Rechtsextreme als Gäste

Nach Aus für „Casa mia“: Wie sehr geht Politik die Wirte an?

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Das „Casa mia“ in Sendling, wo sich Pegida traf, musste schließen – die Brauerei kündigte den Vertrag.

Der Fall des „Casa mia“ in Sendling hat hohe Wellen geschlagen. Über die Frage, wie sehr Politik die Wirte angeht, wird weiter debattiert. Lokale zur Zielscheibe von Linksextremen – etwa die Gaststätte „Zum Löwen“ in Neuperlach.

München - Der Fall erhitzte wochenlang die Gemüter wie ein Steinofen die Pizza: Die Trattoria „Casa mia“ in Sendling musste Ende Juli schließen, nachdem ihr die Brauerei den Pachtvertrag gekündigt hatte – offiziell wegen wirtschaftlicher Probleme. Vorausgegangen war eine tragische Melange von Entwicklungen: Pegida-Anhänger hatten sich dort getroffen, der Bezirksausschuss (BA) intervenierte, Anti-Nazi-Aktivisten besprühten die Hauswand. Seine Umsatzeinbußen schob Wirt Giovanni Costa auf den schlechten Ruf, den ihm das Engagement des BA eingetragen habe.

Will keine Rechtsextremen in seiner Bar: Wirt Ali Muhammad in seiner „Hopfendolde“.

Gleich, ob Costa recht hat oder ob es um seine Finanzen schon seit Jahren nicht gut bestellt war – die Angelegenheit erschien so gewichtig, dass sie auch der Spiegel aufgriff und die Neue Zürcher Zeitung sie eine „bedauerliche Lokalposse“ nannte. Dabei berührt sie gerade in München eine entscheidende Frage: Wie politisch muss ein Wirt sein, und wie viel Weltoffenheit ist einforderbar?

Ähnliche Erfahrung bei der Gaststätte „Zum Löwen“

Einige Lokale in München machen ähnliche Erfahrungen, etwa die Gaststätte „Zum Löwen“ in Neuperlach. In der Nacht zum 3. Juli wurden dort laut Polizei Fensterscheiben zerschlagen und Farbflaschen geworfen. Es werde in alle Richtungen ermittelt, so ein Sprecher. Für Wirt Ernest Klancnik aber ist bereits klar: „Das war ein Warm-up für Hamburg.“ Er vermutet, dass Linksradikale im Vorfeld des G-20-Gipfels randalierten.

In Klancniks „Traditionsgaststätte“ am Peschelanger gibt es deftiges Essen für kleines Geld, zudem ein Nebenzimmer für Vereinsfeiern und Versammlungen. „So was habe ich noch nicht erlebt“, sagt er. Den vermutlich linksextremistischen Angriff erwähnt auch der Bayerische Verfassungsschutz im Halbjahresbericht 2017 – und bringt ihn in Zusammenhang damit, dass in der Gaststätte zuvor „Stammtische des AfD-Ortsverbands München-Ost stattgefunden“ hätten. Klancnik sagt nur: Natürlich kämen „Leute“ vorbei „für Besprechungen“. Er bewirte alle, „ich bin froh über jeden Cent“. Ob ihm der Ruf geschadet habe? Klancnik wehrt sich: „Wir haben mit diesem Mist, rechts oder links, nichts zu tun.“ Den Beweis sieht er darin, dass seine Familie aus Slowenien stamme und seine Speisekarte so international sei wie sein Publikum.

Bei der Gaststätte „Zum Löwen“ wurden Fenster demoliert – nachdem die AfD dort getagt hatte.

Aufkleber „München ist bunt“ zeigt Toleranz

Wie soll ein Wirt damit umgehen, wenn sich Rechtspopulisten oder -extreme in seinem Lokal treffen? Miriam Heigl von der städtischen Fachstelle für Demokratie sagt: „Es ist jedem Wirt überlassen, ob er sich zuständig fühlt und welche Maßnahmen er ergreift.“ Im Mai 2015 hatten OB Dieter Reiter (SPD) und der Bayerische Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) gemeinsam die Gastronomen informiert, was diese tun können, wenn sie ihre Räume nicht „extrem rechten Gruppierungen überlassen“ wollen. Den Aufkleber „München ist bunt“ haben viele Wirte angebracht.

