Alle sollen profitieren

Verdi über München-Zulage: 40.000 Begünstigte zu wenig - Diese Schicksale stecken dahinter

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Mitarbeiter der Stadtwerke München profitieren von der doppelten München-Zulage.

Kürzlich wurde in München über eine doppelte Zulage entschieden. Bei vielen wächst der Unmut. Die Gewerkschaft Verdi fordert jetzt eine München-Zulage für alle.

München - Im Juni hat der Stadtrat beschlossen, dass städtische Angestellte mehr Geld bekommen sollen: Für niedrigere Gehaltsklassen verdoppelt sich die München-Zulage auf 270 Euro, und für höhere Gehaltsklassen gibt’s eine neue Zulage. „Damit wurde ein Stein ins Wasser geworfen, der große Wellen schlägt“, sagt Verdi-Geschäftsführer Heinrich Birner. Das Ziel der Gewerkschaft: „Wir wollen eine München-Zulage in allen Betrieben durchzusetzen, in denen wir gewerkschaftlich gut organisiert sind.“ Davon würden insgesamt rund 100.000 Münchner Beschäftigte profitieren, bislang waren es 40.000.

Diese Menschen arbeiten bei den Stadtwerken (SWM), der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG), der Arbeiterwohlfahrt, dem Bayerischen Roten Kreuz, in der München Klinik, oder sie sind Beamte und Tarifbeschäftigte des Freistaats. Mit diesen Arbeitgebern hat Verdi nun Verhandlungstermine für 16. September, 1. Oktober und 11. Oktober vereinbart.

München: Kay J., MVG-Mitarbeiter - „Wir fühlen uns wie Arbeiter zweiter Klasse“

Erschrockene Blicke, hektisches Kramen, hitzige Diskussionen – das ist der Arbeitsalltag von Kay J. (34). Er ist Fahrkartenkontrolleur bei der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG). „Mit Feiertagszuschlägen verdiene ich rund 1800 Euro netto“, sagt er. Das sind 117 Euro mehr, als andere Kontrolleure verdienen – denn Kay J. ist Teamleiter.

„1020 Euro Miete – dazu Strom, Rundfunkgebühren, Heizkosten und Essen. Wenn ich nicht mit meiner Partnerin zusammenleben würde, hätte ich am Ende des Monats weniger als ein Hartz-IV-Empfänger übrig.“ Und die Freundin verdient als Einzelhandelskauffrau auch nicht viel mehr als er.

J.s Arbeit ist kräftezehrend, geht ihm oft an die Substanz. „Als Kontrolleur hat man immer wieder mit uneinsichtigen Fahrgästen zu tun. Manchmal sogar mit Übergriffen“, sagt der 34-Jährige. Zwischen aggressiven Schlägern und alten Damen, die weinen, weil sie vergessen haben, ihren Fahrschein abzustempeln –„man braucht in diesem Beruf ein dickes Fell – und will abends trotzdem noch in den Spiegel schauen können.“

Eine München-Zulage gibt es für MVG- Mitarbeiter noch nicht – für Kay J. wäre sie ein Zeichen der Wertschätzung. „Gleiches Recht für alle“, fordert er. Als Kontrolleur arbeitet er, weil er MVG und Stadtwerke als gute Arbeitgeber schätzt. „Aber im Moment fühlen wir uns wie Arbeiter zweiter Klasse.“

Kay J. ist Teamleater bei der MVG.

München: Bettina Rödig, Krankenpflegerin „Ich will Gerechtigkeit“

Bettina Rödig ist Krankenpflegerin und arbeitet auf der Station für Kinder- und Jugendpsychosomatik der München Klinik in Schwabing. Täglich begleitet die 27-Jährige Kleinkinder mit Behinderungen, Essstörungen, Angstproblemen und Schlaflosigkeit – und baut über Wochen eine Bindung zu ihnen auf.

Bettina Rödig (27) ist Krankenpflegerin.

München: Sonja Savic, Justiz-Angestellte - „Meine Eltern müssen mir helfen“

Sonja Savic liebt ihren Job als Justiz-Angestellte beim Landgericht München I – aber die 26-Jährige würde gerne mal für eine längere Zeit in den Urlaub fahren. Das ist leider nicht drin. Die gelernte Rechtsanwaltsfachangestellte verdient gerade mal 1800 Euro netto. Wenn von ihrem Konto 940 Euro für ihre Wohnung in Laim und dazu noch Kosten für Strom, Auto und Essen abgehen – dann bleibt am Ende des Monats nichts mehr übrig. Kommen noch unerwartete Kosten hinzu, startet sie im Dispo in den neuen Monat.

„Es ist traurig, aber oft muss ich meine Eltern um Unterstützung bitten“, sagt sie. „Und das mache ich eigentlich überhaupt nicht gerne.“ Jetzt hat sie extra eine Schulung zur Visagistin gemacht und einen Nebenjob angenommen – jeden Samstag arbeitet Sonja Savic zusätzlich.

„Die doppelte München-Zulage wäre eine sehr große Erleichterung für mich. Ein Puffer“, erklärt Sonja Savic. „Ich würde gerne mal für die Zukunft etwas zur Seite legen – ich meine, irgendwann will man ja eine Familie gründen.“ Die München-Zulage würde ihr das ermöglichen. „Das Leben in dieser Stadt ist einfach zu teuer. Ich habe schon oft überlegt, aus München rauszuziehen. Aber das will ich eigentlich überhaupt nicht!“

Sonja Savic ist Justizangestellte im Landgericht München I – und kommt nur schwer über die Runden.

Die doppelte Zulage für Angestellte der Stadt war im Juni 2019 beschlossen worden. Viele Bewohner der Landeshauptstadt geben einen Großteil des Lohns für die Miete aus.

kab

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