Die Sorge der Schlecker-Frauen

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„Die Ungewissheit war schrecklich“: Susann Uhlmann arbeitet seit elf Jahren bei Schlecker

München - Die Bundesländer konnten sich am Donnerstag nicht auf eine Transfergesellschaft für die 11 000 Schlecker-Beschäftigten einigen. Die tz sprach mit Schleckerfrauen, deren Münchner Filialen am Samstag schließen.

Die Bundesländer konnten sich am Donnerstag nach stundenlangem Ringen nicht auf eine Transfergesellschaft für die 11 000 Schlecker-Beschäftigten einigen, die nach der Insolvenz ihren Job verlieren. Sie bangen um die Transfergesellschaft, die sie ab 1. April auffangen soll. Bei den vertagten Verhandlungen geht es um einen Kredit der bundeseigenen Förderbank KfW über 71 Millionen Euro, der für die Gründung der Transfergesellschaft nötig wäre. Die Gewerkschaft reagierte wegen der vertagten Entscheidung entsetzt: Die Situation sei „für die Nerven der Schlecker-Frauen kaum noch zumutbar“, sagte Verdi-SprecherinStefanie Nutzenberger. Die tz sprach mit Schleckerfrauen, deren Münchner Filialen am Samstag schließen:

Die Sorgen der Schleckerfrauen

Strahlende Sonne und düstere Gedanken – so sieht es derzeit in den Schlecker-Filialen aus, die bald schließen müssen. In der Blutenburgstraße etwa leuchtet nicht nur das blaue Schlecker-Logo an dem Eckhaus in der Sonne, sondern auch die grellen 30%-Rabatt-Schilder in den Fensterscheiben. Die Filiale gehört zu den rund 20, die in München schließen werden. Im Laden erkennen die Kunden das wahre Ausmaß der Schlecker-Pleite: Gähnende Leere macht sich in den Regalen breit, wer vorbeikommt, staunt über die kahlen Fächer und geht meist wieder, ohne etwas zu kaufen.

„Tja, da kann man nichts machen.“ Vier Jahre lang war der Laden das kleine Reich von Silvia Roth. Jetzt steht sie vor den leeren Regalen, zuckt mit den Schultern – und lächelt. Mit der Schließung ihrer Filiale hat sie sich längst abgefunden. „Ich werde mich jetzt an meinen Computer setzten und Bewerbungen schreiben“, erklärt sie und lächelt wieder. „Und dann werde ich mich in anderen Geschäften bewerben.“ Wut oder gar Bitterheit über ihre Entlassung empfindet sie trotz allem nicht. Die 49-Jährige strahlt eher eine heitere Gelassenheit aus. Mit einer Pleite müsse man einfach rechnen, wenn man für einen Konzern arbeitet, sagt sie. Das Ironische an ihrer Geschichte ist: „Ich bin extra vor vier Jahren wegen der Arbeit aus Thüringen hierher gezogen.“ Am Nachmittag hat sie ein Gespräch, in dem ihr die Chefs erklären wollen, wie es weitergeht, mit der Transfergesellschaft – und mit dem Job.

Schlecker-Mitarbeiter kämpfen um ihr Recht

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Genau dieses Gespräch hat Susann Uhlmann schon hinter sich. „Und ich bin so froh, weil ich jetzt endlich wieder ruhig schlafen kann. Diese Ungewissheit war schrecklich.“ Die 33-Jährige sitzt hinter der Kasse ihrer Schlecker-Filiale in der Schleißheimer Straße. Die Erleichterung ist ihr anzusehen. Um 8.30 Uhr wurde ihr zusammen mit anderen Beschäftigten eröffnet, wie die nächsten sechs Monate in der Transfergesellschaft aussehen sollen: Die Beschäftigten bekommen weiterhin 80 Prozent ihres Gehalts und werden unter anderem in Sachen Bewerbung und Lebenslauf geschult. „Eigentlich wollte ich bei der Transfergesellschaft nicht mitmachen“, so die 33-Jährige. „Aber ich weiß ja wirklich gar nicht mehr, wie man Bewerbungen schreibt oder Bewerbungstelefonate führt“, erzählt Susann. Ihre letzte Bewerbung für ihren jetzigen Job bei Schlecker sei schließlich schon elf Jahre her. So lange bedient sie schon die Kunden in der Schleißheimer Straße und kennt ihre Pappenheimer mittlerweile. Der Abschied fällt ihr schwer – mit kleinen, roten Schokoherzen bedankt sie sich bei ihren Stammkunden für die langjährige Treue. „Vielen Dank – Susann“ steht darauf. Ab dem 28. März ist dann Schluss für sie und ihre Filiale. Doch Susann blickt zuversichtlich in die Zukunft. Denn: „Nach den sechs Monaten – so wurde es uns gesagt – sollen 70 Prozent der Beschäftigten wieder eine Stelle haben.“

Susanne Hartung

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