“Gesamtplan zur Integration“

Münchens Sozialreferentin: Zahl der Geflüchteten in München wird weiter steigen

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Dorothee Schiwy ist die Leiterin des Münchner Sozialreferats.

In München leben knapp 46.000 Geflüchtete. Eine stolze Zahl, die nun bekannt wurde. Wie läuft ihre Integration? Und wo hakt es noch? Im ersten „Gesamtplan zur Integration“ führt die Stadt erstmals alle Handlungsfäden zusammen.

München - „Wir stehen der größten Flüchtlingskrise unserer Zeit gegenüber.“ Mit diesem Zitat von Ban Ki Moon, dem früheren UN-Generalsekretär, beginnt das Sozialreferat seinen nagelneuen Bericht: den „Gesamtplan zur Integration von Flüchtlingen“, 118 Seiten dick plus Anlagen. Darin legt es erstmals vollständige Zahlen vor, wie viele Geflüchtete tatsächlich in der Stadt leben – und welche gewaltigen Baustellen es beim Thema Integration noch gibt.

München hat die Flüchtlingskrise intensiv erlebt und in den vergangenen Jahren tausende Geflüchtete untergebracht. Dabei konnte die Stadt auf Integrationsstrukturen zurückgreifen, die seit den 90er-Jahren gewachsen und gefördert worden waren: Vereine, Verbände, Initiativen waren sofort zur Stelle. Und regelmäßig beschloss der Stadtrat seither punktuell mehr Personal oder mehr Deutschkurse.

Was dabei allmählich zu zerfasern drohte, fing OB Dieter Reiter (SPD) im Januar 2016 ein: Er initiierte den „Gesamtplan zur Integration von Flüchtlingen“, der die losen Handlungsfäden zusammenführt und einen Überblick verschafft, was geleistet wird und wo es hakt. Nun ist der Plan fertig, er liegt unserer Zeitung bereits vor. Der Stadtrat berät in den nächsten Wochen darüber; der Plan soll Grundlage für die Referatsarbeit sein.

Kaum finanzielle Unterstützung des Bundes

Die Zielgruppe sind dabei alle Menschen mit Fluchthintergrund – unabhängig von ihrem rechtlichen Status. Laut Sozialreferat geht der „Münchner Weg“ davon aus, dass die Integration „ab Tag eins des Aufenthalts“ beginnt. Das stellt die Stadt vor besondere – auch finanzielle – Herausforderungen, weil ihr seit Herbst fast nur noch Geflüchtete aus Ländern mit geringer Bleibeperspektive zugeteilt werden. Für sie finanziert der Bund kaum Maßnahmen.

Im Zuge des Gesamtplan-Projekts hat die Stadt erstmals alle Zahlen zusammengeführt und festgestellt: In München leben rund 46.000 Menschen mit Fluchthintergrund. Bei etwa der Hälfte ist unklar, wann sie gekommen sind. Rund 21.500 Geflüchtete kamen von 2012 bis 2016. Auf sie zielen die aktuellen Integrationsmaßnahmen. Das Sozialreferat geht davon aus, dass die Zahl aufgrund anstehender Familiennachzüge noch steigen wird: Die Ausländerbehörde schätzt, dass zwei Drittel der anerkannten Flüchtlinge einen Familiennachzug beantragen und im Schnitt vier Personen nachziehen.

Stadt analysiert: Handlungsbedarf auf fünf Themenfeldern

Unterbringung: Sozialberatung und medizinische Betreuung in den Unterkünften sollen weiter ausgebaut werden, ebenso wie spezifische Angebote etwa für Familien und Begegnungsorte mit den Einheimischen.

Bildung: Familien sollen besser an Kitas herangeführt und Kinderbetreuungsangebote ausgebaut werden. „Moderatoren“ sollen Geflüchtete auf ihrer Schullaufbahn begleiten und Erzieher weitere Fortbildungen bekommen.

Spracherwerb: Die städtisch finanzierten Deutschkurse sollen „bedarfsgerecht“ ausgebaut werden, sodass alle Geflüchteten Deutsch lernen können – nicht erst, wenn sie anerkannt sind.

Arbeitsmarkt: Bildungsstand und Qualifikationen der Geflüchteten seien „im Schnitt sehr niedrig“, bilanziert der Bericht nach Auswertung zahlreicher Daten. Die Qualifikationen deckten sich nur wenig mit den Anforderungen der Arbeitgeber, woraus sich ein „immenser Qualifizierungsbedarf“ ergebe, der öffentlich zu finanzieren sei – von Alphabetisierung bis zu Teilqualifizierung und Wissensvermittlung über die deutschen Bildungs- und Arbeitsmarktsysteme.

Wohnen: Rund 8200 Geflüchtete leben zurzeit in Unterkünften. Wohnraum zu schaffen ist ohnehin ein münchenweites Thema. Viel Hoffnung setzt die Stadt auf das Programm „Wohnen für alle“, bei dem im Schnellverfahren nach Mindeststandards gebaut wird. Es soll möglicherweise verstetigt werden.

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