Ist das noch unser München? Teil 8 der Serie

Umbruch im Münchner Norden und Osten: Mega-Plan in Feldmoching - und was sich bei BMW tut

+
Mammutprojekt Stammstrecke: Projektleiter Markus Kretzschmer sucht den Schulterschluss mit den Anwohnern.

Es rührt sich gewaltig was in Münchens Norden und Osten. Doch nicht überall stößt der Umbruch auf freudige Reaktionen.

München - München wächst: Das spürt man in jedem Viertel auf seine eigene Art. Ja, dazu gehören Wohnungsknappheit und Mieten wie vom anderen Stern. ­Dazu gehören auf der anderen ­Seite aber auch Innovationsgeist und Erfolg. Weil dabei Traditionen unter die Räder kommen können, tun sich die Leute vermehrt zusammen. Gegen Bauwut und Verkehr, für die Wahrung des Viertel-­Charakters. Lesen Sie hier, was die Menschen im Nordosten bewegt, welche Entwicklungen sie mit ­Sorge sehen und wo neue Chancen liegen.

Vom Atom-Ei zum Campus

Nächster Halt: Garching Forschungszentrum. Der Campus der Technischen Universität München (TUM) ist seit 2006 fester Bestandteil des U-Bahnnetzes – und vor allem eine Schmiede für die vielleicht besten Ingenieure der Zukunft. Wie sich der Campus entwickelt hat, erzählt TUM-Präsident Professor Wolfgang Herrmann im tz-Interview. 

Mit dem Atom-Ei hatte im Jahr 1957 alles begonnen.

Herr Professor Herrmann, wie groß war der Campus in Garching zu Ihrer Studienzeit? 

Prof. Wolfgang Herrmann: Ich habe 1967 mein Chemie-Studium begonnen, damals noch an der Arcisstraße. Die TUM in der Innenstadt platzte bereits aus allen Nähten. In Garching war hingegen nicht viel mehr als eine Wüste, wir nannten sie Garchosibirsk. Dort begann alles 1957 mit dem Atom-Ei. 

Wann nahm die Entwicklung des Campus Fahrt auf? 

Herrmann: Mitte der 1990er-Jahre. Ein Meilenstein war die Eröffnung der Fakultät für Maschinenwesen. Der entscheidende Durchbruch war die Anbindung des Campus an die U-Bahn 2006, für die wir gekämpft haben. 

Wolfgang Herrmann ist Präsident der Technischen Universität München.

Wie steht der Campus heute da? 

Herrmann: Er ist eines der größten Zentren für Wissenschaft, Forschung und Lehre in Europa. Und er wächst rasant: Wir haben über 16 000 Studierende auf dem Campus. In den letzten 15 Jahren hat sich die Zahl der Studierenden verdoppelt. Dieses Jahr bekommen wir mit dem „Galileo“ endlich ein lebendiges Zentrum. 

Was sind nächste große Schritte? 

Herrmann: Die Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik wird die in ihrer Art größte und beste Fakultät in Deutschland. Außerdem hoffen wir, dass die B11 bald nach Westen verschwenkt wird – das schafft wieder dringend benötigte Flächen für weitere Entwicklungen.

BMW und die Stadt der Zukunft

BMW gehört zu München wie der FC Bayern oder der Olympiaturm. Der Vierzylinder, die Konzernzentrale am Olympiapark, ist ein Wahrzeichen der Stadt. Trotzdem gibt’s Herausforderungen, wenn sich ein so großes Unternehmen Gedanken über seine Entwicklung in der Stadt macht. Zum Beispiel Am Hart: Hier baut BMW seit Oktober 2017 das Forschungs- und Innovationszentrum (FIZ) massiv aus – auf einer Fläche so groß wie 200 Fußballfelder. Bis 2050 sollen hier bis zu 15.000 neue Arbeitsplätze entstehen. Im FIZ Future soll die nächste Generation von Ingenieuren und Informatikern die Autos der nächsten Generation bauen. Stichworte: Elektromobilität, autonomes Fahren, künstliche Intelligenz.

