Er rammte den Chef mit dem Bagger in den Boden

München - Die tz zeigt exklusiv Auszüge aus dem neuen Buch des legendären Mordermittlers Josef Wilfling. Lesen Sie heute den zweiten Teil des Kapitels "Der Baggerführer".

Was die junge Frau sah, als sie ihren Kinderwagen auf dem Gehweg in einer ruhigen Straße im Münchner Westen entlangschob und zur Baustelle auf der anderen Straßenseite blickte, ließ sie augenblicklich erstarren. (…)

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Die Schaufel eines mächtigen Baggers schwebte etwa drei Meter über einer Grube, was normalerweise nicht ungewöhnlich ist. Dass aber ein Mann zwischen den gewaltigen Zähnen eingeklemmt war und dort herumzappelte, war keine Sinnestäuschung. Zumal die Augenzeugin laute Schreie vernahm, ohne sagen zu können, ob diese von der Person kamen, die in der Schaufel des Baggers hing. Sie verstummten jedenfalls, als diese sich öffnete und der Körper nach unten stürzte. (…)

Doch kaum war der Mann verschwunden, wurde auch schon die Greifschaufel ausgeklinkt und fiel ungebremst nach unten (…). Keine zehn Sekunden später wurde sie wieder in die Höhe gezogen, und hielt erneut den Mann mit ihren riesigen Zähnen fest, der jetzt allerdings völlig leblos wirkte, wie an den erschlafften Extremitäten unschwer zu erkennen war. (…)

Sie war unfähig, ihren Blick abzuwenden oder zu schreien. Zumal das Horror­szenario noch nicht beendet war. Die Baggerschaufel öffnete sich erneut und gab den Körper frei, der nun abermals in die Tiefe fiel. Woraufhin sich die Schaufel sofort schloss und dem Körper zum zweiten Mal folgte. Es bedurfte keinerlei Fantasie, um zu wissen, dass der dort unten liegende Mensch nunmehr regelrecht ins Erdreich gestampft worden war.

Dann folgte der Höhepunkt: Die Schaufel, noch immer geschlossen und diesmal ohne den Mann zwischen den Zähnen, kam wieder hoch, schwenkte seitlich zu einem großen Kieshaufen, nahm eine ganze Schippe davon auf, schwenkte zurück über die Grube und entleerte den Inhalt in die Tiefe.

Mein Gott, er schüttet ihn zu, schoss es der jungen Frau durch den Kopf. Wobei sie mit „er“ den Mann im Bagger meinte.

Der aber stieg, nachdem er das schwere Gerät ausgeschaltet hatte, langsam und bedächtig aus dem Führerhaus und sperrte dieses pflichtbewusst zu.

Dann nahm er seine Aktentasche, aus der eine Thermosflasche herausschaute, ging zu einem Fahrrad in unmittelbarer Nähe, spannte den Gepäckträger, klemmte die Aktentasche ein und radelte ruhig und ohne Hast davon. Dabei warf er keinen Blick mehr in die Grube, in der er gerade seinen Polier beerdigt hatte. (…)

Als die Beamten der Mordkommission ihre Arbeit aufnahmen, stellte sich heraus, dass die polnischen Bauarbeiter just zum Zeitpunkt des Vorfalls allesamt gerade weggeschaut haben mussten (…). Zuerst kam von jedem Einzelnen der Satz: „Ich nix gesehen.“ Dann folgte der zweite Satz: „Ich nix wissen.“

Das Buch von Josef Wilfling: „Unheil – Warum jeder zum Mörder werden kann“ (Heyne Verlag, 19,99 Euro, 304 Seiten)

Die Aufklärung des Falles verhinderte das nicht. (…)Beim Baggerführer handelte es sich um den völlig unbescholtenen 52-jährigen Hubert G., einen gebürtigen Münchner, der mit seiner Frau und zwei erwachsenen Kindern (…) in einem kleinen Einfamilienhäuschen mit großem Garten in München-Waldperlach lebte. Wegen seiner Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit war er allseits beliebt. Hubert G. saß auf seiner Terrasse, trank Kaffee und wartete bereits auf die Polizei. Er wirkte gefasst und äußerlich völlig ruhig. (…) Nur seine Frau weinte.
Bei dem Toten handelte es sich um Herbert R. Beliebt war der ständig polternde, rechthaberische und ruppige Polier bei keinem der vielen Bauarbeiter gewesen, wie wir vernahmen. (…) Er sei ein Schinder gewesen, lautete die einhellige Meinung (…). Nur bei seinen Vorgesetzten galt der 51-jährige Mann aus der bayerischen Provinz als fleißig, zuverlässig, loyal und durchsetzungsfähig.

Dass er über Jahre hinweg den bestimmt nicht weniger fleißigen und zuverlässigen, aber wesentlich ruhigeren Baggerfahrer gemobbt und ständig schikaniert hatte, wussten die Firmenchefs allerdings nicht.

Auslöser für die Tat war übrigens die Beschädigung eines Kabels im Erdreich, von dessen Existenz der Baggerführer nichts wissen konnte und das der Polier schlichtweg übersehen hatte. Was diesen aber nicht hinderte, einen Tobsuchtsanfall zu bekommen und Hubert G. aufs Übelste zu beschimpfen.

Als er am Rande der Grube hin und her rannte, wild gestikulierte und brüllte, konnte es der Baggerführer nicht mehr ertragen und stampfte ihn ein. Ein für alle Mal. (…)

Der wahre Fall

Was sich am 26. Mai 1988 auf der Großhaderner U-Bahn-Baustelle in der Waldwiesenstraße abspielte, ist bis dato einmalig in der Münchner Kriminalgeschichte: Vor allen Augen stampfte Baggerführer Hubert G. (48; alle Namen verändert) den Schachtmeister Herbert R. (56) regelrecht ins Erdreich ein. Bereits beim ersten Aufprall war Herbert R. tot – wie die Obduktion später ergab. Hinterher stieg Hubert G. äußerlich ganz ruhig aus seinem Bagger und sagte zu seinen entsetzten Kollegen: „Jetzt ist er tot.“ Dann zog er sich um, fuhr mit seinem Radl heim und wartete auf die Polizei. Als Motiv gilt Mobbing. Der Baggerführer hatte die heftigen Wutausbrüche und Beleidigungen des Schachtmeisters einfach nicht mehr ertragen. Der bis dato völlig unauffällige Familienvater Hubert G. wurde später zu einer sechsjährigen Haftstrafe wegen Totschlags verurteilt.

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Rubriklistenbild: © dapd

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