Mission im Namen der Tochter

„Wie viele müssen denn noch sterben?“ - Vater eines Rad-Unfallopfers kämpft für mehr Schutz

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Anton Schnürer gedenkt der jungen Frau, die am Hauptbahnhof überfahren wurde - drei Jahre nachdem seine eigene Tochter bei einem ähnlichen Unfall starb.

Immer wieder gibt es auch in München schreckliche Unfälle zwischen Fahrradfahrern und Lkws. Der Vater eines tödlich verunglückten Unfallopfers kämpft für Abbiege-Assistenten.

München - Manchmal ist es nur ein winziger Augenblick, der über Leben oder Tod entscheidet. In einem solchen schicksalhaften Moment ist Sylvia Schnürer vor drei Jahren gestorben. Ein Lkw-Fahrer hat die sportliche junge Frau auf dem Radl übersehen – er erfasste sie beim Rechtsabbiegen mit seinem tonnenschweren Fahrzeug. Genau an ihrem 30. Geburtstag, am 21. September 2016. Seit diesem Tag hat Sylvias Vater Anton Schnürer (63) eine Mission: Er will weitere schwere Unfälle mit Beteiligung von Lkw verhindern. „Ich will andere Familien vor solcher Trauer bewahren“, sagt er.

Gerade sind alle Eindrücke wieder grausam frisch: Der Fall einer jungen Radlerin, die am Hauptbahnhof von einem Lkw überfahren wurde und an den Verletzungen starb, hat die Erinnerungen wieder nach oben gespült.

München: „Wieviele müssen denn noch sterben?“ - Vater von Opfer kämpft für mehr Radler-Schutz

Bevor Sylvia ihr Leben verlor, schien alles perfekt: Nicht einmal vier Wochen zuvor hatte ihr Freund ihr einen Heiratsantrag gemacht, sie hatten eine Wohnung gekauft, wollten Kinder. „Sie war überglücklich“, erzählt Anton Schnürer. Die ganze Familie – Sylvia hat einen älteren Bruder und eine jüngere Schwester – war kurz vor dem Unfall im Campingurlaub in Kroatien. Sylvia musste wegen des Jobs früher nach Hause fahren.

An jenem Mittwoch im September radelte sie zur U-Bahn. An der Kreuzung der Lassalle-/Triebstraße (Moosach) erfasste sie der Lkw. Um 9.21 Uhr erlag sie ihren schweren Verletzungen. Anton Schnürer saß gerade mit seiner Frau in Porec vor dem Wohnwagen. Zehn Stunden nach dem Unglück erreichte die Todesnachricht das Ehepaar.

Genau an ihrem 30. Geburtstag, am 21. September 2016, starb die Tochter von Anton Schnürer.

Abbiegeassistenten für Lkws: „Das dauert alles viel zu lang“

Schon kurz danach versucht der Vater, den Schmerz in Energie umzuwandeln. Er kämpft dafür, dass in Deutschland ein Gesetz erlassen wird, das Abbiegeassistenten bei Lkw vorschreibt – noch bevor die EU-Regelung greift. Diese Systeme werden von der Industrie längst angeboten. Sie warnen Lkw-Fahrer beim Abbiegen vor Radfahrern oder Fußgängern im toten Winkel. Ab 2022 werden Abbiegeassistenten EU-weit für neue Lkw und Busse eingeführt, ab 2024 sollen sie verpflichtend sein – zumindest für neu zugelassene Lkw. „Das dauert alles viel zu lang. Wie viele Tote oder Schwerverletzte braucht München denn noch?“, fragt Schnürer. Er verweist in Sachen Abbiegeassistent auf Österreich: „Warum geht es denn in Wien?“ Dort soll es ab dem Frühjahr 2020 ein Rechtsabbiegeverbot für Lkw über 7,5 Tonnen geben, wenn das Fahrzeug keinen Assistenten eingebaut hat. Einen Plan nach diesem Vorbild hat auch die Münchner SPD.

Im Kampf um mehr Sicherheit hat Anton Schnürer schon unzählige Vorträge gehalten und Briefe geschrieben – unter anderem an den Münchner OB Dieter Reiter (61, SPD) und an Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (45, CSU). Antworten bekommt er selten. Und wenn, dann sind es Beileidsbekundungen und die Nachricht, dass man ja den Radweg an der Unfallstelle seiner Tochter mittlerweile rot eingefärbt habe. Anton Schnürer reicht das nicht. Er schüttelt den Kopf: „Warum wartet die Politik und kann nicht selbstständig jetzt schon handeln?“

Schnürer weiß, dass der Schmerz, den er seit dem Tod seiner Tochter in sich trägt, nie vergehen wird. Orte, die ihn an seine Tochter erinnern, kann der 63-Jährige kaum mehr aufsuchen: „Keiner von uns geht zum Beispiel mehr auf das Oktoberfest, denn Sylvia hat es geliebt.“ Die Doppelhaushälfte, in der die drei Kinder groß wurden, haben die Schnürers verkauft. Nur die Unfallstelle und das Grab besuchen Eltern und Geschwister noch regelmäßig.

„,Papa, kümmerst du dich um meine Hochzeit?‘“ Das, so sagt Anton Schnürer, seien die letzten Worte gewesen, die seine Tochter an ihn gerichtet hat.

Tödliche Fahrradunfälle in München: Die Chronik des Grauens

In München sind allein im vergangenen Jahr 395 Radfahrer bei Abbiege-Unfällen verletzt worden - also mehr als einer pro Tag. Die Diskussion darüber, wie man die Gefahren verringern kann, sind alt, aber eine umfassende Lösung ist noch nicht gefunden. Und Jahr für Jahr gibt es Todesopfer! Im August 2017 erlag die Schauspielerin Silvia Andersen noch an der Unfallstelle an der Regerstraße (Nockherberg, Foto) ihren schweren Verletzungen - ein Bau-Lkw hatte sie überfahren. Im Mai 2018 bewegte das Schicksal der kleinen Loreeley die ganze Stadt: Das Mädchen (9) war in der Früh mit dem Radl auf dem Weg in die Schule gewesen. Ein rechtsabbiegender Lastwagen überrollte sie an der Moosacher Straße. Loreeley hatte keine Überlebens-Chance.

Lkw-Unfälle beim Abbiegen: Spiegel oder Elektronik könnten helfen

Auf dem Foto rechts sehen Sie Ulrich Willburger: Er hat die sogenannten Trixi-Spiegel erfunden.

Auf dem Foto sehen Sie Ulrich Willburger: Er hat die sogenannten Trixi-Spiegel erfunden. Man kann sie schräg an Ampelmasten montieren. Durch die Wölbung können Lkw-Fahrer in diesen Spiegeln den toten Winkel einsehen. Voraussichtlich im kommenden Jahr soll es einen groß angelegten Versuch an mehreren Ampeln in München geben, um zu sehen, ob die Spiegel helfen. Auch elektronische Systeme sind längst in der Diskussion - wenn auch langwierig und kompliziert durch EU-Abstimmungen. Hier geht es vor allem um ein System, das man in die Lkw einbauen kann. Sensoren stellen fest, ob sich rechts neben dem Fahrzeug Radler oder Fußgänger befinden. Will der Lkw-Fahrer abbiegen, ertönt ein Signal, das ihn warnt.

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