Rund 20 Menschen betroffen 

Stadt macht Drohung wahr: Obdachlosenlager in der Isarvorstadt geräumt 

+
Rund 20 Obdachlose waren von der Räumung betroffen. 

Die Stadt hat am Dienstag ihre Drohung wahr gemacht, ein Obdachlosenlager von rund 20 Obdachlosen wurde geräumt. Ein Report über die Menschen hinter der Tragödie. 

München - Nein: Die Männer, die Sie hier sehen, räumen nicht einfach irgendwelchen Sperrmüll weg. Sie entsorgen das Nachtlager von etwa 20 Obdachlosen! Die Stadt hat am Dienstag ihre Drohung wahrgemacht und das Camp in der Unterführung am Westermühlbach unter der Kapuzinerstraße (Isarvorstadt) geräumt. Am frühen Morgen rückte die Kolonne an und nahm alles mit, was die Obdachlosen nicht tragen wollten oder konnten. Die Matratzen sind jetzt ein Fall für die Müllkippe - und die Obdachlosen wieder mal auf Platz-Suche. Der tz-Report von einem eiskalten Tag:

Als Theo (Name geändert) an diesem Morgen aufwacht, bauen Arbeiter gerade sein Nachtlager ab. Das Thermometer zeigt vier Grad minus. Seinen Verschlag hatte sich der Obdachlose vor einiger Zeit aus Paletten und Holzlatten zusammengezimmert, drumherum hatte er Decken aufgehängt - das schafft einen privaten Raum, und es hilft gegen den hartnäckigen, frostigen Luftzug in der Unterführung an der Kapuzinerstraße. Damit innen alles sauber bleibt, stehen Theos Schuhe auf einem Vorsprung vor dem Verschlag. Aber Schluss damit, das Camp ist gleich Geschichte! 

Lesen Sie auch: Blind-Date am Flughafen: Gehörlose verpassen sich, doch Polizei sorgt für Happy End. 

Räumungsfirma entsorgt alles: Rund 20 Obdachlose von Räumung betroffen 

Arbeiter einer Räumungsfirma reißen die Decken herunter, stopfen sie in große Tüten und werfen sie in einen großen grünen Container. Plötzlich regt sich was im Inneren der notdürftigen Behausung. Die Männer mit den orangefarbenen Westen stoppen den Abriss für einen Moment. Erst ragt ein Fuß hervor, dann sitzt Theo auf seinem Vorsprung, schaut müde aus - und hat doch schon seine Daunenjacke an und eine schwarze Mütze auf dem Kopf. Ohne ein Wort bindet er sich seine Schuhe und schreitet zielstrebig raus aus der Unterführung. Er setzt sich auf eine nahe Parkbank, steckt die Hände tief in die Jackentaschen und starrt geradeaus Richtung Westermühlbach. Immer wieder schließt er für einige Zeit die Augen - es wirkt wie Sekundenschlaf. Drinnen führen die Männer wieder ihren Auftrag aus: Alles mitnehmen! 

Das Camp in der Unterführung am Westermühlbach unter der Kapuzinerstraße (Isarvorstadt) wurde geräumt.

Der Auftrag kommt von der Stadt: Denn die möchte nicht, dass Menschen in solchen Camps hausen. Zu hoch sei die Brandgefahr, zu groß das Risiko, dass Menschen auf der Straße erfrieren. Dennoch bleiben Fragen: Sind solche Räumungen - noch dazu bei diesen Temperaturen - angemessen? Führen sie überhaupt zu den gewünschten Effekten? Die politische Diskussion darüber ist längst entbrannt. Theo war der Letzte, der seinen Verschlag in der Unterführung unter der Kapuzinerstraße geräumt hat. Die meisten anderen haben das Lager schon in den Tagen davor verlassen - und in vielen Fällen ihre Sachen schon weggeräumt. So dauerte die Räumung nur etwas mehr als eine Stunde. 

Die einst bevölkerte Unterführung ist nun leer. Nur noch die Schilder an der Wand, die die Räumung ankündigten, zeugen vom unerwünschten Leben in Camp. Neben Theo, der noch immer auf der Bank am Wegesrand sitzt, türmen sich Rucksäcke, Koffer und Tragetaschen. Immer wieder fahren Radler vorbei. Einige fahren direkt durch die Unterführung, manche schauen irritiert - und rasen doch vorbei. Eduard, ein Freund Theos, der seit zwei Jahren ebenfalls unter der Kapuzinerstraße geschlafen hat, packt eine Dose Fisch aus, stellt sie auf die Parkbank. Theo, der noch immer kein Wort gesagt hat, schielt auf die Dose. Es ist das kalte Frühstück an einem kalten Tag. Danach werden die beiden überlegen, wo sie jetzt hinsollen. 

Lesen Sie auchKündigung nach 40 Jahren: Münchnerin (69) soll Wohnung verlassen: „Kommt mir immer aussichtsloser vor“.

