Wenn das Geld kaum reicht

München kämpft gegen Kinderarmut: Wie die Stadt bedürftige Familien unterstützen will 

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Die Stadt München will bedürftige Familien unterstützen. 

Immer mehr Münchner sind von Armut betroffen. Die Stadt hat nun ein Paket geschnürt um vor allem die Not von Kindern und Jugendlichen zu lindern. Betroffene erzählen. 

München - München gilt als wohlhabende Stadt. Die Arbeitslosigkeit ist gering, die Lebensqualität hoch. Aber was die wenigsten wissen: 17,4 Prozent der Münchner leben in relativer Armut: In Zahlen 270.000. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft in der Landeshauptstadt immer weiter auseinander. Und das bekommen vor allem Senioren, Familien mit Kindern und Alleinerziehende zu spüren.

Ein erstes Maßnahmenpaket, um bedürftige ältere Menschen zu entlasten, hat die Stadt zu Beginn des Jahres aufgelegt. Nun wird ein acht Millionen Euro schweres Paket geschnürt, um Kinder- und Jugendarmut zu bekämpfen. Sozialreferentin Dorothee Schiwy und Bürgermeisterin Christine Strobl (beide SPD) stellten die Maßnahmen am Dienstag vor. Der Stadtrat soll die Initiative „München gegen Armut“, die in Kooperation mit den Trägern der freien Wohlfahrtspflege ausgearbeitet wurde, kommende Woche beschließen. Strobl: „Das Maßnahmenpaket kann soziale Problemlagen nicht gänzlich verhindern, aber es kann helfen, diese abzufedern.“

Armutsrisikogrenze in München

So schlägt das Sozialreferat vor, den Berechtigtenkreis für den München-Pass auszuweiten. Dieser bietet viele Vergünstigungen bei der Nutzung städtischer Einrichtungen oder ein billiges MVV-Ticket. Anspruch darauf haben derzeit rund 100.000 Münchner ab sechs Jahren, die Transferleistungen nach dem Sozialgesetzbuch beziehen. Doch viele Bürger, deren Verdienst knapp über der Schwelle der Sozialhilfeempfänger liegt, haben ebenfalls große Probleme, im teuren München ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Schiwy will nun den Berechtigtenkreis für den München-Pass um 30.000 Personen erweitern, was die Stadt etwa 2,1 Millionen Euro kostet. 

Die Armutsrisikogrenze liegt in München für einen 

  • Ein-Personen-Haushalt bei 1350 Euro netto,
  • für einen Zwei-Erwachsenen-Haushalt bei 2025 Euro und 
  • für Alleinerziehende mit einem Kind unter 14 Jahren bei 1755 Euro.

Sonderzahlungen für bedürftige Eltern

Die einmalige Sonderzahlung für bedürftige Eltern, deren Kinder in die Schule kommen, will die Stadt von 100 auf 150 Euro erhöhen. Außerdem ist ein Zuschuss von 250 Euro für Kinder im Alter von zehn bis 15 Jahren geplant, damit die Eltern einen Laptop beschaffen können. „Wir müssen verhindern, dass Kinder sozial abgehängt werden“, sagte Schiwy. 

Städtische Zuschüsse sind ferner für die Beschaffung neuer Elektrogeräte geplant. Schiwy: „Oft ist die Stromrechnung armer Menschen sehr hoch, weil sie uralte Elektrogeräte haben, die Stromfresser sind.“ Das größte Armutsrisiko haben laut Sozialreferentin die 26.500 Alleinerziehenden der Stadt. Die Stadt will daher dem Verband alleinerziehender Mütter und Väter stärker unter die Arme greifen. Im Herbst 2020 plant das Sozialreferat eine große Armutskonferenz. Schiwy verspricht: Wir werden auch bei der Unterstützung von Senioren noch einmal nachlegen.“

Junge Mama lebt von 375 Euro im Monat

Ein Arbeitsunfall stellte das Leben von Michaela W. auf den Kopf.

Wie schwer es für viele Münchner ist, über die Runden zu kommen, zeigt das Beispiel von Michaela Wiener (31). Vor drei Jahren stellte ein schwerer Arbeitsunfall das Leben der 31-Jährigen von einem Tag auf den anderen komplett auf den Kopf. Seither kann sie ihren Beruf als Tierarzthelferin nicht mehr ausüben. Sie erhält eine Erwerbsminderungsrente von 375 Euro pro Monat. „Ein Witz“, sagt sie. Um den Unterhalt kümmert sich ihr Lebensgefährte. Zwischendurch lassen sich die beiden von der Tafel unter die Arme greifen. „Die Hauptsache ist“, sagt Wiener, „dass es unserer Tochter gut geht.“

Ihr Alltag auf Kante genäht

Jasemin Komo (40) floh vor elf Jahren gemeinsam mit ihrer Familie aus dem Irak nach Deutschland. Während ihr Mann in einer Autowerkstatt arbeitet, kümmert sie sich um die Familie. Zwischendurch näht sie in einer Schneiderei – für zwei Euro die Stunde. „Davon kann man nicht leben, aber besser als nichts“, sagt die 40-Jährige. Für sie sei es aber auch wichtig, eine Aufgabe zu haben. Einmal pro Woche kommt Komo gemeinsam mit ihrer Tochter nach Ramersdorf, um sich von der Tafel ein paar Lebensmittel abzuholen. Von den 1000 Euro, die ihr Mann in der Werkstatt verdient, zwackt sie monatlich 100 Euro ab, „damit am Ende des Jahres wenigstens ein kleiner Familienurlaub drin ist“.

Zwischendurch näht sie in einer Schneiderei – für zwei Euro die Stunde.

Wer arbeitet, sollte davon auch leben können. Doch dieRealität sieht in München anders aus: Viele Menschen rackern sich ab – und trotzdem reicht es hinten und vorne nicht. Zwei Betroffene erzählen.

Trauriger Rekord: Der Schuldenatlas zeigt, dass die steigenden Mieten die Münchner in die Schuldenfalle treiben. Schon der Armutsbericht 2017 für München war schockierend: Jeder Sechste in München muss in Armut leben.

Dass München zu den reichsten deutschen Städten gehört, ist klar. Wie es mit der Millionärsdichte in der bayerischen Metropole aussieht, haben wir erforscht. 

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