Portugal-Mord: Angeklagter schweigt plötzlich zu Doppelleben

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Der Angeklagte Gunnar D. sagt nichts mehr zu seinem Privatleben und präsentiert sich als erfolgreicher Geschäftsmann.

München - Der erste Versuch platzte, weil einer der Schöffen zu schlecht Deutsch sprac,. Nun hat der Prozess um den Doppelmord in Portugal mit neuen Laienrichtern erneut begonnen. Der Angeklagte Gunnar D. schweigt plötzlich zu seinem Doppelleben.

Nein, sagt Gunnar D.s Verteidiger Sascha Petzold. Dieses Mal werde sein Mandant keinerlei Fragen beantworten, sondern nur kurz seinen Lebenslauf vortragen. Und in der Tat redet Gunnar D. zum zweiten Prozessauftakt vor dem Münchner Schwurgericht ausschließlich darüber, wann er wo, wie lange und an welchen Projekten gearbeitet hat. Von kurz jedoch kann keine Rede sein. Gute eineinhalb Stunden referiert der 44 Jahre alte Flugzeuggerätebauer wie bei einem Vorstellungsgespräch über seine beruflichen Erfolge bei verschiedenen Arbeitgebern. Über sein Privatleben sagt Gunnar D. – anders als beim Auftakt vergangene Woche – kein Wort. Er streckt sein spitzes Kinn nach vorne, zupft Hemdkragen und Krawatte zurecht und erklärt: „Ich will das in der Öffentlichkeit nicht so breit treten.“

Dabei geht es in diesem Verfahren gerade um Gunnar D.s Privatleben. Denn die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, er habe während eines Urlaubs an der portugiesischen Algarve am 10. Juli 2010 beim Baden zunächst seine 30 Jahre alte Ex-Geliebte Georgina Z. im Meer ertränkt und später auch die gemeinsame, 22 Monate alte Tochter Alexandra ermordet. Als Motiv für den heimtückischen Mord nennt Anklägerin Elisabeth Ehrl Habgier und sonstige niedrige Beweggründe. Gunnar D. habe verhindern wollen, dass seine Lebensgefährtin von seiner heimlichen Freundin und der Tochter erfahre, und er habe sich den Unterhalt für das Kind sparen wollen.

„Das stimmt nicht“, nuschelt Gunnar D. vor sich hin, als Ehrl das vorträgt. Ansonsten sagt er nichts zu den Vorwürfen, lehnt sich entspannt zurück und lässt seinen Blick über die Zuschauertribüne schweifen. Hin und wieder setzt er ein ungläubiges Gesicht auf und schüttelt den Kopf, etwa, als Ehrl sagt, er habe den Mord lange geplant. Oder als sie meint, er habe die Leiche der kleinen Alexandra bei Sagres entsorgt. In einer Felsspalte dort fanden Fischer acht Monate später den Leichnam des Mädchens.

Um all das wird es in den kommenden Wochen vor dem Schwurgericht gehen. Nachdem Gunnar D. selbst nichts dazu sagen will, werden ab kommender Woche die ersten Zeugen aus Portugal kommen. Zunächst die Polizisten, Rettungssanitäter und Ärzte, die verzweifelt versucht haben, Georgina Z. wiederzubeleben.

Hauptbelastungszeugen geladen

Für Dienstag hat die 1. Strafkammer den Hauptbelastungszeugen geladen. Ein alter Mann, der selbst beobachtet haben will, wie Gunnar D. Georgina Z. unter Wasser drückte. Allerdings, meint Verteidiger Petzold, habe dieser Zeuge weder selbst eingegriffen noch andere um Hilfe gebeten. Er habe noch nicht einmal die Polizei oder den Notarzt alarmiert – vermutlich auch nach portugiesischem Recht eine unterlassenen Hilfeleistung, meint Petzold und hat beantragt, dies durch einen Sachverständigen klären zu lassen.

Ebenso will Petzold die Zeugenaussagen in Ton und Bild aufgezeichnet wissen. In einem Indizienprozess, wo Aussage gegen Aussage steht, käme es unter Umständen auf den exakten Wortlaut an. Eine Aufzeichnung, meint der Anwalt, ermögliche es allen Verfahrensbeteiligten bei der Vorbereitung der Plädoyers und des Urteils, sich die Aussagen nochmals möglichst original in Erinnerung zu rufen. Die Richter werden über diese Anträge kommende Woche befinden.

Gunnar D. nickt zustimmend, als Petzold all das anmerkt. Beinahe entspannt wirkt der Angeklagte, der sich bei seinem zweiten Auftritt vor Gericht fast schon routiniert verhält, wenn er an der Reihe ist. In seinem erfolgreichen Berufsleben, lässt er die Richter wissen, habe es auch Rückschläge gegeben. „Da habe ich erfahren müssen, wie das Leben spielt: Es geht eben nie so gerade aus.“

Gerade Situationen, in denen es nicht so läuft, wie er es geplant hat, scheinen Gunnar D. schwer begreiflich. Ihm, der sich als seriöser und souveräner Saubermann geriert. Der nicht einmal den Wohnort seine Eltern verrät, um deren Persönlichkeitsrechte zu wahren. Der nicht der planvolle, kaltblütige und gewissenlose Mörder sein will, als den ihn die Anklage beschreibt. Der Prozess geht am Montag weiter.

Von Bettina Link

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