Portale bieten Plätze an

Tausende Euro für Wiesn-Tische, die es nie geben wird? Oktoberfest-Skandal im Internet

Findet das Oktoberfest 2020 statt? Wiesn-Chef Clemens Baumgärtner äußert sich. Währenddessen laufen Online-Reservierungen zu Wucherpreisen.

  • Das Coronavirus* hält die Stadt München und die Welt in Atem.
  • Noch immer nicht ist klar, ob das Oktoberfest stattfinden kann.
  • Im Internet werden dennoch Reservierungen für Tische vergeben.

Update, 21. April 2020: Es ist beschlossene Sache - die Wiesn 2020 ist abgesagt. OB Reiter äußert sich exklusiv - und spricht darüber, ob das Oktoberfest 2021 nun vielleicht sogar verlängert wird.

Update, 20. April 2020: München in der Corona-Krise - Ist das Oktoberfest 2020 abgesagt? Söder und OB Reiter informieren auf einer gemeinsamen Pressekonferenz zur Wiesn.

Update vom 19. April: Nun plädiert auch Münchens Alt-OB Christian Ude für eine schnelle Absage der Wiesn 2020 - Wiesn-Wirt Michael Käfer pflichtet ihm bei.

Update vom 18. April, 11.54 Uhr: Die Wiesn steht wegen der Corona-Krise in München auf der Kippe. Trotzdem bieten Online-Portale Platzreservierungen in den Zelten an - oft für mehrere Tausend Euro pro Tisch. Noch haben die Verantwortlichen nicht endgültig entschieden, ob das größte Volksfest der Welt wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden muss.

Die Wirte haben teils seit Jahresbeginn Anfragen zu Reservierungen angenommen oder Tische für Stammkunden vorreserviert. Zusagen haben sie nicht gegeben. Trotzdem läuft der Handel mit Reservierungen für Plätze - die es vielleicht nie geben wird. 

Lesen Sie auch: Das Oktoberfest 2020 wurde Coronavirus-bedingt abgesagt. Toni Roiderers Hacker-Zelt auf der Wiesn wird es also heuer nicht geben. Der Wirt nimmt‘s mit Fassung.

Oktoberfest 2020: Absage wegen Coronavirus? Tische werden dennoch gehandelt

Tische für zehn Personen werden teils für 5000 Euro und mehr angeboten. Mancher Anbieter hat inzwischen immerhin den Hinweis eingefügt: „Bei Absage des Oktoberfestes 2020 aufgrund von COVID-19 (Corona-Virus) werden alle bereits getätigten Zahlungen für das Folgejahr angerechnet.“

Seit langem kämpfen die Wirte gegen die Graumarktverkäufe von Reservierungen und die exorbitanten Preise. Auch die Stadt München sieht die Verkäufe nicht gern. Festleiter und Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner (CSU) rät grundsätzlich, beim Wiesnwirt direkt zu reservieren. 

Oktoberfest 2020: Coronavirus könnte Wiesn-Absage zur Folge haben - Endgültige Entscheidung fehlt noch

Bei den Wirten kostet die Reservierung nichts oder eine geringe Bearbeitungsgebühr. Die Gäste müssen aber Verzehrgutscheine kaufen, pro Platz für ab etwa 40 Euro - der Wert von etwa zwei Maß Bier und einem Hendl. Je nach Essensauswahl und Zelt können auch Gutscheine für 80 Euro oder mehr erworben werben. Die konkreten Preise für 2020 sind offen. Sie würden mit dem Bierpreis in ein paar Wochen veröffentlicht - wenn es dieses Jahr je so weit kommt.

Die Zeichen mehren sich, dass auch die Wiesn ausfällt. Vor einigen Wochen hatte OB Reiter noch gesagt, Ende Mai oder Anfang Juni werde entschieden; Festleiter Baumgärtner (siehe unten) wollte für die „nicht umkehrbare Entscheidung“ bis zum letztmöglichen Zeitpunkt warten. Doch der Druck wächst. 

