Hubertus Andrä im großen Interview

Münchens Polizeipräsident klagt über bedenkliches Phänomen: „Moralisch absolut fragwürdig“ 

Sorgt sich um seine Mitarbeiter: Polizeipräsident Hubertus Andrä.
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Sorgt sich um seine Mitarbeiter: Polizeipräsident Hubertus Andrä.

Auf Münchens Polizei wartet ein arbeitsreiches Jahr. Worauf es dabei besonders ankommt, verrät Präsident Hubertus Andrä im Interview. Dabei geht es auch um die EM 2020.

  • Die Münchner Polizei kämpft mit Problemen, die vielen Bürgern bekannt vorkommen dürften.
  • Polizeipräsident Hubertus Andrä gibt im großen Interview Einblicke
  • Außerdem schaut er schon auf das Großereignis des Jahres in München voraus: die EM 2020.

München - Wie geht das Münchner Präsidium mit der Nennung von Nationalitäten mutmaßlicher Straftäter um? Wie schwierig ist es für Polizisten, in der Landeshauptstadt eine bezahlbare Wohnung zu finden? Und welche sind die größten Herausforderungen dieses Jahr? Polizeipräsident Hubertus Andrä (63) spricht im Interview über oft schwierige Entscheidungen und Vorwürfe, mit denen sich das Präsidium konfrontiert sieht.

Herr Andrä, oft tun sich Polizisten in München schwer, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Wie ist die Situation?

Andrä: Wohnen ist ein Top-Thema, das allerdings viele Berufe betrifft. Unsere jungen Kollegen leisten hier sehr gerne Dienst, denn das Aufgabenspektrum in einer Stadt wie München ist reizvoll. Schwierig ist, dass gut ausgebildete, erfahrene Polizisten, die die Stadt und ihre Herausforderungen kennen, später meist notgedrungen weggehen.

Wann ist das der Fall?

Andrä: Wenn die Polizisten sesshaft werden, möglicherweise eine Immobilie erwerben und eine Familie gründen wollen. Dabei geht es meistens um wirtschaftliche Aspekte, nach ein paar Jahren haben die meisten eine besondere Beziehung zur Stadt. Eigentum zu erwerben, ist in anderen Teilen Bayerns noch machbar, aber in München nahezu unmöglich. Dabei sind gerade die Erfahrenen wichtige Mitarbeiter für mich, die ich - auch im Interesse der Menschen in unserer Region - gerne halten würde.

München: Polizeipräsident Hubertus Andrä im Interview

Was wäre eine Lösung?

Andrä: Die deutliche Erhöhung der Zahl der Staatsbedienstetenwohnungen ist richtig und wichtig und muss möglichst schnell geschehen. Denn auf den Wartelisten stehen nicht nur Polizisten, auch Justizbedienstete oder Lehrer. Zudem würde ich mir wünschen, dass manche Vermieter vielleicht auch gezielt an Polizisten denken, wenn sie ihre Wohnung neu vergeben - und weniger an Gewinnmaximierung. Am Herzen liegen mir auch die zahlreichen Tarifbeschäftigten des Präsidiums, die immer mal wieder eine Wohnung suchen. Die dürfen wir nicht vergessen.

Führt der angespannte Mietmarkt auch dazu, dass die Polizei in München Nachwuchssorgen hat?

Andrä: Nein, wir haben in Bayern keinen Bewerbermangel. Polizist ist nach wie vor ein attraktiver Beruf. Man muss auch bedenken: Es ist die Generation Z, die sich im Moment bewirbt. Für viele junge Leute spielt nicht nur das Geld, sondern auch die Work-Life-Balance und eine persönliche Sinngebung im Beruf eine große Rolle. Und in dieser Hinsicht bietet das Präsidium viele Möglichkeiten, gerade auch in Hinblick auf flexible Arbeitszeiten für junge Mütter und Väter. Klar ist aber auch, Polizei heißt Dienst rund um die Uhr und damit in bestimmten Bereichen auch Schichtdienst.

Vorwürfe gegen Polizei in München nach Vorfall am Hauptbahnhof

Immer wieder wird die Polizei mit Vorwürfen konfrontiert, sie vertusche die Nationalität von Tätern. Unter anderem gab es nach der Messerattacke auf einen Polizisten am Hauptbahnhof zahlreiche Kommentare auf Twitter. Nehmen Anschuldigungen dieser Art zu?

