Außergewöhnliche Prozesse

Junge Münchner Richter sprechen über ihre spektakulärsten Fälle - auch ein FCB-Star war schon dabei

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Rede und Antwort stehen die drei jungen Wilden der Justiz und ihre erfahrene Kollegin dem Merkur-Gerichtsreporter Andreas Thieme auf dem Dach des Amtsgerichts.

Skurril, spektakulär und bewegend: Drei junge Richter in München erzählen von ihrem Alltag und den außergewöhnlichsten Fällen, die sie bisher erlebt haben. 

Ihr Urteil kann unser Leben verändern – dabei sind sie teilweise kaum 30 Jahre alt: junge Richter in München. Sie verhandeln im Namen des Gesetzes, sind top ausgebildet, aber im Gerichtssaal oft die Jüngsten. Für den Staat kein Problem: Wer das Jura-Studium und beide Staatsexamen mit guten Noten abschließt, kann bei der Justiz anfangen.

Vorteile und Probleme im jungen Alter 

So wie Simona Müller, 28 Jahre alt und Zivilrichterin. „Wenn ein Anwalt doppelt so alt ist wie ich, dann schaut er oft zweimal“, sagt sie. „Für viele ist es sicher auch nicht leicht zu akzeptieren, dass ich so viel jünger bin und am Ende doch ich die Entscheidung treffe.“ Reich an Fachwissen, aber arm an Erfahrung: für Simona Müller, die jüngste Richterin am Amtsgericht, ist das kein Problem. „Man bringt viel Wissen mit, das vom Examen noch präsent ist, und geht sehr systematisch an die Fälle heran“, sagt sie. „Der Nachteil ist vielleicht, dass man zu kleinlich in einigen Dingen ist, sehr dogmatisch und zu viel hinterfragt.“

Patrick Schmidt ist erst 33 und schon Verkehrsstrafrichter beim Amtsgericht. „Das Examen befähigt dazu, sich schnell in die Fälle einzuarbeiten“, sagt er. „Aber natürlich gibt es auch Unsicherheit und erfahrene Verteidiger, die mich zu beeinflussen versuchen.“ Als Richter musste er plötzlich alles selbst entscheiden und hatte keinen Chef mehr über sich. „Man steht selbst in der Verantwortung. Dafür habe ich aber schnell ein Gefühl entwickelt“, sagt Schmidt.

Stefan Vollath (36) kann das bestätigen. Er bekleidet bereits seinen zweiten Richterposten, mittlerweile am Strafgericht. „Es gab anfangs schon Sprüche wie ‚Das können Sie ja noch gar nicht wissen‘, berichtet er. „Ich habe mich darüber geärgert und klargestellt, dass so etwas nicht geht. Denn ich bin der Meinung, dass man es akzeptieren muss, dass ich dieses Amt ausfüllen kann, wenn der Staat dieser Ansicht ist.“ In seinem Alter sieht Vollath viele Vorteile: „Man ist noch nicht so festgefahren, geht unbefangener an die Fälle heran und mit einem besonderen Interesse und Enthusiasmus. Man kniet sich rein, um es gut zu machen.“ Klar: Die Menschenkenntnis von erfahrenen Richtern können die jungen Kollegen noch nicht haben. „Aber das wächst mit der Erfahrung“, ist Müller sicher. Mancher Anwalt oder Angeklagte sieht das jedoch kritisch. „Wenn dazu Kommentare kommen, denke ich schon darüber nach“, sagt Simona Müller. „Aber am Ende ist mir das egal, wenn ich von meinem Urteil überzeugt bin.“

Der Verkehrsstrafrichter Patrick Schmidt (33)

  • Werdegang: Studium 2007 bis 2012 in Konstanz und Regensburg. Nach Referendariat und Zweitem Staatsexamen war ich drei Jahre an der Uni tätig und habe parallel als Anwalt gearbeitet. Am letzten Tag der Bewerbungsfrist habe ich mich bei der Justiz beworben. Seit Mai 2018 bin ich Richter. Mich hat die Rechtspraxis immer schon interessiert. 
Patrick Schmidt
  • Mein erster Fall: Ein Fahrverbot wegen Geschwindigkeitsüberschreitung. Ich musste mich in die Messverfahren einlesen und konnte die ganze Nacht nicht schlafen, weil ich nervös war und mir so viele Gedanken gemacht habe. Zum Prozess kam dann niemand. Der Einspruch wurde somit verworfen. Im Nachhinein schmunzele ich darüber, denn mittlerweile fallen mir solche Prozesse leicht.
  • Mein spektakulärster Fall: Es waren einige dabei mit leider schlimmen Unfällen auf der Autobahn. Aber ich hatte auch mal einen Spieler des FC Bayern, der zu schnell gefahren ist. Für ihn ging es um ein Fahrverbot. Generell ist Verkehrsrecht sehr emotional. Um einen Monat Fahrverbot kämpfen viele Bürger mehr als um drei Monate Haft. Einmal saß ein Dax-Vorstand vor mir und versuchte ohne Anwalt zu beweisen, dass er sein Handy nicht benutzt hat, als er Fahrrad gefahren ist. Ein Geständnis hätte ihn damals nur 25 Euro gekostet. Aber ihm ging es ums Prinzip. Das Verfahren wurde am Ende eingestellt. 
  • Die wichtigste Eigenschaft eines Richters: ist Einfühlungsvermögen. Das ist fast noch wichtiger als die rechtsfachliche Kompetenz. Man muss zuhören können und sich für den Angeklagten interessieren

