Pflegekräfte am Limit

Wir stehen vor dem Kollaps! Ein Hilfeschrei der Pfleger aus der Münchner Region

Immer weniger Pflegepersonal, immer mehr Bedürftige. Nun schlagen die Pfleger Alarm und sprechen von Kollaps.

München – Breite Unterstützung für die Reformen in der Pflege – das fordert der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) vom Freistaat. „Wir bezweifeln stark, dass die Regierung an der Lösung der Probleme ernsthaft interessiert ist“, sagt Marliese Biederbeck. Der Eindruck der Geschäftsführerin des DBfK- Südost: Es fehlt an einem Gesamtkonzept für die Zukunft der Pflege. Zwar will die Landesregierung eine Imagekampagne starten, um das Berufsbild aufzuwerten. Und zum Beispiel ein Wohnangebot für einkommensschwache Pflegekräfte in Dachau schaffen.

Solche „Kleinstmaßnahmen“, sagt Biederbeck, „können die äußerst angespannte Lage in der Pflege niemals lösen“. Einen Ausweg aus der Krise werde es nur geben, wenn eine Aufwertung des Berufs erfolgt. „Die meisten Pflegenden sind mit ihrem Gehalt unzufrieden“, sagt Biederbeck. Wir haben Pfleger in der Region nach den größten Problemen gefragt. Den genauen Arbeitgeber wollten die meisten nicht nennen.

1. Christiane Hammes, Cornelia Brunn und Birgit Huber - Pflegefachkräfte für am Rückenmark verletzte Patienten 

Die drei Kolleginnen arbeiten seit vielen Jahren zusammen und engagieren sich im Berufsverband. „Weil die Pflege keine Lobby hat“, sagt Christiane Hammes, 42. „Pflegekräfte sind meist nicht organisiert, treten nicht für ihre Interessen ein“, sagt Birgit Huber, 42.

Dabei geht es um ein besonderes Berufsfeld, in denen die Fachkräfte die Verantwortung für Menschen übernehmen. Nicht nur auf körperliche Ebene. Zuhören, betreuen, aufbauen, weiterhelfen: Pfleger sind Bezugsperson. Vor allem bei Patienten, deren Rückenmark verletzt ist. Sie befinden sich durch eine Lähmung in einer völlig ungewohnten, belastenden Situation. „Bei uns fangen sie nach einer Operation ein neues Leben an“, sagt Cornelia Brunn, 44.

Pflegekräfte, darin sind sich die Drei einig, sollten stolz auf ihre Arbeit sein. Und sich dafür einsetzen, dass sich ihre Bedingungen und ihr Gehalt verbessern. „Es geht nicht darum zu jammern“, sagt Huber. Sondern darum, nach außen zu transportieren, was diese Branche braucht.

Die Arbeit im Schichtdienst ist anstrengend, die Verantwortung für den Patienten groß. Zu den körperlichen Belastungen kommt laut Hammes der mentale Druck. Zudem sind Überstunden normal, wenn zum Beispiel ein Kollege ausfällt. „Dann springt man halt ein“, sagt Hammes. Sie weiß gar nicht mehr, wie viele Familienfestes oder Hochzeiten sie schon verpasst hat. Das Wohl der Patienten steht an erster Stelle. Bis ein Pfleger selbst an seine Grenzen kommt. Psychisch wie physisch.

2. Brigitte Notz-Galow, 57, Geschäftsführerin, mit Pflegedienstleiterin Katharina Schwarz, 40

Mitarbeiter in der ambulanten Pflege müssen als „Einzelkämpfer“, die zu den Patienten nach Hause kommen, das ganze Paket mitbringen: Fachausbildung, Führerschein, sehr gute Deutsch-Kenntnisse, soziale Kompetenz. „Für uns wird es immer schwieriger, solche Mitarbeiter zu finden“, sagt Chefin Brigitte Notz-Galow vom Münchner Pflegedienst „Pflege daheim“.

Es komme vor, erzählt ihre Pflegedienstleiterin Katharina Schwarz, dass ihre Teammitglieder direkt am Auto angesprochen werden. „Das sind dann Abwerbeversuche, bei denen gelockt wird.“ Mit besseren Bedingungen oder einer Sofort-Prämie von 1000 Euro. Wer gutes Personal will, könne es nicht leisten, unter dem Tarif zu zahlen.

