Wenn das Geld zum Leben nicht reicht

Wir bleiben arm trotz Arbeit - betroffene Münchner berichten

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Sabrina M. (30, Foto) aus Moosach ist alleinerziehende Mutter.

Wer arbeitet, sollte davon auch leben können. Doch die Realität sieht anders aus: Viele Menschen rackern sich ab – und trotzdem reicht es hinten und vorne nicht. Zwei Betroffene erzählen.

München - Die Zahl derer, die zusätzlich zu ihrem Lebensunterhalt Grundsicherung (Hartz IV) beziehen müssen, um über die Runden zu kommen, steigt stetig: In München nahm ihre Zahl zwischen 2015 und 2018 von 7962 auf 8071 zu. 3332 von ihnen waren in Vollzeit, 4739 in Teilzeit und 3654 Personen in Minijobs beschäftigt. Die Zahl der Azubis, die Hartz IV beantragten, verdoppelte sich sogar von 515 auf 1050!

München: Immer mehr halten sich mit Minijobs über Wasser

Und: Immer mehr Menschen müssen sich einen Zweitjob suchen, weil das Geld, das sie in ihrem Hauptberuf verdienen, nicht ausreicht. Meistens versuchen die Betroffenen, sich mit Minijobs über Wasser zu halten. Die Zahl der Beschäftigten in Stadt und Landkreis München, die neben ihrem Hauptberuf noch einem Minijob nachgehen, stieg in den vergangenen zehn Jahren von 53.856 auf 77.284 (Stand September 2018), das ist eine Zunahme von 43,6 Prozent! Jeder elfte geht einem Zweitjob nach! Insgesamt gab es zuletzt 88 6210 sozialversicherungspflichtige Jobs. Die Zahl derer, die einen Nebenjob brauchen, stieg zuletzt mit 4,9 Prozent schneller als die der regulären Jobs (drei Prozent). Im Landkreis München nahm die Zahl der Nebenjobber in einem Jahr sogar um 7,2 Prozent auf 21.978 zu.

Doch Minijobs haben ihre Tücken. Spätestens im Alter leiden viele ehemalige Minijobber darunter, dass sie eine viel zu niedrige Rente bekommen. Und: Wer in der Niedriglohnfalle steckt, findet oft nur schwer wieder heraus. Lesen Sie hier, wie Fleiß bestraft wird. 

Ein Job reicht nicht

Ein Viertel aller Jobs wird mit weniger als 10,80 Euro bezahlt – zu wenig, um Miete, Essen und sonstige Ausgaben zu tätigen. Heinrich Birner, Geschäftsführer Verdi-Bezirk München & Region: „Immer mehr Menschen, die einer Vollzeitarbeit nachgehen, sind auf einen Nebenjob angewiesen, um den Lebensunterhalt bestreiten zu können.“ So gebe es viele Erzieherinnen, die am Samstag an der Supermarktkasse oder abends in der Gastronomie Geld hinzuverdienten, um die Miete bezahlen zu können.

Auch im Gast- und Nahrungsmittelgewerbe sind die Gehälter oft zu niedrig, als dass die Angestellten damit über die Runden kommen. Mustafa Öz, Landesvorsitzender der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten: „Der Mindeslohn von 8,84 Euro reicht nicht, um davon in München als Vollzeitbeschäftigter zu überleben.“

Risiko Trennung

Besonders Frauen sind gefährdet: 30 Prozent aller Frauen bekommen Stundenlöhne unter der Niedriglohnschwelle. Das haben Markus Grabka und Carsten Schröder vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) basierend auf Daten des Sozio-oekonomischen Panels ermittelt.

Von 2004 bis 2017 hat sich demzufolge auch die Zahl der Frauen mit Mini-Nebenjob fast verdoppelt, während die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im gleichen Zeitraum „nur“ um 25 Prozent angestiegen ist. Auslöser für die Notwendigkeit eines zusätzlichen Minijobs ist bei Frauen oft eine Trennung, da sie weniger abgesichert sind.

Falle Minjob

Eigentlich sollten die Minijobs nur für den Übergang oder als berufliches Sprungbrett dienen. „Das erweist sich für die meisten Beschäftigten als Illusion,“ sagt Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Oft bleiben sie im Niedriglohnsektor hängen – wegen geringer Qualifikation oder fehlender finanzieller Mittel zum Aufstieg – , sind auf Sozialleistungen angewiesen und haben im Alter kaum Rentenansprüche. Zack, die Niedriglohnfalle hat zugeschnappt.

Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarktforschung (IAB) hat ergeben, dass die Reallöhne – auch für Höherqualifizierte – seit 2010 kaum gestiegen sind. Da die Lebenshaltungskosten trotzdem weiter in die Höhe schnellten, ist der finanzielle Druck, sich das Gehalt aufzubessern, gestiegen.

