Die Gesichter der Armut

Immer mehr Senioren kämpfen um ihre Existenz - diese Münchner müssen jeden Cent umdrehen

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Manfred war drei Jahre obdachlos.

Das Wort „Armut“ will keiner hören. Keiner will darüber reden. Doch gerade in München und Bayern kämpfen viele Menschen um ihre Existenz. Doch das reiche Bayern schaut scheinbar weg.   

München -  Eigentlich sollte man meinen, dass Armutsbekämpfung ganz oben auf der To-do-Liste der bayrischen Landesregierung steht. Die Zahlen sprechen für sich: Fast 15 Prozent der Menschen im Freistaat sind von Armut bedroht – also fast jeder Sechste. Aber man kann hin- und herblättern, wie man will: Das Wort „Armut“ taucht im Koalitionsvertrag von CSU und Freien Wählern nicht auf. Darauf hat jetzt der Sozialverband VdK hingewiesen.

Armut in Bayern trifft besonders Rentner

Besonders dramatisch ist es für die Rentner: Die Altersarmut steigt immer mehr. Eine neue Schock-Studie VdK zeigt: Inzwischen ist jeder fünfte Mann (18,4 Prozent) betroffen – das sind 3,3 Prozent mehr als vor zehn Jahren. Bei den Frauen leidet sogar jede Vierte (24,5 Prozent) unter Altersarmut – eine Steigerung von vier Prozent.

Auch die Zahl der Grundsicherungsempfänger steigt. Fast ein Viertel der Erwerbsminderungsrentner – also jene, die zum Beispiel wegen einer Krankheit nicht mehr Vollzeit arbeiten können – müssen in Bayern von Grundsicherung leben. Bei Ulrike Mascher, der VdK-Landesvorsitzenden, läuten die Alarmglocken: Wer krank ist und deshalb vorzeitig in Rente gehen muss, laufe sofort in die Armutsfalle.

Dazu gehören laut Mascher auch die Menschen mit Behinderungen: Viele Betroffene gerieten in eine Abwärtsspirale. Dauer-­Arbeitslosigkeit, erzwungene Frührente und schließlich die Altersarmut! Mascher: „Horst Seehofers Versprechen ‚Bayern barrierefrei 2023‘ darf nicht unter den Tisch fallen.“ VdK-Präsidentin Verena Bentele versprach für 2019 eine bundesweite Rentenkampagne – bis hin zu einer Großdemonstration in München. „Es geht uns um die jetzigen und um die künftigen Rentnerinnen und Rentner“, sagt sie. 

VdK-Landes-Chefin Ulrike Mascher.

Wobei da die Zukunft noch mehr Herausforderungen bringen wird. Denn: Die Bevölkerung wird immer älter. Das Pestel-Institut schätzt, dass wohl schon im Jahr 2035 rund 24 Millionen Deutsche älter als 65 sein werden – das sind dann sechs Millionen mehr als heute. Und: Der Anteil der Senioren, die staatliche Unterstützung brauchen, dürfte innerhalb von 20 Jahren von drei Prozent auf 25 bis 35 Prozent steigen!

Manfred war drei Jahre obdachlos

Armut ist immer ein schweres Schicksal – aber deshalb auf der Straße zu landen? Für die meisten unvorstellbar. „Das geht schnell“, sagt Manfred Jäth (68). „Ich war Hausmann. Meine Frau hat gutes Geld bei einer Bank verdient. Aber sie hat sich schwer ­verschuldet – als sie starb, landete ich sofort auf der Straße.“ Jäth war drei Jahre obdachlos, hat im ­Freien oder in kaputten Autos geschlafen. Nachdem er endlich die Schuldenberatung aufsuchte, hatte das Leid ein Ende. Jäth lebt nun in einem Wohnheim, dort ­bekommt er Essen und Geld für Kleidung. Mit seinem Job als Biss-Verkäufer und einem ­Taschengeld von 115 Euro pro Monat kommt er gut aus. „Mir geht es besser als vielen ­Rentnern in ihren Privatwohnungen“, sagt er. „Denn die meisten haben es schwer, über die Runden zu kommen.“

Nur 400 Euro zum Leben – trotz Vollzeit

Philipp B. überlegt kurz, als wir ihn fragen, ob er von Armut betroffen ist. „Naja“, sagt er. „Als Bote verdient man nicht wirklich viel.“ 1500 Euro Lohn hat er im Monat, wenn er „hart arbeitet“ – was für ihn heißt: von halb acht bis sieben Uhr abends Proben fürs Dentallabor liefern – natürlich mit Pausen. Fünf Tage die Woche fährt der 55-Jährige mit seinem Tretroller durch die Stadt. „Eigentlich macht das schon Spaß“, sagt der Münchner, „aber bei der Kälte eher weniger.“ Weil B. ein eigenes Gewerbe angemeldet hat, muss er seine Krankenversicherung und andere Abgaben selbst zahlen. Wenn man auch noch die Miete abzieht, bleiben noch etwa 400 bis 500 Euro im Monat übrig. ­Urlaub hat er seit Jahren nicht mehr gemacht. Er hat ein altes Tastenhandy, in seiner Freizeit liest oder fotografiert er. Eigentlich hat B. eine Ausbildung zum Funk-Elektroniker gemacht. „Aber das hat mir überhaupt nicht gefallen“, sagt er. In einer Zeitschrift hat er dann ein Stellenangebot für einen Fahrradboten gesehen. Heute ist er seit 20 Jahren Kurier – und hat Angst vor der Rente.

Jeden Cent umdrehen

Arm im landläufigen oder behördlichen Sinne sind sie nicht – aber wenn sich Vera (66) und Valter ­Ellero (74) Brot kaufen, dann nur im Restbrotladen der Hofpfisterei. Dort gibt es das Brot vom Vortag zum halben Preis. Jede Woche schauen die beiden in Prospekte, um Angebote für ihre Einkäufe zu finden. 

„Wir müssen jeden Cent zweimal umdrehen“, sagt Vera. Sie bekommt 800 Euro Rente – 30 Jahre hat sie in Deutschland als Verkäuferin und Schneiderin gearbeitet. Das Ehepaar kommt ursprünglich aus Italien. Valter bekommt 1400 Euro Rente, er hat 51 Jahre als Schweißer gearbeitet. Auch heute noch arbeitet er als Hausmeister. 900 Euro Miete, Medikamente für 130 Euro – viel bleibt am Ende des Monats nicht übrig. Trotzdem ist das Ehepaar glücklich. „Es gibt so viele, denen es schlechter geht als uns“, sagt Vera. „Es ist eine Schande, wenn man sein ganzes Leben lang gearbeitet hat und dann jeden Cent umdrehen muss.“

„Wir müssen jeden Cent zweimal umdrehen“.

Lesen Sie auchArmutsbericht 2017 für München: Jeder Sechste in München muss in Armut leben

Kathrin Braun

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