 „Der FIZ Masterplan ist mehr als ein Neubauprojekt. Es geht auch darum, das FIZ mit den umliegenden Liegenschaften zu erschließen, um unseren Mitarbeitern ein hochattraktives Umfeld zu bieten“, sagt Klaus Kapp, Programmleiter FIZ Future. Auf dem „Campus der Mobilität“ sollen unter anderem Kinderbetreuungsplätze, ein Nachbarschaftsgarten, ein Nahversorgungszentrum und Cafés entstehen. Kapp: „Unser Ziel ist es, die Arbeitswelt der Zukunft mit dem urbanen Leben in der Stadt zu verschmelzen.“ Im ersten Bauabschnitt des FIZ Future mit einem Investitionsvolumen von 400 Millionen Euro sollen nach Fertigstellung Ende 2019 rund 5000 Menschen arbeiten. Momentan sind rund 26.000 BMWler im Umgriff des FIZ tätig.

Mega-Plan in Feldmoching

Reinhard Sachsinger (71) wohnt sein ganzen Leben lang in Feldmoching. Schon als kleiner Bub ist er immer wieder an dem über 100 Jahre alten Häuschen an der Raheinstraße 3 vorbeigelaufen. An jenem Häusl, das jetzt vom Abriss bedroht ist. An jenem Häusl, das ein anschauliches Beispiel dafür ist, dass im Münchner Norden vielleicht schon bald nichts mehr so sein wird, wie es mal war. Denn wenn Stadt und Investoren ihre Pläne wahr machen, entstehen im Norden in den nächsten Jahren und Jahrzehnten tausende neue Wohnungen. 

Reinhard Sachsinger glaubt, dass sich die neuen Pläne für Feldmoching, negativ auf das Stadtviertel auswirken werden.

Sachsinger: „Wir haben lang stillgehalten. Aber als der Oberbürgermeister die SEM bekannt gegeben hat, brachte das das Fass zum Überlaufen.“ Zwischen Ludwigsfeld, Feldmoching und Fasanerie-Nord soll eine etwa 900 Hektar große Fläche auf Bebauung hin untersucht werden. Diese städtebauliche Entwicklungsmaßnahme (SEM) könnte Platz für 30.000 bis 40.000 Menschen bieten. Aus Sicht vieler Bürger ist es der schockierende Höhepunkt einer fatalen Entwicklung. In der Gegend sind bereits weitere Wohnquartiere in Planung: an der Ratold-/Raheinstraße und Hochmuttinger Straße, in der Begwacht- und Eggartensiedlung. „Insgesamt mehr als 6000 Wohnungen – das verträgt unser Stadtteil nicht!“ In einem Bündnis wollen die Bürger jetzt die geplanten Mammutprojekte eindämmen. Eine ihrer wichtigsten Forderungen: Der dörfliche Charakter Feldmochings soll erhalten bleiben. Das Häuschen an der Ra­heinstraße liegt Sachsinger besonders am Herzen: „Das Haus ist von der Optik her weltweit bekannt. Es gleicht dem ehemaligen Wohnhaus von Gabriele Münter und Wassily Kandinsky, das heute in Murnau als Museum zu besichtigen ist.

Ami-Siedlung macht Schule

Wenn Steve Cobey in seiner alten Heimat ist, schwärmt er von seiner Kindheit. Fast 30 Jahre lang lebte der Deutsch-Amerikaner in Giesing. Heute wohnt der 55-Jährige im Allgäu. Doch die Siedlung am Perlacher Forst liegt ihm noch immer am Herzen. Als Fünfjähriger zog Steve 1965 mit seiner deutschen Mutter und seinem amerikanischen Vater von Paris in die Siedlung. Die Bundesrepublik hatte dort 1953 einen Quadratkilometer Wald abholzen lassen, um Wohnraum für rund 8000 Amerikaner zu schaffen – für in der McGraw-Kaserne stationierte Besatzungssoldaten und ihre Familien. 