Coronavirus in München: Wiesn-Chef mit schonungslosem Einblick - „da endet bei mir die Vorstellungskraft“

Erstmeldung vom 16. April: München - Das öffentliche Leben läuft in den kommenden Monaten nur langsam wieder an. Und dann soll im September das größte Volksfest der Welt – die Wiesn – stattfinden? Kaum vorstellbar. Auch für Ministerpräsident Markus Söder (CSU) nicht. Wir unterhielten uns mit Söders Parteikollegen Clemens Baumgärtner – Münchens Wirtschaftsreferent und Wiesn-Chef – über die wahrscheinliche Absage des Oktoberfests.

Herr Baumgärtner, jede Großveranstaltung wird bis Ende August abgesagt. Drei Wochen später würde die Wiesn beginnen, bei der Millionen Menschen aus aller Welt zusammenströmen. Kann man verantworten, dass das Oktoberfest stattfindet?

Wiesn-Chef zum Oktoberfest 2020: „Wiesn wird nur stattfinden, wenn ...“

Das Wort Verantwortung ist der richtige Einstieg. Eine Wiesn wird nur stattfinden, wenn keine Gefahr für Leib und Leben besteht. Und diese Gefahr ist momentan offensichtlich und heißt Corona. Massenansammlungen können also nicht stattfinden. Das ist die eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite haben wir in München Geschäfte wie Loden Frey oder Hirmer, die Wirte, die Schausteller und Beschicker, die auf der Wiesn einen Großteil ihres Jahresgeschäfts machen. Wir haben also die wirtschaftliche und die gesundheitliche Seite zu berücksichtigen, wobei letztere wesentlich schwerer wiegt.

Clemens Baumgärtner ist als Wirtschaftsreferent oberster Wiesn-Chef in München

Warum zögert die Stadt dann mit der Absage?

Wir zögern nicht, sondern tun das, zu dem wir als Stadt verpflichtet sind: nämlich den normalen Wiesn-Bewertungsprozess durchzuziehen. Ich kann nicht im März schon eine im September geplante Veranstaltung absagen, wenn ich keine brauchbare Grundlage dafür habe. Im Moment entwickelt sich die Welt schnell rund um die Corona-Entwicklungen. Allerdings: Selbst wenn im Juni der Wunder-Wirkstoff gefunden würde, kann ich nicht davon ausgehen, dass der im September in einer breiten Masse für jeden Besucher der Wiesn verfügbar wäre. Aber wir müssen jetzt noch keine Entscheidung treffen, weil die Stadt noch keine Aufträge vergeben hat. Wir treffen eine fundierte Entscheidung, wenn wir sie treffen müssen.

Ministerpräsident Markus Söder kann sich die Wiesn in diesem Jahr nicht vorstellen. Setzt er die Stadt damit nicht in Zugzwang?

Der Ministerpräsident hat ja nicht nur die Wiesn im Blickfeld, sondern alle möglichen Veranstaltungen bayernweit. Wenn der Freistaat die Allgemeinverfügung über den August hinaus verlängert, ist sowieso Schicht im Schacht. Im Übrigen bin auch ich skeptisch. Und nichts anderes hat Markus Söder gesagt.

Wiesn-Chef zum Oktoberfest 2020: „Ohne Impfstoff endet bei mir die Vorstellungskraft“

Sie können sich die Wiesn heuer also auch nicht vorstellen?

Es kommt nicht auf die Vorstellungskraft an, sondern ich muss eine juristisch handfeste Entscheidung vorbereiten. Das bedeutet auch, solange die Wiesn theoretisch durchführbar ist, muss ich die Anträge der Bewerber positiv verbescheiden. Sonst begäbe sich die Stadt in die Gefahr der Schadensersatzpflicht. Gut zu begründen wäre eine Ablehnung nur, wenn die Zeitspanne nicht mehr ausreichte, um eine virenfreie oder virensichere Wiesn zu gewährleisten.

Stattfinden könnte die Wiesn also nur, wenn ein Impfstoff gefunden würde?

Beispielsweise. Ohne Impfstoff endet bei mir die Vorstellungskraft.

Haben Sie Wirte, Schausteller und Standlbesitzer schon vorgewarnt, dass das Oktoberfest heuer ins Wasser fallen könnte?

