Wie die Stadt Betreuungsplätze verliert 

Kein Herz für Kitas: Eltern und Kinder sind in München die Verlierer

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Bitten um Hilfe: Kinder der beiden Elterninitiativen, die auf dem Gelände des Waisenhauses in Neuhausen untergebracht sind, mit Eltern und Erzieherinnen. Die Kitas stehen vor dem Aus, weil das Waisenhaus saniert wird.

„In München gibt es für alle Mädchen und Jungen und ihre Familien einen Platz in der Kindertagesbetreuung, der ihren Bedarfen und Anforderungen entspricht.“ Dieses Ziel ist in Wahrheit noch in weiter Ferne. 

Der Satz entstammt der Perspektive Kita 2020, in der die Stadt München vor drei Jahren ihre Pläne für die Kindertagesbetreuung festgehalten hat. Die Vision ist heute, 2019, noch lange nicht Realität.

Zwar ist der Ausbau vorangekommen, so ist die Zahl der Krippenplätze seit dem Jahr 2000 von 4366 auf heute 22 600 Plätze gestiegen. Doch noch immer ist es für Eltern ein nervenaufreibender Kampf, für ihren Nachwuchs einen Platz in Krippe, Kindergarten, Hort & Co. zu finden. Die Stadt stößt nicht nur wegen Personalmangels und fehlender Flächen an ihre Grenzen. Manchmal fallen Plätze, die jahrzehntelang existierten, plötzlich weg – und die Stadt sieht zu. Oder es dauert deutlich zu lang, bis neue Projekte an den Start gehen können. Zwei Beispiele.

Elterninitiativen vor dem Aus

„Es würde uns das Herz brechen“, schreibt Simon Gloning, Vorstand der Elterninitiative Neuhausen, in einem Brief an OB Dieter Reiter (SPD). 33 Kindergartenplätze der Elterninitiative und der „Grissinis“, die auf dem Areal des Münchner Waisenhauses untergebracht sind, stehen vor dem Aus. Spätestens im Juli 2021 müssen sie nach mehr als 20 Jahren raus aus dem Hauptgebäude des Waisenhauses, denn: Das von der Waisenhausstiftung und damit vom Sozialreferat verwaltete Haus wird saniert.

„Uns hat die Gleichgültigkeit der Verwaltung überrascht und enttäuscht“, sagt Gloning. Weder das Sozial- noch das Bildungsreferat hätten Unterstützung bei der Lösungssuche zugesagt. Dabei ist der Versorgungsgrad mit Kindergartenplätzen im Stadtbezirk Neuhausen-Nymphenburg schlecht. Für 80 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen gibt es hier einen Platz, stadtweit sind es 93.

Anfang 2020 werde der Stadtrat mit der Waisenhaus-Sanierung befasst, erklärt Sozialreferatssprecherin Hedwig Thomalla. Die Räume würden während des Umbaus als Ausweichquartiere benötigt. Danach sollen dort „dringend notwendige Angebote der Jugendhilfe zusätzlich“ unterkommen.

Warten auf den Baubescheid: Laura Neumann (re.) und Linda Bayerl vor dem Haus in Allach.

Das respektiere man natürlich, sagt Gloning. Doch bei der Suche nach einem Alternativstandort habe man im Stadtbezirk kaum Chancen. Deshalb schlagen die Elterninitiativen zwei Lösungsmöglichkeiten vor. Die Kitas könnten ins Waschhaus des Waisenhauses umziehen. Groning: „Der östliche Trakt steht seit Jahrzehnten leer.“ Die Eltern bieten sogar an, viel selbst zu renovieren. Oder aber sie dürfen in das „Blockhaus“, in dem derzeit noch wenige minderjährige Flüchtlinge leben.

Doch die Stadt winkt ab. Der Umzug ins Waschhaus sei „wohl nicht realisierbar“, erklärt Thomalla. Hier gebe es keine Wasserleitungen und zu wenige Heizkörper und Toiletten. Und: „Das Waisenhaus hat bereits Pläne für eine künftige Nutzung.“ Auch das Blockhaus komme „nicht in Betracht“. Das Bildungsreferat erklärt, es unterstütze die Initiativen bei der Standortsuche „nach Kräften“.

Es sieht so aus, als müssten viele Neuhauser künftig bei der Kindergartensuche zittern. Und mancher stellt sich hinter vorgehaltener Hand die Frage, warum das ebenfalls im Waisenhaus untergebrachte Büro des Tollwood-Festivals offenbar auch während und nach der großen Sanierung bleiben darf.

Allach: Träger wartet auf Baugenehmigung

Neue Betreuungsplätze sind überall gefragt. Auch in Allach, wo die Lila Lupi GmbH bereits drei Kitas mit 113 Plätzen bietet. Nun will der private Träger mit seiner größten Einrichtung an die Eversbuschstraße 178 ziehen und dabei 16 neue Plätze schaffen. Doch die Kita-Chefinnen Laura Neumann und Linda Bayerl sowie der Hausbesitzer warten seit sieben Monaten auf den Bescheid der Lokalbaukommission (LBK), damit sie das Haus umbauen dürfen. Neumann fragt: „Warum dauert es mit der Genehmigung so lang, wenn die Stadt doch dringend mehr Kita-Plätze braucht?“

In Allach sind in kurzer Zeit neue Wohngebiete entstanden. Am Oertelplatz, in der Gerberau und aktuell auf dem Diamaltgelände. Überall ziehen auch Familien ein, doch die städtischen Kitas seien noch lange nicht fertig, so Bayerl. Umso wichtiger sei, dass ihr neues Haus mit 16 neuen Plätzen öffnen kann.

Im Dezember 2018 bekam der Grundstückseigner den Bauvorbescheid, im Januar reichte er den Bauantrag ein. Seither tut sich wenig. „Es gibt Probleme, weil das Haus direkt an der Grundstücksgrenze liegt“, sagt Neumann. „Aber warum kann man das nicht schneller klären?“

Aus dem Planungsreferat, dem die LBK zugeordnet ist, heißt es auf Anfrage, dass es sich um einen „Sonderbau handle, welcher eine umfassende Prüfung erfordert“. Wegen „nachbarrechtlich relevanter Probleme bezüglich der Abstandsflächen“ habe der Bauherr im Mai einen geänderten Antrag einreichen müssen. „In Kürze“ werde ein Bescheid ergehen. Auf die Frage, ob Kita-Bauanträge, die ja der Stadtgesellschaft zugutekommen, nicht beschleunigt bearbeitet werden können, gibt es keine Antwort.

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