Angeblich „massiver Druck“ durch die Gemeinde

Nach 40 Jahren: Kirche setzt Familie vor die Tür

Die Familie Hahn kämpft seit drei Jahren um ihr Haus.

Eigentlich dachte eine Familie in Obergiesing, sie könne in ihrem Haus „alt werden“. Das sagte der Vermieter. Doch nun meldet ausgerechnet die Kirche Eigenbedarf an. 

München - Olga Hahn (68) sowie ihre Kinder Mirjam (32) und Matthias (41) sind verzweifelt. Nach über 40 Jahren sollen sie aus ihrer Wohnung in Obergiesing ausziehen – und das, obwohl ihnen der Eigentümer noch vor Jahren zugesagt habe, die Familie könne dort „alt werden“. Stattdessen gab es vor drei Jahren die Räumungsklage. Der Rausschmeißer: ausgerechnet die Evangelische Kirche, die Eigenbedarf für einen neuen Diakon anmeldete. Das Amtsgericht gab zunächst der Kirchengemeinde Recht. Doch die Hahns wehren sich. Gestern kam es schließlich vor dem Landgericht zur Berufungsverhandlung.

„Wir sind dazu gedrängt worden“

Und dort wurde es für die Familie nicht besser. Der große Nachteil in dem Verfahren für Olga Hahn und ihre Kinder ist, dass sie im Jahr 2015, kurz nachdem die Kirchengemeinde Eigenbedarf anmeldete, einen Aufhebungsvertrag unterzeichnet haben. Der Auszug sei damit freiwillig erklärt worden, so das Argument der Vertreter der Philippus-Gemeinde in Obergiesing. Olga Hahn hingegen behauptet: „Wir sind dazu gedrängt worden.“ Auch ihr Sohn Matthias sagt: „Meine Muter hat diesen Vertrag damals unter massivem Druck unterzeichnet“.

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Hätte sie den Aufhebungsvertrag nicht unterschrieben, erzählt der Sohn, so wären der Familie lediglich zwei Monate bis zur Räumung geblieben. Die Kirche verkaufte den Aufhebungsvertrag laut Familie Hahn also als großzügiges Entgegenkommen. Denn für ihren Auszug hätten sie ab dem Zeitpunkt der Unterzeichnung noch ein Jahr Zeit gehabt.

Der Streit schwillt schon seit drei Jahren

Doch die Hahns sind bis heute nicht ausgezogen. Über drei Jahre lang streiten die beiden Parteien nun über Anwälte. Dabei will Olga Hahn keinesfalls „eine Hexenjagd“, wie sie im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt. „Ich möchte einfach nur mit meinen Kindern in diesem Haus bleiben. Dort haben wir uns in den vergangenen vier Jahrzehnten eingerichtet, unseren Lebensmittelpunkt gefunden. Und jetzt sollen wir einfach gehen, obwohl uns ein Bleiberecht zugesagt wurde? Das können wir nicht akzeptieren.“

Im April 1969 bezog Olga Hahn zusammen mit ihrem Mann Ingo die Wohnung an der Bodelschwinghstraße, direkt neben der Philippus-Kirche, in der Vater Ingo als Diakon arbeitete. Doch auch Olga Hahn engagierte sich ehrenamtlich für die Kirchengemeinde, war beispielsweise Mesnerin, half bei der Münchner Tafel und arbeitete als Alten- und Krankenpflegerin. Als Ingo Hahn im Jahr 2010 verstarb, versicherte die Kirchengemeinde der Familie das Bleiberecht. Umso überraschender nun die Räumungsklage.

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Die Richter am Landgericht machten Olga Hahn gestern schnell deutlich, dass ein Auszug aufgrund der Faktenlage unvermeidbar ist. Die Vereinbarung sei unterzeichnet – und damit rechtlich nicht anfechtbar. Sohn Matthias ist enttäuscht: „Wir haben uns auf das Wort der Kirche verlassen.“

Aufgrund einer Sonderregel darf die Kirche auf Eigenbedarf klagen, auch wenn sie die Wohnung nicht für sich braucht, sondern für eine nahestehende juristische Person. Im Obergiesinger Fall ist diese juristische Person ein Diakon. Für ihn ist die Wohnung von Familie Hahn in Zukunft bestimmt. 

Johannes Heininger

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