Die Zivilrichterin Simona Müller (28)

  • Werdegang: Ich hatte im November 2017 meine mündlichen Prüfungen und habe danach direkt mein Zeugnis zum Staat geschickt. Während des Referendariats war für mich klar geworden, dass ich Teil des Rechtsstaats sein möchte. Eigentlich hatte ich noch eine Reise geplant. Aber dann ging alles ganz schnell: Ich habe meine Wunschstelle bekommen und zwei Wochen später beim Amtsgericht begonnen. Seit neun Monaten bin ich jetzt Zivilrichterin.
Simona Müller
  • Mein erster Fall: Es ging um einen IT-Service-Vertrag. Rechtlich eigentlich nicht so schwer, aber die Inhalte waren sehr komplex und die Parteien seit Jahren zerstritten. Sie haben mit Fachbegriffen um sich geworfen, in der Verhandlung kam ich nicht mehr mit. Die Sitzung habe ich dann vertagt und mir einen Sachverständigen zur Unterstützung geholt.
  • Mein skurrilster Fall: Ein älteres Ehepaar hat gegen einen Reiseveranstalter geklagt, weil sie eine Reise durch Skandinavien gebucht hatten, dort aber unter anderem den Weihnachtsmann nicht gesehen haben. Sie klagten auf Minderung und wollten den Reisepreis zurückerstattet haben. Ich lud sie zur Verhandlung und war überrascht, denn sie meinten das wirklich ernst mit dem Weihnachtsmann. Am Ende gab es einen Vergleich.
  • Ein guter Richter braucht: Verantwortungsbewusstsein. Bei jeder Entscheidung muss man daran denken, dass sie für die Beteiligten wegweisend ist. In jedes Verfahren sollte man deshalb völlig unvoreingenommen hineingehen.

Der Strafrichter Stefan Vollath (36)

  • Werdegang: Von 2002 bis 2007 habe ich in München Jura studiert. Durch die Erfahrungen im Verlauf des Referendariats, auch mit größeren Anwaltskanzleien, habe ich gemerkt, dass ich lieber zur Justiz gehen möchte. Mich interessierte die nicht vergleichbare Unabhängigkeit der Entscheidungen, der Weisungsfreiheit und damit der Möglichkeit, nicht als Dienstleister meine Entscheidungen zu treffen. Bevor ich 2010 an meinem 28. Geburtstag in Bad Kissingen und Schweinfurt meine erste Stelle als Richter antrat, war ich noch ein Jahr an der Uni. Im Dezember 2011 ging ich dann zur Staatsanwaltschaft nach München, wurde im Juli 2015 Verkehrsrichter und bin seit Februar 2016 Strafrichter.
Stefan Vollath
  • Mein erster Fall: Eine Schlägerei auf einem Weinfest in Unterfranken.
  • Mein bewegendster Fall: An kleineren Gerichten hat man ja dieselben Angeklagten öfter mal wieder. Und in Bad Kissingen war ich auch für den Dorf-Obdachlosen zuständig. Er hatte Hausfriedensbruch begangen und kleinere Ladendiebstähle. Sechs- oder siebenmal habe ich ihn verurteilt. Zuletzt Ende November, bevor ich das Gericht in Richtung München verließ. An Weihnachten hörte ich dann, dass er gestorben ist. Das hat mich berührt, weil er wirklich ein sehr netter Mensch war. 
  • Ein guter Richter sollte immer gut vorbereitet sein. Und er sollte die Fähigkeit haben, seine Entscheidung verständlich mitteilen zu können. Und bei all dem sollte er immer menschlich bleiben.

Sonja Birkhofer-Hoffmann (56): „Man wächst mit jedem Fall“

Sonja Birkhofer-Hoffmann begann ihre Laufbahn 1989 in München und war zunächst einige Jahre bei der Staatsanwaltschaft, danach Zivil- und Betreuungsrichterin, seit Januar 2009 ist sie beim Strafgericht tätig. „Als Richter trägt man große Verantwortung für seine Entscheidung“, sagt sie. „Als junge Staatsanwältin hatte ich eher die Strafe im Blick. Aber man muss genau überlegen: Was bewirkt das Urteil bei der Gesellschaft – aber auch bei dem Angeklagten und dem Opfer.“ 

Sonja Birkhofer-Hoffmann

Den jungen Kollegen rät sie: „Mit jedem Fall wächst man. Die Erfahrung wird sie zu sehr guten Richtern machen. Weil wir ein System haben, bei dem es möglich ist, ganz verschiedene Bereiche zu durchlaufen und den eigenen Horizont zu erweitern. Ob Strafrecht, Zivilrecht oder Verkehr: Die Perspektiven wechseln oft.“ Für Strafrichter sei es das Ziel, sich die persönlichen Verhältnisse des Angeklagten anzuschauen, dabei aber auch die Opfer und die Folgen der Tat nicht zu vergessen – „um am Ende ein vernünftiges und für beide Seiten akzeptables Urteil zu finden, mit dem das Opfer leben kann, das aber auch der Angeklagte verstanden hat.“

Eine forensische Klinik in Münster geht einen ungewöhnlich Weg, um Straftäter zu therapieren: Mini-Schweine oder Katzen sollen den Zugang zu den Patienten erleichtern. Sogar eine Schnecke gibt es.

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