Der Münchner Verdi-Gewerkschafter Heinrich Birner warnt vor den langfristigen Folgen der Niedriglöhne: „Schon jetzt gibt es zu viele Senioren, die ihr Leben lang gearbeitet haben und auf Sozialhilfe angewiesen sind, weil die Rente nicht reicht. Doch auf uns rollt noch eine viel größere Welle zu, wenn noch viel mehr Rentner auf Hartz IV angewiesen sein werden. Das wird zu gesellschaftlichen Verwerfungen führen.“

Was kann man tun, um dem entgegenzuwirken? Die Forscher des IAB fordern, die staatliche Begünstigung von Nebenjobs zu streichen und den Hauptjob attraktiver zu machen. Andere Experten fordern eine Absenkung der Verdienstgrenze oder gleich die Abschaffung der Minijobs. Die bayerische Staatsregierung allerdings setzt sich für das Gegenteil ein: Das Kabinett sprach sich am Dienstag für eine Erhöhung der Mindestverdienstgrenze von 450 Euro auf 530 Euro pro Monat aus. Bayern hofft, dass so eine missbräuchliche Ausweitung geringfügiger Arbeitsverhältnisse zulasten der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung verhindert werden kann.

Fall 1: „Ich will ein Vorbild sein“

Sabrina M. (30, Foto) aus Moosach ist alleinerziehende Mutter. Die Kinder hat sie unter der Woche bei sich zu Hause, am Samstag arbeitet sie in ihrem 450-Euro-Job an einer Tankstelle. „Ich bekomme zwar Unterhaltsvorschuss vom Vater der Kinder und Elterngeld sowie ab August Landeserziehungsgeld und Kindergeld – damit komme ich summa summarum auf 1800 Euro im Monat“, sagt die junge Mutter. „Doch ich habe 1000 Euro Fixkosten, alleine 630 Euro Miete für die mit 60 Quadratmetern viel zu kleine Zwei-Zimmerwohnung, da muss man jeden Cent umdrehen.“

Wenn die kleine Tochter Elina (1) kommendes Jahr in die Kita geht und ihre Große, Lara (5), in die Schule kommt, will Sabrina M. wieder halbtags ihrem eigentlichen Beruf nachgehen, wie sie es tat, als die erste Tochter in die Kita kam: als Verkäuferin in einem Münchner Textilwarengeschäft, wo sie gerade Elternpause macht.

Finanziell gesehen lohnt sich ihr Minijob kaum. Sabrina M.: „Tatsächlich darf mich von meinem 450-Euro-Job nur 100 Euro behalten. Ich will aber auf eigenen Beinen stehen und meinen Kindern ein Vorbild sein, darum gehe ich arbeiten.“

Fall 2: Die Schulden werden mehr

Simone H. (50, Foto) aus Germering ist seit einem Schlaganfall im Rückenmark vor vier Jahren von der Hüfte abwärts gelähmt und auf einen Rollstuhl angewiesen. Sie geht einem Teilzeitjob mit 16 bis 20 Wochenstunden bei der Schülerhilfe vor Ort nach. „Nicht arbeiten gehen, kommt für mich nicht infrage“, sagt die Mutter eines 21-jährigen Sohnes und einer zehnjährigen Tochter. „Ich will meinen Kindern ein Vorbild sein und auch etwas für meinen Lebensunterhalt tun.“

Simone H. bekommt 550 Euro Teilrente und verdient in etwa noch mal so viel in ihrem Job. Außerdem bekommt sie 300 Euro Wohngeld. Die 50-Jährige sagt: „Ich bekomme zwar auch 554 Euro für den ambulanten Pflegedienst, doch ich bräuchte auch Hilfe, um meine Kinder versorgen zu können, das wurde von den Ämtern aber abgelehnt.“ Ihr Sohn solle ihr helfen, hieß es, dabei ist der doch selbst berufstätig.

Auch ansonsten reicht ihr das Geld nicht: „Man verschuldet sich.“ Dabei bräuchte die Frau aus Germering unbedingt eine neue behindertengerechte Wohnung. „Dann käme ich leichter aus dem Haus und wäre nicht immer auf Hilfe angewiesen.“ An einen Zweitjob könne sie gar nicht denken: „Mir wird nur für den Hauptjob ein Fahrdienst angeboten.“

„Nicht arbeiten gehen, kommt für mich nicht infrage“, sagt Simone aus Germering. Seit einem Schlaganfall ist die Mutter auf einen Rollstuhl angewiesen.

Immer mehr Deutsche haben einen Zweitjob. Aus der Arbeitsagentur heißt es, das könne auch an den hohen Mieten liegen - und das Problem werde sich nicht von selbst lösen.

Es gibt über drei Millionen Deutsche, bei denen ein Job fürs Leben nicht reicht: Die sogenannten Multijobber. Das ZDF hat einige von ihnen in ihrem Alltag begleitet.

J.Welte

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