Der McGraw-Kaserne im Jahre 1997.

„Mein Vater war als Lehrer für die US-Regierung tätig. Er unterrichtete hier an der Munich American High School“, erzählt Steve. Den Elefant vor der Schule – heute die Grundschule – gab es schon damals. „Es hatte Tradition, dass jeder Abschlussjahrgang den Elefanten bunt bemalt.“ „Die Siedlung war die Housing Area. Sie war autark mit Schule, Krankenhaus, Kindergärten, Kino und sogar einem Heizkraftwerk. Die Geschäfte und die Universität befanden sich in der McGraw-Kaserne, wo die Soldaten stationiert waren“, erklärt Tom Majer. Er ist Vorsitzender der Bürgerinitiative Ami-Siedlung, die sich dafür einsetzt, dass der familiäre Charakter der Siedlung erhalten bleibt. Die Rettung des Cincinnati-Kinos 2014 war ihr Verdienst. Herausforderungen gebe es heute genug. „Der Bau der Europäischen Schule war der Startschuss zur Gründung unserer Bürgerinitiative“, sagt Majer. 2019 soll die Schule eröffnet werden – und die Anwohner sind skeptisch: „Es kommen 1800 neue Schüler. Der Verkehr wird uns überrollen.“ Die Forderung der Initiative: „Die Herbert-Quandt-Straße muss zur Stichstraße umgebaut werden!“ Auch wenn diese Forderung vom örtlichen Bezirksausschuss nicht unterstützt wird – aufgeben wird Majer nicht. „Wir werden für den Erhalt unseres Siedlungscharakters kämpfen. Leider merkt man den Aufwertungsdruck auch bei uns.“

Ein Ständchen für die Ami-Siedlung: Steve Cobey (l) und Bewohner Tom Majer.

Mammut-Projekt Stammstrecke

Ein Mammut-Projekt nimmt Fahrt auf – Kritiker bremsen: Bürger aus dem Münchner Osten klagen gegen den Bau der zweiten S-Bahn-Stammstrecke. Projektleiter Markus Kretschmer von der Deutschen Bahn spricht im tz-Interview über Abläufe und Ängste. 

Herr Kretschmer, warum brauchen wir die zweite Stammstrecke? 

Markus Kretschmer: Weil die bestehende Stammstrecke komplett überlastet ist. Ursprünglich war sie für täglich 250.000 Fahrgäste ausgelegt, heute sind es über 800 000. 

Wie wird für Entlastung gesorgt? 

Kretschmer: Die Züge verteilen sich nun auf zwei Stammstrecken – das bringt Entlastung auf allen Linien und eine Ausweichmöglichkeit im Falle einer Störung. Die Züge auf der neuen Stammstrecke stoppen nur an drei Haltestellen – Hauptbahnhof, Marienhof und Ostbahnhof – und queren so die Innenstadt viel schneller. Zudem wird es zusätzlich Express-S-Bahnen geben. 

Kritiker sagen, dass das Umsteigen dann länger dauern wird… 

Kretschmer: Das stimmt nicht. Sie nehmen unsinnige Umsteigepunkte an. Dabei sind extra zwei Umsteigebahnhöfe, Laim im Westen und Leuchtenbergring im Osten, vorgesehen. 

Kritiker haben geklagt – wie ist der Sachstand vor Gericht? 

Kretschmer: Wir konnten uns mit zwölf Klägern außergerichtlich einigen. Das war uns wichtig – denn wir wollen einen komplett partnerschaftlichen Weg gehen. 

Zwei Klagen von Bürgerinitiativen aus dem Münchner Osten sind noch beim Verwaltungsgerichtshof anhängig. Hier wird es wohl auch keine außergerichtliche Einigung geben. Warum nicht? 