Andrä: Auf jeden Fall. In Zeiten der sozialen Medien ist es wesentlich leichter geworden, Anschuldigungen, Vermutungen, Halbwahrheiten und sogar Unwahrheiten gegen staatliche Institutionen oder Privatpersonen loszuwerden. Teilweise schreiben die Menschen anonym. Der Anteil derer, die mit Klarnamen auftreten, ist aber erstaunlich hoch. Das rechtsextreme Lager fällt dabei besonders auf. Das Problem ist oft, dass Aussagen moralisch absolut fragwürdig, aber juristisch schwer oder gar nicht zu fassen sind. Die Hemmschwelle, was ich öffentlich äußern kann, ist gesunken. Die Frage: „Sagt man so was?“, die Frage eines „sprachlichen Anstandes“ ist in vielen Bereichen völlig ausgeblendet.

Beim Gespräch im Pressehaus: Hubertus Andrä und Merkur-Redakteurin Stefanie Wegele.

Braucht es mehr Menschen, die in den sozialen Medien ihre Mitmenschen auf fragwürdige Äußerungen hinweisen?

Andrä: Die Rohheit und Aggressivität in der Sprache hat allgemein zugenommen. In den sozialen Medien taucht die Stimme der Vernunft kaum auf und wenn, wird diese schnell angegriffen. Der Normalbürger beteiligt sich kaum mehr an Diskussionen in den sozialen Medien, es findet kaum mehr eine sachliche Auseinandersetzung statt. Der Meinungsaustausch findet zunehmend in Filterblasen statt. Die Diskussion schaukelt sich schnell hoch und besonders die wenigen Lauten werden wahrgenommen. Nach meiner Wahrnehmung schweigt die Mehrheit zu oft.

Wie kann man dagegen vorgehen?

Andrä: Mit Fakten. Diese stellen wir etwa im jährlich erscheinenden Sicherheitsreport umfassend zur Verfügung und schaffen damit größtmögliche Transparenz. Dort ist immer ganz genau aufgeschlüsselt, wie hoch der Anteil der deutschen und nichtdeutschen Tatverdächtigen sowie der Zuwanderer in jedem Jahr ist. Der Vorwurf der Verschleierung ist haltlos. In unseren Presseberichten nennen wir bei Tatverdächtigen grundsätzlich den Ort, an dem derjenige seinen Lebensmittelpunkt hat. Erkennen wir im konkreten Fall ein öffentliches Interesse, nennen wir auch die Staatsangehörigkeit. Das Interesse an der Staatsangehörigkeit ist oftmals auch davon geprägt, eine ausländerfeindliche Stimmung zu schüren.

München: EM, Wiesn, Konzerte - Polizei steht vor großen Herausforderungen

Abgesehen vom Kampf gegen Hasskriminalität: Welche Herausforderungen kommen dieses Jahr auf Münchens Polizei zu?

Andrä: Das, was wir wissen, ist neben der Sicherheitskonferenz, Konzerten, dem Oktoberfest und den regulären Fußballspielen die Europameisterschaft. Wir freuen uns, dass München der einzige Austragungsort ist und hier vier Spiele stattfinden. Das ist eine große Herausforderung, der wir uns gerne stellen.

Wie viele Kräfte aus anderen Bundesländern werden die Münchner bei der EM 2020 unterstützen?

Andrä: Die genaue Anzahl lässt sich noch nicht genau sagen. Wir werden aber auch wieder von auswärtigen Einsatzkräften unterstützt und haben vorsorglich ein entsprechendes Bettenkontingent geblockt. Die Einsatzkräfte werden in Hotels untergebracht, da sie dort die entsprechenden Rahmenbedingungen vorfinden, um effektiv ihren Dienst zu tun. Viele kommen übrigens sehr gerne zu Einsätzen nach München, was zum großen Teil auch an der Reaktion und dem Kontakt mit unseren Bürgerinnen und Bürgern liegt. Wir wollen dem Sportfest einen sicheren Rahmen geben, aber München nicht in einen Hochsicherheitstrakt umbauen und die Stimmung durch polizeiliche Maßnahmen kaputt machen.

Was wird der Polizei bei der EM voraussichtlich die meiste Arbeit machen?

Andrä: Neben den vier Spielen werden auch die Public Viewings interessant. Denn München liegt verkehrstechnisch zwischen anderen Austragungsorten. Das bedeutet für uns, dass nicht nur Menschen aus München und der Umgebung, sondern auch Durchreisende zu anderen Spielen bei uns zu den Orten kommen, an denen die Fußballspiele gemeinsam angeschaut werden.

Interview: Stefanie Wegele

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