Die gelernte Krankenschwester und Pflegepädagogin Notz-Galow ist sich sicher: Höhere Gehälter würden zu mehr Ansehen und Fachkräften führen. Aber dazu müsste die Pflegekasse die Stundensätze erhöhen. Eine solche politische Entscheidung blieb bislang aus. „Ich wäre ja schon froh, wenn Gesundheitsminister Jens Spahn die ambulante Pflege mal wahrnehmen würde“, sagt Notz-Galow. „Aber alles was er tut, bezieht sich auf Krankenhäuser und Pflegeheime.“

Daher gibt‘s die Möglichkeit im Vorfeld Alternativen zum Pflegeheim finden.

3. Silke Weber, 25, Pflegefachkraft in einem Seniorenheim

Für den Beruf brennen: Genauso ist es bei Silke Weber, die in einem Seniorenwohnheim mit 90 Patienten beschäftigt ist. „Ich liebe es, mich um die alten Menschen zu kümmern“, sagt sie. Und betont, mit ihrem jetzigen Arbeitgeber großes Glück zu haben. In der Vergangenheit war das nicht so. Da musste sie sich teilweise pro Schicht um 12 bis 14 Patienten kümmern, wenn Kollegen ausgefallen sind. Doppelt so viele wie es jetzt sind. „Wenn ich da abends nach Hause gekommen bin, hatte ich oft das Gefühl, vieles nicht geschafft zu haben.“ Weil einfach nicht genügend Zeit für den Einzelnen war. Gerade weil man den Patienten so nahe kommt, ist ihr eine enge Bindung wichtig. Die baut sich aber nicht auf, wenn man keine Zeit für Zwischenmenschliches hat.

Eine Studie belegt, dass die meisten Pflegebedürftigen im Jahr 2017 zu Hause gepflegt wurden.

4. Alexandra Schilling, 30, stellvertretende Pflegedienstleitungbei einem ambulanten Beatmungsdienst

Patienten, die beamtet werden müssen, aber zuhause leben, betreut der Arbeitgeber von Alexandra Schilling. Die Menschen brauchen 24 Stunden an sieben Tagen die Woche Hilfe – entsprechend wird im Schichtdienst gearbeitet. „Die Belastung ist für die Kollegen hoch“, sagt sie. Und auch für sie in der Leitung, weil es so wenig Pflegekräfte gibt. Die Folge: Die Dienste müssen auf 450-Euro-Kräfte zurückgreifen. „Das geht aber nur mit Fachpersonal.“ Bedeutet: Kollegen, die mitunter einen Vollzeitjob im Krankenhaus haben, hängen eine Schicht dran. „Weil das Gehalt sonst nicht ausreicht.“ Schilling rechnet vor, dass eine Pflegefachkraft um die 2500 Euro im Monat verdient. Brutto. „Und die Arbeit ist anstrengend.“ Die zusätzliche Belastung eines Zweitjobs bringt die Kollegen oft weiter an ihre Grenzen.

5. Fritz Sterr, 24, Gesundheits- und Krankenpfleger auf einer Intensiv-Station

Die Patienten, um die sich Fritz Sterr auf einer Intensiv-Station kümmert, sind in der Regel nicht ansprechbar. Neben der körperlichen Belastung ist die Verantwortung für das Leben der Menschen enorm. Den Kopf nach einer Schicht abschalten, das fällt nicht immer leicht. So kommt es vor, dass Sterr nachts wach wird und den Alarmton einer Beatmungsmaschine hört. In dem Krankenhaus, in dem er arbeitet, sind zwar alle Stellen besetzt, die Kollegen leiden aber unter der hohen, krankheitsbedingten Ausfallrate. Im schlimmsten Fall müssen sich die Pfleger um drei Intensivpatienten kümmern. „Obwohl man mit zwei schon am Limit sein kann.“

In seinen Augen muss sich die Qualität der Ausbildung verbessern. Es braucht optimierte Prozesse und Aufteilungen. Ein Beispiel: „Meine Aufgaben reichen von Tee aufgießen bis zum Reanimieren“, sagt Fritz Sterr. Ersteres könnte auch ein wenig geschulter Pflegehelfer übernehmen. 

Nadja Hoffmann

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