holzkirchen erreichte er nicht. „Kurz vor Deisenhofen blieb der Zug im Wald stehen“, berichtet er. Zwei Stunden lang habe der Zugführer versucht, weiterzukommen. „Der Zug ist immer wieder 50 Meter gefahren und erneut liegen geblieben.“ Mechaniker rückten an. Vergeblich. Dann sollte ein Ersatzzug übers Parallelgleis kommen. „Das ging aber wohl nicht wegen einer Weichenstörung“, sagt Petermeier. Bei der BOB plante man schon eine Evakuierung, letztlich glückte eine notdürftige Reparatur. Um 12.30 Uhr sei er in Holzkirchen gewesen. Das Personal habe sich gut gekümmert, auch die Heizung funktionierte. Im Zug sei die Stimmung ruhig gewesen, erzählt der Jurist. „Wenn die Leute wissen, dass die Schneemassen das Problem sind, sind sie entspannter als bei einem Stellwerksschaden, den keiner nachvollziehen kann.“

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Peter Sparlinek erging es ähnlich. Der 53-jährige Weilheimer arbeitet in Gauting (Kreis Starnberg). Aber sein Zug kam nicht mal bis Tutzing. Wegen einer Weichenstörung blieb er stehen, musste nach Weilheim zurückfahren. Für den Informatiker kein großes Problem. Er kann von Zuhause aus arbeiten. „Das ist halt so mit dem Wetter“, sagt er. Im Zug sei die Stimmung ruhig gewesen. „Jeder hat in sein Handy getippt und jemandem Bescheid gegeben“, erzählt er.

Home Office steht hoch im Kurs

Manuel Ehrtmann aus Lenggries arbeitete am Mittwoch ebenfalls in den eigenen vier Wänden. Der 50-Jährige ist kaufmännischer Leiter der Firma Moralt in Hausham (Kreis Miesbach). Bis Bad Tölz kämpfte er sich gestern früh mit dem Auto durch – da rief ihn ein Kollege an und berichtete von einem liegen gebliebenen Lkw auf seiner Strecke. „Da bin ich wieder heimgefahren“, sagt Ehrtmann. Seine Firma stellt Holzwerkstoffe her. Während Ehrtmann gerne das Home-Office-Angebot seines Arbeitgebers annahm, musste die Produktion weiterlaufen. Das tat sie auch, sagt Ehrtmann. „Unsere Leute sind alle sehr pflichtbewusst.“ Weil die Kollegen in der Produktion schon um sechs Uhr an den Maschinen stehen müssen, hätten sie zumindest keinen Stau gehabt.

Mobiles Arbeiten ist bei vielen Firmen längst Standard. „Unsere Mitarbeiter können diese Möglichkeit nutzen, wenn sie durch das Schneechaos verhindert sind“, sagt Siemens-Sprecher Florian Martini. Größere Probleme mache das bisher nicht.

Ähnlich bei BMW. Die Mitarbeiter hätten seit Jahren das Recht auf mobiles Arbeiten, sagt Sprecher Jochen Frey. Das sei in einer Betriebsvereinbarung festgelegt. „Jeder hat heutzutage ein Laptop und ein Handy.“ Auch zwei seiner direkten Kollegen hätten am Donnerstag von Zuhause aus gearbeitet. In der Produktion geht das nicht. Man habe aber pünktlich mit der Produktion beginnen können, sagt Frey. Die Werksbusse seien gefahren, für Ausfälle gebe es Springer. Auch die Teileanlieferung funktioniere bisher noch gut. Mit Blick nach vorne bleibt Frey gelassen. „Im schlimmsten Fall muss eine Schicht eben mal später anfangen.“

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