Hammer-Rechnung von der Krankenkasse

Sie fühlt sich abgezockt: Liselotte (89) muss 1000 Euro im Monat zahlen

+
Fühlt sich von der Versicherung abgezockt: Liselotte Liebscher. 

Jahrelang hat Liselotte Liebscher fast 1000 Euro im Monat für ihre private Krankenversicherung gezahlt. Die Begründung: Das sei so in ihrem Alter. Die 89-Jährige ließ nicht locker - mit Erfolg.

München - Eigentlich ist Liselotte Liebscher zufrieden: Sie ist 89, sieht mindestens zehn Jahre jünger aus – und krank ist sie so gut wie nie. Dazu privat versichert, seit 23 Jahren bei der Central. Bis vor Kurzem überwies sie dafür 1002,43 Euro – jeden Monat. Sie fand das teuer, aber am Telefon habe man ihr immer wieder erklärt, das sei eben der Preis für ihr hohes Alter. Sie hat es geglaubt. Die Central will von diesen Anrufen nichts wissen.

Alt, ja, dachte Liebscher – aber doch nie krank! Im Februar schrieb sie ihrer Kasse und forderte Angebote an. Die kamen – zögerlich. Jetzt zahlt Liebscher 454,32 Euro, also weniger als die Hälfte, und das bei „nahezu gleichen Leistungen“. „Da fragt man sich schon“, sagt sie. „Für mich grenzt das an Betrug!“

Versicherungsexperte sagt: „Das ist Abzocke!“

Der Versicherungsexperte Benjamin Leipert sagt: „Das ist Abzocke! Das Schlimme ist: Viele private Kassen gehen so mit den Kunden um.“ Leipert verdient sein Geld mit Versicherungsoptimierung. Sein Geschäftsmodell sieht vor, dass die Menschen mit seiner Hilfe weniger zahlen als vorher. „In Deutschland sind acht Millionen Menschen privat versichert – die Hälfte davon zahlt zu viel“, schätzt Leipert. „Das mag legal sein – menschlich vertretbar ist es nicht.“ Belegen kann Leipert seine Schätzung nicht.

Doch das Verhalten der Central irritiert. Schriftlich forderte Liebscher Angebote zu 13 Tarifen. Die Versicherung antwortete, schickte aber nicht alle angeforderten Tarife mit. „Die Günstigen haben sie weggelassen“, sagt Liebscher. Erst nach einem weiteren Schreiben seien alle Angebote mitgekommen – mit einem dieser zunächst vergessenen Tarife spart sie nun 548 Euro monatlich. Die Leistungen haben sich verändert. Der Heilpraktiker fiel weg, das Einzelzimmer im Krankenhaus – dafür ist die Selbstbeteiligung um 100 Euro niedriger, die Leistungen für Zahnersatz haben sich verbessert – gut für Liebscher, sie hat noch ihre richtigen Zähne. Unterm Strich stehe sie sogar um acht Prozent besser da.

Welche Versicherung nimmt eine 89-Jährige?

„Ich erwarte von meiner Krankenkasse, dass sie mein Wohl im Blick hat“, sagt Liebscher. Sie sei „nicht wohlhabend, aber habend“. Und: „Die tausend Euro hab ich arg gemerkt.“ Für ihren Mercedes habe sie 14 Jahre lang gespart. Ihre Mutter vermachte ihr ein Haus in Inzell, in München gehört ihr zur Hälfte ein Mehrfamilienhaus. „Meine Mieter zahlen die Hälfte vom Mietspiegel, sie sollen leben können.“ Ihrer Kasse vertraut sie nicht mehr. Zu einer gesetzlichen kann sie aber nicht wechseln. Und beim Wechsel zu einem anderen privaten Versicherer verlöre sie viel Geld. „Und: Wer nimmt eine 89-Jährige?“ Immer wieder sei sie bei der Central vertröstet worden.

Die Central erklärt, sie könne die Vorwürfe „nicht nachvollziehen“. Es gebe „keine Telefonnotizen“. Ja, im ersten Schreiben hätten Unterlagen gefehlt – die seien aber nachgereicht worden. Liebscher habe einen „Top-Tarif“ gehabt. Die Leistungen jetzt: „nicht vergleichbar“.

Liselotte Liebscher sieht das anders: „Die haben gedacht: ‚Die Alte können wir schon noch ein paar Jahre lang verarschen.‘“

Auch Metzgermeister Toni Pollinger erging es so mit seiner privaten Versicherung

Metzgermeister Toni Pollinger. 

Auch Metzgermeister Toni Pollinger (56) hat jahrelang richtig viel bezahlt für seine private Krankenversicherung. Bis vor drei Jahren überwies er jeden Monat 602,16 Euro. Dann forderte er bessere Angebote an – heute sind es nur noch 504,16 Euro. „Bei gleichen Leistungen!“ Er spart seitdem knapp 100 Euro – pro Monat. „Anfangs habe ich mir nie Gedanken gemacht und immer brav gezahlt“, sagt er. Erst später fing er an, zu zweifeln: „Warum haben die mir nie ein besseres Angebot gemacht? 1200 Euro im Jahr sind viel Geld!“

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

S-Bahn-Stammstrecke wird ein ganzes Wochenende lang gesperrt
S-Bahn-Stammstrecke wird ein ganzes Wochenende lang gesperrt
In diesem Viertel frisst die Miete den Großteil des Einkommens auf
In diesem Viertel frisst die Miete den Großteil des Einkommens auf

Kommentare