Natürlich stehe ich mit unseren Partnern ständig in Kontakt. Die muss man nicht vorwarnen. Die lesen ja auch Zeitung, sie wissen genau, was los ist und dass die Wahrscheinlichkeit geringer wird. Nichtsdestotrotz kann ich mich nicht auf Orakel verlassen, sondern auf Rechtssicherheit.

Wäre eine Verschiebung vorstellbar?

Wiesn-Chef zum Oktoberfest 2020: „Nicht mit aller Gewalt durchziehen“

Man muss die Wiesn Wiesn sein lassen und sie nicht mit aller Gewalt durchziehen.

Eine Schmalspur-Wiesn – etwa nur für Einheimische – wäre wohl auch keine Lösung?

Für mich technisch nicht vorstellbar. Wenn auf der Oidn Wiesn 30 Leute vor den Karussells anstehen oder viele Beschwipste herumlaufen und den Abstand nicht wahren, hätte doch auch keiner etwas davon. Noch einmal: Es geht um eine nachvollziehbare, begründbare Entscheidung. Die auch klarmacht, dass wir alles bis zum letzten Zeitpunkt versucht haben. Aber letztlich hat die Gesundheit obersten Vorrang.

Wäre es Ihnen recht, wenn der Ministerpräsident Ihnen die Entscheidung abnähme?

Es geht darum, gemeinsam eine Entscheidung zu treffen.

Wie groß wäre der wirtschaftliche Schaden?

Der Wirtschaftswert der Wiesn liegt zwischen 1,5 und zwei Milliarden Euro. Je nachdem, wie viele Besucher kommen und wie viel konsumiert wird. Der Schaden wäre immens. Auch für Hotels, kleine Unterkünfte und Geschäfte.

Der Einzelhandel klagt jetzt schon über Benachteiligung.

Wiesn-Chef zum Oktoberfest 2020: „Wiesn mit Maske will ich mir nicht vorstellen“

Ministerpräsident Söder hat heute ja Perspektiven für eine schrittweise Normalisierung beim Handel angekündigt. Mindestabstand und das Tragen von Schutzmasken werden sicher hilfreich sein.

Was aber bei der Wiesn schwer vorstellbar wäre.

Eine Wiesn mit Nasen- und Mundmaske will ich mir nicht vorstellen. Wiesn ist Lebensfreude und ein schönes Fest. Bevor die Marke Wiesn beschädigt wird, lasse ich sie lieber ausfallen. Bilder mit Schutzmasken sollten nicht um die Welt gehen.

Viele Schausteller hoffen noch auf ein Wunder.

Ich verstehe deren Sorgen, ich fühle mit diesen Leuten. Es geht hier um Existenzen. Daher ist der Vorwurf, die Stadt zögere mit der Absage, verfehlt. Gerade im Hinblick auf die Menschen, deren wirtschaftliches Überleben an der Wiesn hängt.

Interview: Klaus Vick, Wolfgang Hauskrecht, Georg Anastasiadis

*tz.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks. Erfahren Sie auf tz.de alles zum Coronavirus in München: Beispielsweise zum Bußgeldkatalog und zur Ausgangssperre.

Prof. Dr. Alexander Leber ist Chefkardiologe im Isar Klinikum in München. Im Interview spricht er über die Situation an den Kliniken - und erklärt, dass die Gefahr durch das Coronavirus noch nicht vorbei sei.

Die Corona-Krise hat München fest im Griff. Seit Wochen gelten strikte Beschränkungen. Eine Vermissten-Anzeige zeigt jetzt, wie manche mit Humor durch die Krise gehen.

Das Oktoberfest 2020 in München ist abgesagt. OB Reiter und Ministerpräsident Söder verkündeten die Entscheidung. Reaktionen im Netz ließen nicht lange auf sich warten.

Die Wiesn ist abgesagt, die Corona-Krise dringt immer mehr in den Alltag ein. Florian Thomä, Schausteller auf der Wiesn hat eine düstere Prognose - bis weit nach dem Oktoberfest.

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa / Angelika Warmuth

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