Thomas Hindelang gibt auch Touristen Tipps

BOB-Lokführer soll der „Eisenbahner mit Herz“ werden: Der Gottschalk der Gleise

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„Wir fahren keinen Kies – sondern Menschen“, sagt Thomas Hindelang. Im Zug ist der 59-jährige Lokführer auch Moderator und Mutmacher.

Mit seinen kreativen Ansagen im Zug ist Thomas Hindelang zum Unikat geworden. Erneut ist der BOB-Lokführer als „Eisenbahner mit Herz“ nominiert. 

München Der Führerstand ist sein Studio, die Passagiere sind sein Publikum. Wäre die Bayerische Oberlandbahn (BOB) eine Radio-Show, Thomas Hindelang würde sie moderieren. Der Unterschied: Hindelang entscheidet ganz spontan, wann er „on air“ geht. Einen festen Sendeplatz gibt es aber: Wenn der Zug im Münchner Süden über die Großhesseloher Brücke rattert, schaltet der Lokführer das Mikrofon immer ein: „Diese alte Eisenbahnbrücke ist eine technische Meisterleistung“, erklärt er seinen Mitfahrern. Und dann knarzt es noch aus den Lautsprechern: „Schaut’s nunter, wie schön die renaturierte Isar fließt.“ Hinweise auf die Wahrzeichen der Stadt – Olympiaturm, Frauenkirche oder auch das BMW-Haus – runden den Beitrag ab, den Hindelang live von der Spitze des Zugs sendet.

Seine Ansagen machen ihn zum Unikat: Statt auswendig gelernter Phrasen liefert Hindelang kreative Sprüche, mischt Information mit Unterhaltung: Weil ihnen sein „Infotainment“ so gut gefällt, nominierten Fahrgäste ihn zum zweiten Mal in Folge als „Eisenbahner mit Herz“. Die Auszeichnung würdigt deutschlandweit den beherzten Einsatz des Zugpersonals.

Münchner Lokführer: „Wir haben ein Privileg gegenüber dem Autofahrer“

Zum Interview kommt der 59-Jährige aus dem Münchner Ortsteil Hadern natürlich mit der BOB. Gemütlich schlendert er am Bahnsteig entlang. Unter der dunkelblauen BOB-Jacke schimmert die schrille, gelbe Berufskrawatte hervor. Hindelang, seit 17 Jahren Lokführer, grüßt mit zwei Fingern und grinst. Beim Lachen zieht sich sein Gesicht in die Länge. So einen authentischen Lobbyisten könnte sich das Unternehmen gar nicht schnitzen. Hindelang sagt philosophische Sätze wie: „Wir haben ein Privileg gegenüber dem Autofahrer – eine eigene Trasse. Uns wird der rote Teppich ausgerollt. Da muss man doch drüber gehen.“

Unbegründete Verspätungen, technische Probleme, überfüllte Züge: Wenn es Winter wird, kämpfen die altersschwachen BOB-Triebwagen traditionell mit Wehwehchen, die Informationspolitik steht in den sozialen Medien regelmäßig in der Kritik. Den Hashtag #bobstattstau fassen manche als Provokation auf. Hindelang spült all die negativen Assoziationen mit seiner guten Laune fort. Seine fast schon kindliche Begeisterung für die Eisenbahn steckt an. Einer seiner Leitsätze: „Man muss das Beste aus jeder Situation machen.“

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Münchner Lokführer heitert Fahrgäste auf - auch Moderator und Mutmacher

Unzufriedene Fahrgäste reißt Hindelang mit seinem Unterhaltungsprogramm aus ihrem Film. Zum Beispiel, wenn er durchsagt, dass er versucht, die zehn Minuten Verspätung wieder reinzufahren, weil die Zeit schließlich auch von seiner Brotzeit-Pause abgeht. Typisches Szenario bei einem Hindelang-Spruch: Fahrgäste schauen hinter ihrem Buch hervor, setzen den Kopfhörer ab und lächeln sich gegenseitig an. Das Kuriose: Sogar die, die verächtlich den Kopf schütteln, heitert der Mann auf. Auch gemeinsames Genervtsein verbindet.

In seinem Studio gibt es Knöpfe für die interne und für die öffentliche Kommunikation. Hindelang sitzt im Führerstand, fährt mit der Hand über die Armatur und sagt: „Wenn so viele Menschen miteinander unterwegs sind, kann man Brücken bauen. Wenn alle griesgrämig rumlaufen, bringt das keinem was.“ Für seine Brücken bekam er einmal einen langen Applaus von einer Gruppe Jugendlicher. Viele Fahrgäste kennen ihn, obwohl er nur maximal acht Tage im Monat im Dienst ist. Hindelang ist nicht nur Lokführer, Moderator und Mutmacher, sondern vor allem Verkehrsplaner.

Münchner Lokführer gibt auch Touristen-Tipps durchs Mikrofon

Und ein Naturliebhaber. Wenn sich der Schliersee besonders schön in der Sonne spiegelt oder die Blätter sich im Herbst golden färben, muss der Mann einfach zum Mikro greifen: „Es bricht aus mir heraus. Wenn ich etwas als wunderbar empfinde, will ich es mit anderen teilen.“ Und so empfiehlt er seinen Mitreisenden, mit der Seilbahn aufs Brauneck und den Wendelstein zu fahren oder jetzt bitte mal schnell aus dem Fenster zu schauen. „Für den Touristen sind persönliche Ansagen viel besser. Der weiß dann: Da ist ein Mensch vorne, der kann mir helfen.“

Im Gespräch ist Hindelang kaum zu bremsen, springt unvermittelt von der Bahn auf das Thema Zahnersatz und wieder zurück. Im Führerstand weiß er, dass es auf die richtige Dosis ankommt, dass sein Programm nicht zu einer Dauersendung ausarten darf. „Bei den ersten Zügen morgens halte ich mich zurück. Pendler wollen schlafen oder ihre Ruhe.“ Einen schönen Arbeitstag wünscht er ihnen aber schon. „Wir fahren ja keinen Kies – sondern Menschen.“

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