90 Prozent der Azubis mit Migrations-Hintergrund

Die Retter des Pflegesystems: Parade-Beispiel der Integration eines Flüchtlings

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Zeit für Menschlichkeit: Marianne Goebel genießt es, wenn Mohamed Jalloh ihr etwas vorliest oder Mensch-ärgere-dich-nicht spielt.

Während anderswo noch über die Integration von Migranten gestritten wird, ist das Thema in der Altenpflege längst erledigt. Migranten sind zur tragenden Säule der Heime geworden. Ohne sie würde das System kollabieren.

München - „Der Mohamed Jalloh ist ein ganz lieber Pfleger. Ich bin wirklich froh, dass wir ihn haben“, sagt Marianne Goebel. Die 80-Jährige wohnt im Münchenstift-Haus Heilig Geist in Neuhausen, wo sie Jalloh um sie kümmert. 2016 kam der heute 33-jährige als Flüchtling aus Sierra Leone nach Deutschland, seit September macht er in der Einrichtung seine Ausbildung zum Altenpflegefachhelfer. Ein Einzelfall ist Jalloh nicht.

Unter den rund 250 Auszuzubildenden, die alljährlich beim Münchenstift anfangen, sind etwa 20 Flüchtlinge, weitere 200 haben einen Migrationshintergrund. Die allermeisten von ihnen kämen direkt aus dem Ausland nach Deutschland, um hier ihre Ausbildung zu absolvieren und sich eine Existenz aufzubauen, erklärt Münchenstift-Chef Siegfried Benker. Die Tochtergesellschaft der Landeshauptstadt München betreibt 13 Häuser. Sie ist mit rund 3000 Bewohnern und 1900 Angestellten eines der größten Dienstleistungsunternehmen für Senioren in München und der größte kommunale Ausbilder in der Altenpflege.

Altenpfleger und Azubis aus dem Ausland retten deutsches Pflegesystem

Bei anderen Anbietern sehen die Quoten ähnlich aus: Bei der Inneren Mission haben etwa 75 Prozent der Azubis und 90 Prozent derer, die ein freiwilliges soziales Jahr in der Altenpflege absolvieren, einen Migrationshintergrund. Die Situation in der Pflegebranche wäre ohne Azubis aus dem Ausland also noch prekärer: „Es ist ganz klar so, dass Altenpfleger und Azubis aus dem Ausland das deutsche Pflegesystem retten. Ohne sie wäre es schon längst zusammengebrochen“, sagt Hans Sperr, Sprecher von Ver.di Bayern. „In diesem Sektor zeigt sich besonders gut, dass die Gesellschaft und der Arbeitsmarkt von einer gelungenen Integration profitieren“.

Im Sektor Altenpflege zeigt sich besonders gut, dass die Gesellschaft und der Arbeitsmarkt von einer gelungenen Integration profitieren können.

Um den Azubis aus dem Ausland die Ankunft in München und im Berufsleben zu erleichtern, hat das Münchenstift ein interkulturelles Einarbeitungskonzept erstellt. Anderswo sei stationäre Pflege in Altersheimen nämlich nicht üblich, eine Altenpflegeausbildung gebe es selten, erläutert Benker. „Daher ist es wichtig, die Neuen behutsam auf ihre Tätigkeit bei uns vorzubereiten. Wir nehmen ihre Eingliederung sehr ernst, denn wir sehen in den Azubis unsere Zukunft.“

Ausländer als Pfleger: So geht die Integration vonstatten

Auf dem Stundenplan der angehenden Altenpfleger stehen deswegen neben fachlichen Themen auch Sprachkurse. „Die Sprache ist der Schlüssel zu guter Pflege und einem guten Miteinander in die Gesellschaft. Aber auch politische und geschichtliche Inhalte werden den Azubis vermittelt“, sagt Benker. Es sei ihm daher ein Anliegen, dass regelmäßig Besuche des NS-Dokumentationszentrums und verschiedener Museen angeboten werden. 

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Damit sich die Azubis auch zwischenmenschlich gut aufgehoben fühlen, werden sie in persönlichen Belangen unterstützt und etwa bei Behördengängen begleitet. Dieses Engagement scheint sich zu lohnen. Laut Benker sei die Fluktuationsrate bei Pflegekräften mit Migrationshintergrund nicht höher als bei anderen. Auch Jalloh kann sich gar nicht vorstellen, einmal woanders zu arbeiten. „Mein Traum wäre es, wenn ich nach der Ausbildung hier bleiben könnte“, sagt er. „Die Bewohner und Kollegen sind wie eine Familie für mich. Ich bin einfach sehr glücklich, mit meiner Arbeit den Menschen hier etwas zurückgeben zu können.“ Marianne Goebel und die anderen Bewohner sind es auch.

Judith Bauer

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