Kretschmer: Ich denke, es geht hier um grundsätzliche Fragen und persönliche Ängste. Die Bürger haben Sorge, dass ihre Häuser in Mitleidenschaft gezogen werden. Dass das nicht passiert, dafür sind wir da. Wir arbeiten mit den renommiertesten Fachleuten zusammen, die Planungen laufen bereits seit 2002

Baupläne halten Sportler auf Trab

Grün aus! Bis zu 30 000 Zuschauer fieberten früher auf der Trabrennbahn in Daglfing mit. „Man musste sich drängeln, damit man überhaupt was sieht“, erzählt Angelika Gramüller, die Präsidentin des Münchner Trabrenn- und Zuchtvereins (MTZV). Heute sind die Blütezeiten des Pferdesports in Deutschland vorbei. Etwas weh­mütig sei sie schon, sagt Gramüller. Doch die Trabrennbahn wird auch dann noch zum Münchner Osten gehören, wenn der letzte Hufschlag verklungen ist.

Bis zu 30.000 Zuschauer tummelten sich einst auf der Trabrennbahn in Daglfing.

Es sei 1902 gewesen, erzählt Vizepräsident Johann Sporer, als der Gastwirt Franz Burgauer die Trabrennbahn in Daglfing gründete. 116 Jahre erinnert die Burgauerstraße in Daglfing an jene Zeit. Ob die Bahn auch der Zukunft erhalten bleibt, ist unsicher. Das Gelände liegt im Bereich der städtebaulichen Entwicklungsmaßnahmen München-Nordost (SEM). Werden sie umgesetzt, müsste das Stadion einem riesigen Wohnbau-Projekt weichen. Doch Angelika Gramüller, die seit ihrer Kindheit auf der Rennbahn daheim ist, steckt den Kopf nicht in den Turf. Nach einem langen Rechtsstreit konnte der MTZV den Zwangsumzug nach Maisach abwenden. Wohin die Reise geht, ist aber noch offen. „Wir überlegen gerade, wer unsere Partner sein können“, sagt Angelika Gramüller. Gegenwärtig kümmert sich Sporer darum, dass die Geschäfte laufen – und das tun sie. „Wir veranstalten Rennen für PMU, den größten Wettanbieter Frankreichs. Die Franzosen können übers Internet überall ­Wetten platzieren. PMU bezahlt unsere Rennpreise, weshalb sie mit bis zu 7000 ­Euro dotiert sind.“ So kommt es, dass an einem Renntag in Daglfing mit nur sechs PMU-Rennen rund 1,8 Millionen Euro in Frankreich umgesetzt werden. Kleinere Brötchen muss der Verein backen. Der Jahresumsatz beläuft sich auf rund 1,6 Millionen Euro. In den 80er-Jahren waren es noch 80 Millionen D-Mark gewesen.

Lesen Sie hier die anderen Folgen unserer Serie „Ist das noch unser München?“ 

Stadt der Zuagroasten und Singles: So haben sich die Münchner verändert 

Münchner Stadtbild: Architektur damals und heute unter der Lupe 

Sie führt einen der letzten Tante-Emma-Läden Münchens – Einrichtung von 1950 

Unser Dialekt stirbt aus: In München redet fast keiner mehr Bairisch 

Es lebe der Sport: Früher und heute - was bewegt München? 

Ausgebusselt: Ist die Münchner Schickeria am Ende? 

Wie gemütlich ist München (noch)?

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Bettler-Alarm in der U-Bahn - MVG warnt vor der Musik-Masche
Bettler-Alarm in der U-Bahn - MVG warnt vor der Musik-Masche
Ein wahrer Schutzengel: Mann (20) rettet Kleinkind in Fürstenried
Ein wahrer Schutzengel: Mann (20) rettet Kleinkind in Fürstenried
Arnulfsteg kostet 26 Millionen Euro -Stammstrecke muss gesperrt werden  
Arnulfsteg kostet 26 Millionen Euro -Stammstrecke muss gesperrt werden  
Schüsse in Fürstenried: 40-Jähriger gerät bei SEK-Einsatz unter falschen Verdacht
Schüsse in Fürstenried: 40-Jähriger gerät bei SEK-Einsatz unter falschen Verdacht

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.