Einsamer Tod in Neuhausen

Wie konnte das passieren? Rentnerin liegt tagelang tot in ihrer Wohnung - „Sprachlos“

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Das St.-Vinzenz-Rondell in Neuhausen. Hier fand die Feuerwehr die Leiche einer Bewohnerin.

Als Erstes bemerkte Christine H. (74) den beißenden Geruch auf ihrem Balkon. Als plötzlich die Feuerwehr anrückte, wurde ihr mulmig. Später stellt sich heraus: die betagte Nachbarin lag tagelang tot in ihrer Wohnung.

München - Der Tod der alten Dame bleibt im St.-Vincenz-Rondell in Neuhausen zunächst unbemerkt. Das Mehrfamilienhaus bietet betreutes Wohnen über die Malteser an. Die Bewohner verfügen über einen Hausnotruf – nicht alle nutzen aber zusätzliche Betreuungsdienste. So auch im Fall von Maria P. (Name geändert), die seit April 2014 im Haus lebte. Ihre Leiche fand die Feuerwehr am 4. Juli in ihrer Wohnung. „Ich war schockiert“, sagt Nachbarin Christine H. Beide wohnten Tür an Tür im zweiten Stock. Nur der Fahrstuhl trennte ihre Wohnungen. „Sie war fast neunzig, aber wir hatten nicht so viel Kontakt.“

Auch die übrigen Hausbewohner am Therese-Danner-Platz 5 kannten Maria P. kaum. Angehörige besuchten die betagte Dame offenbar nur selten. So blieb ihr Tod tagelang unentdeckt – bis auch andere Hausbewohner den Verwesungsgeruch wahrnahmen und den Notruf wählten.

München: Nachbarin Christine H. erhebt Vorwürfe gegen Malteser

„Mich macht das traurig und sprachlos“, sagt Christine H. „Ich hätte nicht gedacht, dass man in der Großstadt so einsam sein kann.“ Vorwürfe erhebt sie nun auch gegen die Malteser. „Es kann doch nicht sein, dass die Mitarbeiter nicht wenigstens ab und zu mal bei den alten Menschen vorbeischauen. Manche haben Demenz oder können kaum laufen. Das Wohnen hier ist außerdem teuer genug.“ 1400 Euro für 57 Quadratmeter zahlt die 74-Jährige in Neuhausen. Wer von den Maltesern hauswirtschaftliche Hilfen, Menüservice oder Pflege will, muss das noch extra zahlen. „Ein Wahnsinn“, sagt Christine H., die vor zwei Jahren eingezogen ist.

Da wohnte sie: Der einsame Tod ihrer Nachbarin macht Christine H. „traurig und fassungslos“.

Die Malteser weisen jede Verantwortung von sich. „Als Erstes wollen wir unser großes Bedauern über den Todesfall ausdrücken und unser herzlichstes Beileid den Angehörigen aussprechen“, sagt Sprecher Wilhelm Horlemann. Die Bewohnerin habe „lediglich die Grundleistung in Verbindung mit dem Hausnotruf in Anspruch genommen“, daher gab es „keine regelmäßige Betreuung“. Grundsätzlich ermögliche das Konzept des betreuten Wohnens den Senioren „ihre Unabhängigkeit so lange wie möglich zu bewahren“. Das Büro der Malteser stehe „als Anlaufstelle für alle Fragen und Wünsche innerhalb der Wohnanlage zur Verfügung.“ Jeder Bewohner des St.-Vinzenz-Rondells schließt bei Einzug einen Betreuungsvertrag ab. Dieser enthalte Grundleistungen wie Beratungsangebote oder gemeinschaftliche Veranstaltungen sowie den Malteser Hausnotruf. Weitere Leistungen wie Botengänge oder Mahlzeitendienst sind optional und kosten extra.

München: Tod einer Bewohnerin wirft für Pflegeexperte Fussek Fragen auf

Für den Pflegeexperten Claus Fussek wirft der Fall dennoch Fragen auf. „Dass die Malteser nichts mitbekommen haben, finde ich seltsam. Für alle Beteiligten würde es Sinn machen, dass die Mitarbeiter öfter vor Ort sind und auch mal bei den Bewohnern klingeln. Denn nicht alles Senioren haben noch Angehörige. Die Isolierung und Einsamkeit in solchen Häusern ist tragisch und sollte uns alle zum Nachdenken bringen.“ Er stellt klar: „Betreutes Wohnen ist kein geschützter Begriff, sondern oft sogar ein Etiketten-Schwindel.“ Viele Angebote seien überteuert. Vor allem dann, wenn die Bewohner gar keinen Betreuungsservice buchen. „Ich kann dieses Modell niemandem empfehlen“, sagt Fussek.

Claus Fussek: Pflegeexperte.

Auch Nachbarin Christine H. macht sich jetzt so ihre Gedanken. „Mein Sohn war froh, dass ich hier nicht alleine bin. Aber jetzt macht er sich Sorgen“, sagt sie. „Früher gab es in den Wohnungen noch Bewegungsmelder, aber die wurden abgeschafft. Die Malteser versprechen zu viel. Hier will ich nicht bleiben.“ Demnächst will die frühere Veranstaltungsmanagerin zurück an den Chiemsee ziehen, in eine Altersresidenz. „In die Nähe von meinem Sohn, dort fühle ich mich wohler. Und es ist auch viel günstiger.“

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