“Klassische Münchner Borniertheit“?

Szene-Club sperrt Pelzträger aus: Türsteher machen erste Erfahrungen mit dem umstrittenen Verbot

Elektro-Club in München: der Bahnwärter Thiel.
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Elektro-Club in München: der Bahnwärter Thiel.

Der Bahnwärter Thiel in der Isarvorstadt entscheidet sich zu einem strikten Schritt. Ab sofort wird in Münchens Kult-Elektro-Club Gästen mit einem bestimmten Kleidungsstück der Zutritt verwehrt.

  • Bahnwärter Thiel in der Isarvorstadt greift zu einer drastischen Maßnahme.
  • Münchner Kult-Elektro-Club verbietet Gästen mit Pelzkrägen den Zutritt.
  • Bahnwärter Thiel verweist bei der Begründung auf den Tierschutz.

Update vom 5. Februar 2020: Der Deutsche Tierschutzbund freut sich über die Entscheidung der Münchner. „Wir begrüßen es, wenn private Kulturbetriebe ihre Lokalitäten mit Verweis auf den Tierschutz zu pelzfreien Orten erklären - und sich damit auch dafür entscheiden, dem seit Jahren zunehmenden Trend des Fellbesatzes an Jacken oder Mützen keine Fläche mehr zu bieten“, sagt die dortige Fachreferentin für Artenschutz, Henriette Mackensen.

Auch die Erweiterung des Verbots auf Kunstfelle und Second-Hand-Pelze hält sie für sinnvoll: „Bei diesen vermeintlichen Kunstprodukten wird der Verbraucher leider oft getäuscht“, sagt sie. Da Felle bestimmter Tierarten je nach Herkunft - beispielsweise bei Marderhunden aus China - billiger oder zumindest genauso billig zu bekommen seien wie Kunstfell, werde oft heimlich Echtfell verwendet. „Auch die Kennzeichnungspflicht ist mangelhaft“, betont sie.

Bahnwärter Thiel sperrt Pelzträger aus - Handelsverband kritisiert Entscheidung

Kritisch sieht dagegen Bernd Ohlmann, Sprecher beim Handelsverband Bayern, die Entscheidung. „Klar ist Pelztragen gesellschaftlich immer weniger gewünscht, aber Kunstfelle sind auch ein modischer Trend. Und mit der pauschalen Aussage „Ihr kommt jetzt alle nicht mehr rein“ stelle ich auch meine Kunden an den Pranger“, sagt Ohlmann. „Gerade im Winter lehnen sich die Betreiber da schon arg weit aus dem Fenster. Zwar ist das ihre freie Entscheidung aber auch im Sinne der Kundenbindung ziemlich mutig.“

Seit dem Verbot gab es eine Handvoll Veranstaltungen im Bahnwärter Thiel. Die Türsteher schickten laut Betreiber Daniel Hahn bereits einige Gäste weg, Anfeindungen vor Ort gab es demnach noch nicht. Wohl aber in den sozialen Netzwerken. 

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München: Türsteher von Szene-Club müssen umstrittenes Verbot durchsetzen

Von „klassischer Münchner Borniertheit“, über „absoluter Schwachsinn“ bis hin zu „heuchlerisch, was ist mit Lederschuhen und Jacken?“ gehen die Kommentare etwa auf Facebook. Für Hahn waren die Reaktionen erwartbar. 

„Wir haben auch viel Zuspruch bekommen. Und Leder ist ein Nebenprodukt der Fleischindustrie - einen Missstand mit einem anderen Missstand zu vergleichen, führt zu nichts.“ Angst vor Einbußen wegen Gästemangels hat er nicht. „Die, die uns besonders am Herzen liegen, weil sie ein Verantwortungsgefühl haben, bleiben uns sicher auch erhalten.“

München: Bahnwärter Thiel verbietet Pelzkrägen in seinem Club

Ursprungsmeldung vom 2. Februar:

München - Über die Tumblingerstraße oder die Poccistraße strömen sie gerade im Sommer zu Tausenden zum Bahnwärter Thiel, Münchens Kult-Elektro-Club und Kulturzentrum in der Isarvorstadt.

Doch alle Gäste müssen sich in den kalten Monaten nun auf eine Neuerung einstellen. Der Betreiber der Location hat zu einer drastischen Maßnahme gegriffen, die mittels Social Media verbreitet wurde.

So ist künftig Gästen, die einen Pelzkragen an der Jacke oder dem Mantel haben, der Zutritt in die Container-Landschaft mit den dumpfen Beats verwehrt. Das teilte der Bahnwärter Thiel auf seiner Facebook-Seite und bei Instagram mit.

„Natürlich ist die individuelle Freiheit ein hohes Gut, was uns lange zögern lies, aber in einer aufgeklärten Gesellschaft bereiten uns Pelzkrägen Unwohlsein“, hieß es in dem Posting: „Tiere werden unter unzumutbaren Bedingungen gehalten und getötet, nur für ein Accessoire.“

Isarvorstadt: Bahnwärter Thiel rechtfertigt drastischen Schritt

Auch das Tragen von Vintage-Pelzen oder Echtpelz Imitaten führe dazu, Pelz weiter salonfähig zu machen, hieß es vom Bahnwärter Thiel weiter: „Wir bitten deshalb um Verständnis, dass wir in dieser Hinsicht keine Diskussionen mehr eingehen werden und eine klare Position vertreten.“

Die Maßnahme rief bei Social Media geteilte Reaktionen hervor. „Leicht überzogen und nicht konsequent. Dann verbietet auch Lederschuhe, Ledertaschen und Fleischesser!“, schrieb eine Userin bei Instagram kritisch.

Keine Pelzkrägen: Auch Kritik am Bahnwärter Thiel

Ein anderer Instagram-Nutzer dagegen meinte: „Sehr, sehr guter erster Schritt. Sehr begrüßenswert.“

Auf Facebook rechtfertigte sich der Bahnwärter Thiel mit einem Kommentar zum eigenen Posting gegen Kritik: „Einen Anfang muss man ja irgendwo machen. Und das, denken wir, ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Uns geht es hierbei natürlich vor allem um täuschend echte Imitate und nicht den Teddybär-Stoff am Kragen. Klar gibt es noch einige weitere Dinge, die nicht richtig laufen, aber hoffentlich dient dieses Verbot auch als Denkanstoß in weitere Richtungen.“

Elektro-Club in München: der Bahnwärter Thiel.

pm

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