Heigl betont, dass sich das Schreiben „nicht gegen Parteien“ richte. Doch da die Stadt interkulturell sei, „müssen wir offen miteinander umgehen und Rassismus nicht stark werden lassen, und wir halten es für geboten, dafür zu sensibilisieren“. Die Stadt wolle und dürfe den Wirten nicht reinreden und verlange von keinem, seine Gäste auszuspionieren. Das Schreiben sei „ein Angebot, kein Verbot“, sagt auch Dehoga-Kreisvorsitzender Conrad Mayer. „Der Wirt muss frei entscheiden, aber wissen, was er tut“, sagt er. „Es birgt immer ein Risiko, sich bestimmte Organisationen ins Haus zu holen.“ Mit „Risiko“ meint er: dass die Reputation leidet, Umsätze einbrechen, Fenster eingeschmissen werden könnten. „Gewalt darf natürlich nicht sein“, sagt Mayer. „Aber sie passiert.“

Wirte-Verhalten ein „Spiegelbild unserer Gesellschaft“

Laut Markus Schäfert vom Verfassungsschutz kommt es bayernweit vermehrt vor, dass Linksextreme Wirte bedrohen und insbesondere Gaststätten demolieren, in denen AfD-Veranstaltungen stattgefunden haben. Beobachtet würden Linksextreme genauso wie einzelne AfD-Mitglieder, Pegida oder etwa die Identitäre Bewegung – auch bei Treffen in Gaststätten.

Laut Heigl gehen die Wirte unterschiedlich vor. Manchen sei es gleichgültig, wer sich bei ihnen treffe, manche erteilten Hausverbote, manche sympathisierten. „Ein Spiegelbild unserer Gesellschaft“, sagt Heigl. Freilich schlachten Rechtspopulisten das Thema auch massiv für ihre Zwecke aus. Die AfD München-Ost beklagt, dass sie kaum noch Räume finde. Wirte, bei denen sie unerwünscht ist, haben dafür unterschiedliche Gründe: Manche – etwa Ricky Steinberg vom Hofbräukeller – lehnen ihr Gedankengut ab. Andere fürchten einen Imageschaden, bei manchen macht die Großbrauerei Druck.

Hopfendohle: ein Ort für Identitäre?

In einer Broschüre von 2012 beschreibt Heigl, warum es für Rechtsextreme so wichtig ist, sich in Lokalen zu treffen – dies zeige die historische Erfahrung. So bauten sie eine Infrastruktur auf, um sich eine „dauerhafte Präsenz“ zu verschaffen und sich öffentlich als „normale Parteien“ zu inszenieren. Dadurch würden sie ansprechbar, und es setze eine Gewöhnung ein. Um dies zu verhindern, gibt es auch in den BAs Rechtsextremismus-Beauftragte – so wie Ernst Dill (SPD) in Sendling, dem der „Casa mia“-Wirt eine Mitschuld gab. Dill steht dazu, dass er das mit Pegida publik gemacht hat: „Es gilt, frühzeitig hinzugucken und für Weltoffenheit einzutreten“, sagt er. „Als Wirt an einem solchen Standort zu sagen, man ist unpolitisch, klappt nicht.“

Wie sehr Wirte zum Spielball werden können, zeigt das Beispiel der „Hopfendolde“ an der Feilitzschstraße in Schwabing. Ein linksextremes Internetportal schreibt, dort hätten sich kürzlich Anhänger der Identitären Bewegung versammelt, die deren Abzeichen trugen. Wirt Ali Muhammad weiß davon nichts. Seine Bar werde vor allem von Migranten besucht, sagt er. Aber er ergreife nun Maßnahmen und stehe in Kontakt mit der Polizei, denn: „Ich werde nicht zulassen, dass solche Leute bei mir reinkommen.“

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