Nach Räumung: Grüne fordern Räumungsstopp

Es ist klirrend kalt - und gerade deshalb ist es angebracht, Lager von Obdachlosen zu räumen. Das sagt jedenfalls SPD-Stadtrat Christian Müller, sozialpolitischer Sprecher seiner Fraktion. „Wir können nicht zusehen, wenn Zustände geschaffen werden, die für die Betroffenen gefährlich sind“, sagt er - und stützt damit die Begründung, die das Sozialreferat bei jeder Räumung aufs Neue liefert. Gerade wenn es kalt sei, hüllten sich Obdachlose bisweilen in Plastikfolie und zündeten Gaskocher an, erklärt Müller. „Brandgefährlich“ sei das. „Der Aufschrei wäre groß, wenn jemand verbrennen würde.“ 

Auch die hygienischen Zustände in den Behausungen seien oft mehr als erbärmlich. Und: Dass in München in den vergangenen Jahren kein Obdachloser erfroren sei, sei reines Glück. „Schäbig“ nennt es dagegen Dominik Krause, Fraktionsvize der Grünen, dass die notdürftige Unterkunft in der Isarvorstadt gerade jetzt während der Kältewelle geräumt werde. „Sicher gibt es Lager, in denen eine erhöhte Gefahr herrscht“, so Krause, „aber man muss sich jede Situation einzeln anschauen.“ Seit etwa drei bis vier Jahren - 2015 rief die Stadt den Arbeitskreis „Wildes Campieren“ ins Leben - würden die Räumungen in seinen Augen immer mehr. 

Die Stadtrats-Grünen reichten gestern einen Dringlichkeitsantrag ein, dessen erster Punkt bereits Makulatur ist: Die Räumung unter der Kapuzinerstraße solle verhindert werden. Doch die Grünen gehen noch weiter - und stellen das städtische Vorgehen der letzten Jahre infrage. CSU und SPD müssten von ihrem „Kurs der Räumungen“ abrücken. Bis auf Weiteres, so der Antrag, soll es einen Räumungsstopp geben. So lange, bis es eine „Gesamtstrategie“ gebe, die „freiwillige Obdachlosigkeit“ berücksichtige und auf „bestehende Mängel“ des städtischen Angebots für Wohnungs- und Obdachlose eingehe. Niemand dürfe erfrieren: Das sei das Ziel, sagt Marian Offman, sozialpolitischer Sprecher der CSU. 

„Die Leute haben die Möglichkeit, in den Kälteschutz in der Bayernkaserne zu gehen.“ Auch die Fahrkarte dorthin bekämen sie seit 2018 bezahlt. Dieses Notunterbringungssystem sei deutschlandweit einmalig, so Offman. Man dürfe nicht vergessen, dass es sich um eine „Notunterbringung von Menschen handelt, die keinen Anspruch auf eine Unterbringung im Wohnungslosensystem haben“, sagt Müller. „Wenn es Kritikpunkte zum Kälteschutz gibt, bin ich bereit, mit Betroffenen an einem Runden Tisch zu sprechen“, kündigt dagegen Offman an. Die Stadt will ihre Strategie im Umgang mit Obdachlosencamps erst 2020 formulieren. Dann ist eine Stadtratsvorlage für ein „Konzept zur Vermeidung Wilden Campierens“ geplant. 

Was die Obdachlosen und ihre Fürsprecher jetzt sagen

Cezary Konijewski (48) - der Mann oben mit der roten Jacke - lebt ein Leben wie ein großes Fragezeichen. Seit September hat er in der Unterführung  an der Kapuzinerstraße geschlafen, die tz traf ihn hier in der vergangenen Woche. Damals war er verzweifelt: „Ich weiß nicht, wohin ich gehen soll“, sagte er. Gestern in der Früh war er schon nicht mehr da… Jonathan Schmidt-Domine hat kurzfristig von der Räumung der Unterführung gehört und ist sofort vorbeigekommen. „Man enteignet die Leute hier! Ich bin entsetzt“, sagt Schmidt-Domine. Der 25-Jährige engagiert sich seit fünf Jahren in der Initiative Wir Wollen Wohnen, die sich für die Belange der Obdachlosen in München stark macht. Er findet das Ganze reichlich absurd: „Die Stadt verweist immer wieder auf die Bayernkaserne“, sagt Schmidt-Domine. „Dabei haben ja hier in der Unterführung gerade die Leute geschlafen, die aus verschiedensten Gründen nicht in die Bayernkaserne können oder wollen.“

Lesen Sie auch: Immer wieder Ärger mit der Telekom: Woran’s oft hapert und wie Sie sich wehren können. 

C. Wörmann/Severin Heidrich 

Lesen Sie auch: Münchnerin (33) geht Treppenhaus hinauf - Plötzlich stehen vier Männer hinter ihr - dann wird es übel

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Paar will sich in fremdem Auto vergnügen - dann folgt der Schock
Paar will sich in fremdem Auto vergnügen - dann folgt der Schock
München: Alfons Schuhbeck macht nach wenigen Monaten seinen Laden schon wieder dicht
München: Alfons Schuhbeck macht nach wenigen Monaten seinen Laden schon wieder dicht
Grünen planen Verkehrswende: Autofahrer sollen aus wichtiger Straße im Zentrum verschwinden
Grünen planen Verkehrswende: Autofahrer sollen aus wichtiger Straße im Zentrum verschwinden
23-Jähriger mit Waffe bedroht - plötzlich fallen Schüsse
23-Jähriger mit Waffe bedroht - plötzlich fallen Schüsse

Kommentare