Sechster Münchner Mieterstammtisch

Nackte Angst statt Weihnachstsstimmung: Das sind die Sorgen der Münchner Mieter

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Ein Foto vom Mieterstammtisch Nr. 6 im Rigoletto in Schwabing.

Statt gemütlicher Weihnachtsstimmung dominierte nackte Angst den sechsten Münchner Mieterstammtisch. Neben Mietern kamen auch Politiker zu Wort.

München - Plätzchen, ein Christbaum mit funkelnden Lichtern – und sorgenvolle Blicke. Beim sechsten Mieterstammtisch kam keine
gemütliche Adventsstimmung auf. Im Gegenteil: Nackte Angst dominierte den Abend. Vor Entmietung, Luxussanierung, massiven Mieterhöhungen, Wohnungsnot und Eigenbedarfskündigungen.

Diesmal hatten die Organisatoren des Mieterstammtischs, Tillmann Schaich und Juliane Zeißler, nach Schwabing ins Restaurant Rigoletto eingeladen. Dort sprachen betroffene Mieter vom Mietwahnsinn über ihre berechtigten Zukunftsängste. Außerdem kamen Politiker zu Wort, unter anderem von SPD, Grünen und Linken, sowie Mietervereins-Geschäftsführer Volker Rastätter.

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Angst vor dem Investor

„Wir haben Angst vor steigenden Mieten“, sagt Jens von Rooij. Seit dem Verkauf der Wohnanlage an der Schleißheimerstraße im Sommer plagen ihn schlaflose Nächte. Der luxemburgische Investor Jargonnant Partners, dem die 90 Wohneinheiten aus den 50er-Jahren nun gehören, sorgte bereits für Schlagzeilen – etwa mit dem Gebäude an der Fraunhoferstraße 13, dessen Hinterhaus einem Neubau weichen soll, weswegen alle gewerblichen Mieter rausfliegen, auch der letzte Altstadt-Tierarzt. Den großen Wohnkomplex nahe dem Luitpoldpark in Schwabing, in dem Jens von Rooij wohnt, will die Investment-Firma aufstocken, Aufzüge einbauen und im Innenhof eine Tiefgarage bauen. „Das schwebt wie ein Damoklesschwert über uns Bewohnern, bislang eine kunterbunte Gemeinschaft, da sich die günstigen Mieten von zehn Euro pro Quadratmeter auch Geringverdiener leisten können.“ Der Investor bezog bislang nicht Stellung.

Jens von Rooij.

Miete wird steigen

Diverse Neuregelungen sollen Mieter besser schützen. So soll ab Jahreswechsel die Modernisierungsumlage von elf Prozent auf acht Prozent gedeckelt werden. „Profi-Modernisierer schicken deshalb heuer die Modernisierungsankündigungen raus, um dann bis 2020 noch elf Prozent der Kosten auf die Mieter umlegen zu können“, weiß Mietervereins-Geschäftsführer Volker Rastätter. Er rechne heuer mit 800 Modernisierungsfällen in seinem Verein – mehr als im vergangenen Jahr. Eine Ankündigung über eine Umlage von elf Prozent wird auch Simone Mayer (Name geändert) bekommen. Sie lebt in einem GBW-Haus in der Maxvorstadt. Das soll gedämmt, aufgestockt und in die Wohnungen sollen neue Bäder eingebaut werden. Die GBW bestätigt dies.

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Angst bei EOF-Mietern

Es ist ein Drama, das sich vor dem Verkauf der GBW niemand hätte vorstellen können. Damals förderte die Stadt den Bau einer Wohnanlage an der Adams-Lehmann-Straße. Die Wohnungen waren für Geringverdiener, diese bekamen sie vom Wohnungsamt vermittelt und erhielten Einkommensorientierte Förderung (EOF). Nach dem GBW-Verkauf aber schießen nun die Mieten in die Höhe. Die Bewohner haben Angst, sich München bald nicht mehr leisten zu können. Viele klagten – und verloren. „Ich bin verzweifelt und kann das alles immer noch gar nicht fassen“, sagt Mieterin Simone Hoffmann (43). Die medizinische Fachangestellte liebt ihren Beruf. „Aber wenn ich einen Großteil meines Gehalts für die Miete brauche, würde ich am liebsten hinschmeißen.“ Die GBW schreibt, sie sei sich ihres sozialen Auftrags bewusst und kappe Mieterhöhungen bei 99 Euro. Bei Mietern mit geringem Einkommen habe sie nicht erhöht.

Paradies bedroht

„Für mich ist der Mietwahnsinn eine Art kalter Krieg gegen die Normal- und Geringverdiener“, sagt Eva Ellwanger-Kollhuber (71). Sie hat 47 Jahre lang gearbeitet – 30 Jahre als Damenschneiderin, 17 Jahre in einer staatlichen Verwaltung, bekommt nun 1200 Euro Rente und 150 Euro Betriebsrente. Seit 1984 lebt sie bei der Eisenbahnerbaugenossenschaft. Nach ihrer Scheidung zog sie im Anwesen an der Schluderstraße in Neuhausen in eine eigene Wohnung um. Damals bezahlte sie 450 Euro warm, inzwischen sind es knapp 700 Euro. 2030 läuft die Erbpacht der Eisenbahnergenossenschaft aus, das Bundeseisenbahnvermögen will die Wohnblocks meistbietend verkaufen. Die Mieter der 503 Wohnungen in den 110 Jahre alten Genossenschafts-Häusern fürchten Luxussanierungen und sprunghaft steigende Mieten.

Eva Ellwanger-Kollhuber.

Kündigung erhalten

Gerry Warncke ist verzweifelt. Seine Wohnung am Haderner Stern wurde verkauft und der neue Eigentümer hat dem 49-jährigen Schnittassistenten gekündigt. Wegen Eigenbedarfs, da seine Tochter einziehen will. „Ich habe auf allen möglichen Wohnungsportalen nach einer neuen Bleibe gesucht und bin ratlos, denn in meiner Preisklasse gibt es einfach nichts – und auf die wenigen günstigen Wohnungen bewerben sich Aberhunderte“, sagt Gerry Warncke. Er zahlte bislang 480 Euro warm, bis zu 750 Euro könnte er sich leisten. „Mein alter Vermieter hat nie meine Miete erhöht.“ Was für ein Glück er hatte, sei ihm erst jetzt klar geworden: „So günstig zu vermieten, das erlaubt ja auch das Finanzamt nicht.“

Susanne Sasse

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