Mahnruf

Professor fordert: München darf nicht weiter wachsen

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München gerät an seine Grenzen, findet Professor Holger Magel.

Freiham wird zugebaut, Feldmoching soll folgen. Die A92 Richtung Landshut: ein Brei aus Gewerbehallen. Einem Münchner Professor geht das alles viel zu weit: Er fordert einen rigorosen Ausbau-Stopp für den Großraum München.

München – Flächenfraß, Wachstumsgrenzen, eine Metropole vor dem Kollaps – die Schattenseiten des Booms im Großraum München sind in vieler Munde. Holger Magel, Präsident der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum, schlägt jetzt drastische Gegenmaßnahmen vor: einen Wachstums-Stopp für München. „Wieso kann sich die Stadtspitze von München keine Begrenzung des Zuzugs vorstellen?“, fragt er ketzerisch. Und: Es sei wichtig, dass endlich jemand „das bisher Undenkbare denkt“.

Magel war Mitglied der Enquetekommission „Gleichwertige Lebensbedingungen in ganz Bayern“, die erst Ende Januar in ihrem Abschlussbericht die Stärkung des ländlichen Raums angemahnt hat. Nun hat er in einem Vortrag vor der katholischen Landvolkshochschule Petersberg bei Erdweg (Kreis Dachau) diesen Faden speziell für den Großraum München aufgenommen. Dabei scheut er sich nicht, gewohnte Dogmen infrage zu stellen. Zum Beispiel die Wohnungsproblematik.

Professor Holger Magel

„Wohnungen, Wohnungen, Wohnungen“

„Dem neuen Mantra ,Wohnungen, Wohnungen, Wohnungen in Stadt und Umland bauen’ erliegen nun alle, voran die SPD-Landesvorsitzende und ihr Münchner Parteigenosse (Gemeint ist OB Dieter Reiter – Anm. d. Red.) – leider auch der bayerische Innenminister.“ Das sei „ein Hase-und-Igel-Spiel“, so Magel: „Je mehr Wohnungen gebaut werden, desto mehr Menschen kommen nach.“ Und weil das Bauland knapp werde, „werden in einer selten rigorosen Vorgehensweise früher hochgehaltene und zur Münchner Identität gehörige Stadtbauern und Landwirtschaftsflächen geopfert“. 

Magel nennt namentlich Feldmoching, wo durch eine bisher einmalige „Städtebauliche Entwicklungsmaßnahme“ – kurz SEM – Bodenpreise eingefroren wurden und mehrere hundert Hektar mit dem üblichen Mix aus Wohnen und Gewerbe bebaut werden sollen. Der Landwirtschaft wird die Grundlage entzogen. „Feldmoching und Daglfing sind traurige Beispiele dafür, wie geschichts- und kulturvergessen Entwicklungsplanung ablaufen kann“, kritisiert Magel. Es könnte sein, warnt der Raumplaner, dass in 30 Jahren München und das Umland zu einem „Stadt-Stadt-Kontinuum“ zusammengewachsen seien. Als Negativbeispiel erwähnt Magel die „maßlose Flächenverbrauchsorgie“ entlang der Deggendorfer Autobahn A93 mit etlichen Logistikhallen sowie die Bebauung von Freiham (bei Germering). Dort würden nur noch „künstlich gestaltete Landschaftsparks“ den Mix aus Gewerbe und Hochhäusern etwas auflockern.

Diese Bauern protestierten im vergangenen Jahr gegen eine Bebauung. SEM steht für Städtebauliche Entwicklungsmaßnahme, eine Quasi-Enteignung. 

Maßvolles Wachstum ist der Wunsch

Das sei etwas, was die Bürger definitiv nicht wünschten, wie zum Beispiel das Dachauer Landkreisgutachten „DAHoam zwischen Land und Metropole“ zeige. Dort sei die Rede von maßvollem Bevölkerungswachstum, interkommunal abgestimmter Siedlungsentwicklung, gemeinsamen Gewerbegebieten und vor allem dem Schutz von Natur- und Flusslandschaften – alles Forderungen, die bei Bürgermeistern eher unwillig registriert, geschweige denn umgesetzt würden. Im Zweifel zähle doch eher „das Schielen nach Gewerbesteuereinnahmen“.

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Für die Zukunft plädiert Magel dringend für einen Stopp. München dürfe zum Beispiel nicht mehr auf der Expo Real intensiv für den Standort München werben. Im Gegenteil: München müsse „abgeben“ – an andere Landesteile, aber auch an die Peripherie der Metropolregion, ans Nördlinger Ries etwa oder auch ans Oberland. „Warum brauchen wir 15.000 neue BMW-Arbeitsplätze in München?“, fragt Magel. Daher seien zum Beispiel auch die angeblich zehntausend oder mehr neuen Arbeitsplätze, die die dritte Startbahn bringe, eher eine Bedrohung. „Meine Frage ist: Wen will Flughafenchef Kerkloh eigentlich mit solchen Zahlen noch ködern? Er schreckt ja eher ab.“

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Dirk Walter

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