Alte Menschen fallen oft in ihre Muttersprache zurück

Sterbebegleiter: Hospizdienst sucht nach Menschen, die in mehreren Kulturen verwurzelt sind

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Begleiter auf dem letzten Lebensabschnitt: Zeynep Ayanoglu (links), gebürtig aus der Türkei, und Magarida Santos, gebürtig aus Portugal, haben sich zur Sterbebegleiterin ausbilden lassen.

Bayerns Sterbebegleiter stehen vor einer großen Herausforderung. Bis 2030 wird jeder vierte ältere Mensch Migrationshintergrund haben. Oft fallen sie in ihrem letzten Lebensabschnitt in die Muttersprache zurück.

München– Das Eis ist schon gebrochen, als Zeynep Ayanoglu gerade erst zur Tür hereingekommen ist. Das verdankt sie nicht nur ihrer herzlichen, offenen Art – sondern auch ihren türkischen Wurzeln. Sie hat dem älteren Ehepaar nicht die Hand gegeben, sondern die beiden nach türkischem Ritual begrüßt. Dabei wird die andere Hand kurz zum Kinn und zur Stirn geführt. Und sie hat beide nicht mit „Herr“ und „Frau“ angesprochen, sondern mit „Onkel“ und Tante“ – wie es in der Türkei üblich ist. „Es kann ein großer Vorteil sein, wenn man in zwei Welten zuhause ist“, sagt die 57-Jährige aus Germering (Kreis Fürstenfeldbruck). In vielen Situationen. Aber besonders dann, wenn man einen sterbenden Menschen auf dem letzten Wegabschnitt begleitet.

Der Hospizdienst sucht gezielt nach Menschen, die in mehreren Kulturen verwurzelt sind

Zeynep Ayanoglu ist ehrenamtliche Sterbebegleiterin. So wie etwa 70 andere Ehrenamtliche, die den Münchner Hospizdienst „DaSein“ unterstützen. Etwa jeder Zehnte von ihnen hat einen Migrationshintergrund. Der Hospizdienst sucht ganz gezielt nach Menschen, die in mehreren Kulturen verwurzelt sind. Denn im Jahr 2030 wird laut Hochrechnungen etwa jeder vierte ältere Mensch in Bayern Migrationshintergrund haben, erklärt Yasemin Günay, Palliative-Care-Fachkraft bei „DaSein“. In Großstädten wie München ist der Anteil schon jetzt sehr hoch. Und das stellt die Sterbebegleiter vor neue Herausforderungen. „Sehr viele Menschen fallen durch eine schwere Erkrankung am Ende ihres Lebens wieder in ihre Muttersprache zurück“, erklärt Günay. Alles Vertraute bekomme dann eine große Bedeutung. „Das betrifft nicht nur die Sprache, sondern auch Gerüche, Essen, Erinnerungen“, sagt Günay. Umso wichtiger sei es, die Menschen auf ihrem letzten Lebensabschnitt kultursensibel begleiten zu können. Deshalb hat Günay längst Kontakt zu den Vereinen und Gemeinschaften aufgenommen, in denen sich viele Migranten organisieren. Die Suche nach Ehrenamtlichen braucht viel Zeit und ist manchmal auch eine reine Glückssache – doch immer wieder gelingt sie auch.

Zeynep Ayanoglu war so ein Glücksfall. Sie war gerade auf der Suche nach einer ehrenamtlichen Beschäftigung, als sie vom Hospizverein erfuhr. „Die Idee hat mir sofort gefallen, weil ich dabei meine Kultur einbringen kann“, sagt sie. Also hat sie die Ausbildung zur Sterbebegleiterin gemacht. „DaSein“ hat von der Zukunftsstiftung Ehrenamt Bayern eine Förderung bekommen, um Interessierte bei den Kosten für den Kurs zu unterstützen. Er besteht aus zwei Blöcken, auch eine Hospitation auf einer Palliativstation gehört dazu. Die 57-Jährige hat dabei nicht nur gelernt, wie man mit todkranken Menschen umgeht – sondern auch sehr viel über sich selbst, sagt sie. „Ich bin ruhiger geworden dadurch und lebe intensiver.“ Aber auch ihre Gedanken über den Tod haben sich verändert. „Er ist etwas friedliches“, glaubt Ayanoglu. „Nur das Sterben kann schwierig sein.“ Und dabei will sie vielen Menschen beistehen – nicht nur denen, die wie sie türkische Wurzeln haben.

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Es geht einfach darum, bis zuletzt zu leben – mit allem, was dazugehört“

Magarida Santos geht es ganz ähnlich. Die gebürtige Portugiesin arbeitet schon seit einigen Jahren als ehrenamtliche Sterbebegleiterin. Die Begegnungen, die sie in dieser Zeit erlebt hat, waren nicht immer traurig. Es gab viele schöne und bereichernde Momente, erzählt die 50-Jährige. Es gab Menschen, deren Hand sie stundenlang gehalten hat. Anderen hat sie vorgelesen, manchmal hat sie mit Sterbenden gesungen, manchmal zusammen mit ihnen geweint. Sie verabschiedet sich von jedem Patienten mit einem „Bis morgen“ oder „Bis nächste Woche“. Ohne zu wissen, ob es das nächste Treffen geben wird. „Es geht einfach darum, bis zuletzt zu leben – mit allem, was dazugehört.“

Kontakt für Interessierte

Yasemin Günay, Telefon 089/124705142, E-Mail: y.guenay@hospiz-da-sein.de

Katrin Woitsch

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