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Münchens Wohn-Situation der Zukunft: Leben wir bald wie die Chinesen?

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Ein gängiges Wohnkonzept in asiatischen Städten: Wohnen wird auf ein Minimum reduziert.

Immer enger, immer kleiner, immer weniger Raum! Und dazu werden die Miet- und Kaufpreise von Immobilien stetig teurer. Ja, es mangelt an Platz in München. Wo wird diese Spirale enden?

München - Schon gut 1,5 Millionen Menschen leben in München. Tendenz steigend! Dazu gibt es immer mehr Single-Haushalte hinter den Fassaden der Mehrparteienhäuser. Bedeutet das, dass wir in einigen Jahren Wohnkonzepte wie in Asien haben? Das Leben findet draußen statt, geschlafen wird in Schachteln? 

Ein spannender Blick in die Zukunft: Welche Wohn-, Arbeits- und Lebenstrends stehen in den nächsten 50 Jahren an? Wird das Leben in München komplett umstrukturiert? Auf der „My home is my castle?“-Diskussion gab es am Mittwochabend im Mucca Kreativquartier Einblicke in mögliche Wohn- und Lebenskonzepte der Zukunft. 

In kurzen Vorträgen gewährten verschiedene Denker, Architekten, Design-Forscher und Soziologen Einblick in ihre Vorstellungen vom Wandel der Wohn- und Lebensformen. Einige stellen auch schon konkrete Pläne vor. In einem Punkt sind sich jedoch alle Experten und Forscher einig: Die Trends der kommenden Jahrzehnte heißen Co-Living und Mikro-Living. Was genau dahinter steckt, welche Gründe die vorhergesehenen Veränderungen haben und vor allem welche Antworten die Wissenschaftler darauf geben - wir haben uns für Sie  umgehört.

Das sagt der Zukunftsforscher: Mini-Zweitwohnung für die Arbeitszeiten

Stefan Breit ist aus Zürich angereist, um seine Visionen vorzustellen. Er sagt: „Die Wohn- und damit Lebensformen verändern sich langsam. Das liegt daran, dass die klassische Kleinfamilie mit Mutter, Vater und zwei Kindern ein wenig an Bedeutung verliert. Klar wird diese Lebensform nie aussterben, aber sie geht ein Stück weit zurück und bekommt Konkurrenz - zum Beispiel von Patchwork-Haushalten oder eben Einzelhaushalten.“ 

Stefan Breit sagt: „Die Wohn- und damit Lebensformen verändern sich langsam. Das liegt daran, dass die klassische Kleinfamilie mit Mutter, Vater und zwei Kindern ein wenig an Bedeutung verliert.“

Durch die Globalisierung und Individualisierung gäbe es immer mehr Singles. Die haben freilich andere Wohnbedürfnisse als eine kleine, traditionelle Familie. „Zusätzlich“, weiß der Experte, „haben wir eine starke Verdichtung in den Städten. Oft arbeiten die Menschen nur noch in den Zentren und leben an den freien Tagen weiter außerhalb. Für die Arbeitstage braucht man keine Drei-Zimmer-Wohnung.“ Breits Idee: „Mikro-Living“. Das bedeutet: Man nutzt unter der Woche ein Mini-Apartment in der Stadt. „Das Leben wird mobiler - und dem sollte man Rechnung tragen und auch die Wohnformen umdenken.“

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Das sagt der Wohnraum-Architekt: Apartment-Häuser gegen Einsamkeit

Hans Drexler kommt aus Frankfurt am Main, um seinen Einblick in die Wohnwelten der Zukunft zu präsentieren. Ähnlich wie Stefan Breit sieht er, dass die überlieferten Gesellschaftsformen an Bedeutung verlieren. Die Folge ist eine verstärkte Vereinzelung und Vereinsamung der Menschen. 

Hans Drexler sagt: „Vor allem bei älteren Menschen ist Einsamkeit leider nicht selten, daher denke ich, dass eine gewisse Zusammenlegung in gemeinschaftliches Wohnen auf hohem Standard eine gute Lösung ist.“

„Vor allem bei älteren Menschen ist Einsamkeit leider nicht selten, daher denke ich, dass eine gewisse Zusammenlegung in gemeinschaftliches Wohnen auf hohem Standard eine gute Lösung ist.“ Dies bezeichnet Drexler als „Co-Living“. Drexler sagt: „Für uns Architekten heißt das: Wir brauchen flexiblere Gebäude, in denen man wohnen, aber auch in Gemeinschaftsräumen Freizeit verbringen kann und leichter Anschluss findet.“ Wie er sich das genau vorstellt? „Mit unserem Minihaus als Prototyp für innerstädtische Nachverdichtung. Ein Haus voller kleiner Apartments, das schafft Wohnraum - und es können Nischen der Stadt genutzt werden. So wird die Infrastruktur besser ausgelastet und das soziokulturelle Gefüge in der Stadt gestärkt.“ 

Das sagt der Soziologe: Wohnen auf exakt 7,2 Quadratmetern

Soziologe Moritz Fedkenheuer sieht ähnliche Trends wie seine Kollegen aus Architektur und Zukunftsforschung. „Gemeinschaftliches Wohnen wird wichtiger werden. Die Städte, speziell auch München, werden teurer. Das Zusammenlegen von Haushalten ist eine pragmatische Antwort auf die Mietpreise. Zusätzlich haben vor allem allein lebende Menschen ein Bedürfnis nach Gemeinschaft. Und Kontakte können besser geknüpft werden, wenn nicht jeder alleine in seiner Einzimmerwohnung lebt. Doch davon gibt es momentan in allen Städten sehr viele - denn der klassische Familienhaushalts-Typ verfällt immer mehr.“ 

Moritz Fedkenheuer beim Symposium zum Wohnen der Zukunft.

In London und New York, so der Experte, gebe es schon Vorreiter der neuen Wohnmodelle. „Das Bedürfnis ist in Städten noch größer, in denen viele Leute nur zum Arbeiten sind. Aber eines ist klar: Die Digitalisierung, Globalisierung und Individualisierung der Lebensstile erfordert ein Umdenken in den Wohn- und Lebensformen in den kommenden Jahren. Es gibt Studenten-Wohnformen auf 7,2 Quadratmetern pro Person.“

Das sagt der Arbeitsplatz-Profi: Sport und Fitness am Arbeitsplatz

Johann Spengler ist Architekt bei Steidle Architekten in München. Sie sind voll in der Planung eines neuen Projekts, das sich mit aktuellen Lebenstrends beschäftigt. „Munich Urban Colab“ soll die Lösung für ein lebenswertes München der Zukunft sein. Auf rund 11.000 Quadratmetern entstehen im jetzigen Kreativquartier Schwere-Reiter-Straße Büroräume, dazu aber auch Veranstaltungs- und Seminarräume, ein Café, zwei Wintergärten sowie Sport- und Fitnessräume. 

Johann Spengler beim Symposium zum Wohnen der Zukunft.

In dieser Atmosphäre sollen diverse Start-Ups zusammen arbeiten und sich geistig und körperlich wohlfühlen. „Außerdem dient die Zusammenlegung der Firmenräume und Freizeitmöglichkeiten der sozialen Vernetzung“, erklärt Spengler. Unterstützt wird das Projekt u. a. von Unternehmer-TUM - einer Firma, die mit der Technischen Universität junge Firmengründer unter die Arme greifen. Im Frühjahr 2019 soll der Bau beginnen und ca. zwei Jahre dauern. Bis dahin wird auch entschieden, welche Start-Up-Unternehmen in dem Neubau zusammen arbeiten werden.

Felicitas Bogner

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