400.000 Euro verloren

90-Jähriger als Zeuge vor Gericht - Falsche Polizisten zocken Rentner 

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Paul W. (90) und sein Neffe gestern vor dem Landgericht, wo sie gegen die drei Täter aussagen mussten.

Falsche Polizisten zocken Münchner Senioren ab - trotz aller Warnungen und Hinweise durch die Polizei. Auch Paul W. (90, Name geändert) legten Betrüger rein – er verlor 400.000 Euro.

München - Mit schweren Schritten nimmt Paul W. (90, Name geändert) die Stufen vor dem Strafjustizzentrum. Sein Neffe stützt ihn. Wenige Minuten zuvor haben die beiden Münchner noch am Landgericht ausgesagt – denn Paul W. wurde abgezockt: Eine Bande falscher Polizisten hat den Münchner Rentner um 400.000 Euro gebracht.

Ein weiterer Fall, der die Stadt schockt – denn die Betrugszahlen sind heftig gestiegen: Bei 4,3 Millionen Euro lag der Schaden im Jahr 2017, 2,5 Millionen Euro Schaden wurden 2018 aktenkundig. „Es ist ein Thema, das uns große Probleme bereitet“, gibt die Polizei zu.

Die Trickbetrüger zeigten sogar einen Ausweis

Warum, zeigt die Geschichte von Paul W. aus Berg am Laim. Ihn hatten Betrüger am 6. März 2018 an der Haustür abgepasst, als er von der Bank kam. Sie gaben sich als Polizisten aus und behaupteten, dass bei ihm eingebrochen worden sei. Dem 90-Jährigen zeigten die drei Männer sogar einen Ausweis. Paul W. ließ sie ins Haus. „Ich glaubte ihnen“, sagte er gestern als Zeuge vor Gericht.

In der Wohnung gaben die Trickbetrüger vor, nach Einbruchsspuren zu suchen. Im Keller stießen sie auf einen Safe, den Paul W. auf Druck der Männer öffnete: Darin lagerten drei Kilo schwere Goldbarren im Wert von 240.648 Euro sowie 186.000 Euro Bargeld. Während einer der Täter den Rentner ablenkte, steckten die anderen die Beute ein und flohen. „Das war mein gesamtes Vermögen“, sagte W.

Die Goldbarren versetzten die Betrüger sofort, das Bargeld teilten sie unter sich auf. Aber sie wurden von der Polizei geschnappt. Wegen Bandenbetrugs müssen sich Walter M. (22), Angelo B. (39) und Andriano K. (23) nun vor dem Münchner Landgericht verantworten.

„Auch aus Sicht der Verteidigung gibt es nichts zu beschönigen“, räumte Rechtsanwalt Thomas Pfister ein. „Durch das frühe Geständnis blieb dem Geschädigten aber eine belastende Befragung erspart.“ Zudem verpflichteten sich die Angeklagten, das Geld zurückzuzahlen.

Für Paul W. nur ein schwacher Trost. „Meine Frau starb vor einem halben Jahr, meine Tochter ist behindert. Das Geld hatte ich nur zuhause aufbewahrt, um ihre Pflege bezahlen zu können“, erzählte er. Laut seinem Neffen hatte W. das Geld „über Jahrzehnte gespart. Die Tat hat ihn völlig aus der Bahn geworfen“. Vor Gericht sagte Paul W. gestern aber mutig gegen die Täter aus, denen jahrelange Haft droht. Am Freitag will Richter Gilbert Wolf sein Urteil sprechen.

Angeklagt: Walter M. (22), Angelo B. (39) und Andriano K. (23).

Trickbetrüger: Die schlimmsten Fälle

In ähnlichen Fällen hatten Trickbetrüger zuletzt die bislang höchsten Strafen überhaupt erhalten: Im Dezember 2018 wurde Haydar A. (28) zu sechs Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt, sein Komplize Pir S. (32) kassierte sechs Jahre und acht Monate. Laut Urteil hatten beide sich Senioren gegenüber am Telefon als Polizisten ausgegeben, ihre Opfer unter Druck gesetzt und 109.000 Euro erbeutet. Hart durchgegriffen wurde auch im Fall von Özcan B., der sechs Jahre ins Gefängnis musste. Seine vier Komplizen wurden zwischen zwei und vier Jahren weggesperrt. Die harten Urteile sollen Banden abschrecken. 

Die Polizei warnt sogar schon vor einem dreisten Senioren-Paar, dass in München unterwegs - das ist die neue Masche.

Vorsicht vor dem fiesen Telefon-Trick

Anrufe mit unterdrückter Nummer oder aus dem Ausland: Dahinter könnten Betrüger stecken. Falsche Polizisten rufen sogar mit fingierter Nummer an. Staatsanwalt Peter Tischler: „Auf dem Display steht dann tatsächlich die 110. Es gibt Computer-Programme, die diese Nummer generieren.“ Die Technik heißt Caller-ID-Spoofing.

Trickbetrug: Die miesen Maschen

Sie suchen sich gezielt ältere Menschen und wollen an ihr Erspartes: Von Call-Centern in der Türkei aus rufen falsche Polizisten deshalb Senioren in München an, die sie oft aufgrund ihres traditionellen Vornamens wie Sepp oder Amalie im Telefonbuch heraussuchen. 

Im persönlichen Gespräch wird erst Vertrauen und dann Druck aufgebaut: Der Anrufer erzählt den Rentnern, dass sie in Gefahr sind, weil sich bewaffnete Einbrecher-Banden in ihrer Straße herumtreiben. Sie sollten ihr Geld bei der Polizei abgeben – angeblich sei es selbst bei der Bank nicht mehr sicher, denn diese würden mit den Verbrechern zusammenarbeiten. Natürlich ist das gelogen – aber viele Senioren beugen sich dem Druck und händigen ihre Wertsachen dann tatsächlich dem vermeintlichen Polizei-Kollegen aus, den der Anrufer angekündigt hatte. 

„Die Betrüger bauen oft eine große Droh-Kulisse gegenüber den Senioren auf“, sagt Staatsanwältin Ines Rampp. Der Druck sei enorm, teilweise werden die Rentner die ganze Nacht hindurch angerufen oder am Telefon gehalten. Kein Wunder also, dass viele von ihnen nachgeben. Doch sind ihre Wertsachen erst weg, ist das Verbrechen kaum aufzuklären. Entscheidend sind Hinweise der Opfer, die die Täter beschreiben können. Nach ähnlichem Prinzip geben sich Trickbetrüger auch als Handwerker aus: Sie klingeln an der Tür der Senioren und geben vor, die Wasserleitungen überprüfen zu müssen – angeblich im Auftrag der Stadtwerke. In der Wohnung teilen sich die Betrüger dann auf und klauen Wertsachen. Hier gilt: Im Zweifel sofort die Polizei rufen!

Sie geben sich als falsche Polizisten aus und prellen nichtsahnende Senioren um deren Erspartes. Doch den Betrügern soll es nun an den Kragen gehen.

Wir zeigen, wie Ermittler den Tätern auf die Schliche kommen

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Andreas Thieme

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