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Tag der Verschwundenen

Interview: Von heute auf morgen verschwunden - So gehen Ermittler mit Vermisstenfällen um

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Stefan Sonntag vom Polizeipräsidium Oberbayern Süd.

Immer wieder verschwinden plötzlich Menschen. Ein Polizist berichtet, wie die Ermittlungen bei Vermisstenfällen ablaufen.

11.087 Menschen wurden 2018 in ganz Bayern als vermisst gemeldet. 2000 davon in München. Am 30. August wird der Internationale Tag der Verschwundenen begangen, um an die Schicksale zu erinnern. Wie eine Fahndung abläuft und wann alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind, erläutert Polizeihauptkommissar Stefan Sonntag aus Rosenheim.

Herr Sonntag, ist die Fahndung nach Vermissten polizeilicher Alltag?

Stefan Sonntag: Vermisste gehören zu unserem Tagesgeschäft. Viele Verschwundene stellen sich nach ein paar Stunden als gar keine echten Fälle raus, weil sie schnell wieder gefunden werden. Vor einigen Wochen haben wir zum Beispiel nach einem Buben gesucht. Die Eltern haben gesagt, er sei nicht bei Freunden und Bekannten. Wir haben mit Fahrzeugen rund um die Schule gefahndet. Zwei bis drei Stunden später haben wir dann erfahren, dass der Junge doch bei einem Freund zu Hause ist.

Wie schnell wird die Polizei bei vermissten Kindern aktiv?

Sonntag: Da sind wir sofort in Alarmbereitschaft und leiten innerhalb kürzester Zeit aktive Suchmaßnahmen ein. Wenn ein Minderjähriger seinen Lebenskreis verlassen hat, dann nehmen wir sofort eine Gefahr für Leib und Leben an.

Bei Erwachsenen ist das anders?

Sonntag: Ja, Volljährige können ihren Aufenthaltsort grundsätzlich frei wählen. Wir würden deshalb erst einmal prüfen, ob wirklich ein Vermisstenfall nach unserer Definition vorliegt. Der Mann, der nach der Arbeit nicht sofort heimkommt, ist vielleicht noch auf ein Bier oder verratscht sich. Die meisten Fälle klären sich innerhalb kürzester Zeit.

Wie gehen Sie mit besorgten Angehörigen um?

Sonntag: Da braucht man sehr viel Fingerspitzengefühl und Erfahrung, um den Fall richtig bewerten zu können. Wir raten meistens erst einmal, bei Verwandten oder Freunden nachzufragen. Wir klären den öffentlichen Bereich ab und rufen Krankenhäuser, Rettungsleitstellen und Taxiunternehmen an.

Und wenn das ohne Erfolg bleibt?

Sonntag: Dann beginnt die Suche nach Anhaltspunkten. Wie und wo könnte die Person zu finden sein? Fehlt zum Beispiel eine demente Person aus einem Pflegeheim, schränken wir den Radius des Suchgebiets von dort aus ein. Wichtig ist auch, erst einmal das Pflegeheim strukturiert abzusuchen. Es gibt immer wieder Fälle, in denen die vermisste Person zwei Zimmer weiter in einem Bett liegt und schläft. Ansatzpunkte gibt es aber weiß Gott nicht in jedem Vermisstenfall.

Wenn Menschen von heute auf morgen dauerhaft verschwinden – werden die Akten irgendwann geschlossen?

Sonntag: Der Fall wird nicht geschlossen, er wird nur zur Seite gestellt. Derzeit haben wir sieben solcher Fälle im Polizeigebiet Oberbayern Süd. Einer davon ist Christopher James, der 2010 Hotelgäste nach Ruhpolding brachte und dann verschwand. Es gibt Fälle, da hat man über Jahre Kontakt und ganz viele Maßnahmen eingeleitet, wie „Aktenzeichen XY“. Aber irgendwann hat man alle Möglichkeiten ausgeschöpft und keine Ansatzpunkte mehr. Wir haben viele Dutzend Hinweise bekommen, dass er sich an vielen verschiedenen Orten auf der ganzen Welt befinden könnte. Wir haben alles überprüft. Seitdem steht der Aktendeckel bei der Kripo im Schrank. Sollte es neue Hinweise geben, werden die natürlich aufgenommen.

Gibt es Fälle, in denen Vermisste einfach irgendwann wieder auftauchen?

Sonntag: Ja die gibt es. Vor einigen Wochen wurde zum Beispiel imBereich Freising ein Mann vermisst (merkur.de*). Er wurde am Chiemsee ausfindig gemacht. Einige Wochen lang hat er dort gelebt und ist aus seinem Lebensumkreis verschwunden. Er wollte für eine kurze Zeit einfach nichts mehr mit seinem Leben zu tun haben.

In München hält derzeit der Fall von Maria Gertsuski und ihrer Tochter Tatiana die Ermittler in Atem. Sie werden seit vielen Wochen vermisst. Eine 14- Jährige ist kürzlich aus dem Kreißsaal geflohen. Seitdem fehlt von ihr jede Spur. Über beide Fälle hat merkur.de* berichtet.

*merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digitalnetzwerks.

Interview: Sophia Oberhuber

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