Altersarmut in München

Die Stadt ist Senioren zu teuer: Drei harte Fälle Münchner Rentner

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Joseph B.

Der Blick in die Zukunft macht erst Angst, dann kommt die Wut – Rentner werden immer ärmer. Schon jetzt ist jeder vierte Münchner über 65 Jahre von Armut betroffen.

München - Die Tendenz steigt, bestätigt das Soziareferat München. Besonders gefährdet: „Alleinerziehende, Menschen mit niedrigem Bildungsabschluss und mit Migrationshintergrund“, sagt Klaus Morgenstern, Sprecher vom Deutschen Institut für Altersvorsorge.

Die tz stellt drei Münchner Rentner vor, für die das Thema Armut eine Rolle spielt. Einen Mann, der sich für arme Rentner einsetzt, eine Schauspielerin, die dreimal in ihrem Leben arm war, und eine 80-Jährige, die sich keine Kleidung leisten kann. 

„Ich kann nichts Besonderes in meinem Leben machen.“ Etwas Besonderes – für Brigitte Dinev heißt das: Klamotten kaufen, reisen oder ins Theater gehen. Dinge, die sie früher am liebsten gemacht hat, sind für die Rentnerin nun nicht mehr möglich.

Fall 1: Sie spart jeden Cent

Brigitte Dinev ist jetzt 80 Jahre alt. Obwohl sie 36 Jahre in die Rentenkasse

eingezahlt hat, kommt sie mit ihrer Rente kaum noch über die Runden. Dabei war sie immer Normalverdienerin, hat als Dekorateurin, Verkäuferin und zuletzt 24 Jahre als Bürokauffrau gearbeitet. „Ich kriege eine Rente von etwa 900 Euro. Mit der Zusatzrente stehen mir fast 1500 zur Verfügung“, sagt Dinev. „Das wäre ja an sich gar nicht so wenig – aber bei einer Miete von 900 Euro kommt man kaum damit aus.“ Ihr Mann kann sie bei der Miete nicht unterstützen: „Er kriegt noch weniger Rente als ich. Wenn die Miete abgeht, haben wir zu zweit 1200 Euro zum Leben.“ 

Dazu kommen Versicherungen, Autokosten, Fahrkarten und Lebensmittel. „Ich will nicht jammern: Ich kann schon sehr bescheiden leben“, erklärt Dinev. „In meiner Freizeit lese ich oder mache Rätselraten.“ Jeder Cent, der übrig bleibt, wird zur Seite gelegt. „Ich muss auf alles gefasst sein – was mache ich sonst, wenn mal meine Waschmaschine kaputtgeht?“

Brigitte Dinev.

Fall 2: Sein Glück ist ein Eigenheim

„Für mich ist es selbstverständlich, dass ich für sozial Schwächere kämpfe“, sagt Joseph B. Er hat das, was sich viele wünschen: ein sorgenfreies Leben in Rente.

Trotzdem geht dem 68-Jährigen das Thema Altersarmut nah: „So viele in meinem Alter leiden darunter. Die Politik muss reagieren: Wir brauchen bezahlbaren Wohnraum, gerechten Lohn und eine Rente, die zum Leben ausreicht.“ Dafür steht Joseph B. ein, er geht auf politische Veranstaltungen und Podiumsdiskussionen. „Ich hab Glück und bin nicht von der Altersarmut betroffen“, sagt der Münchner.

„Ich habe 37 Jahre für die Stadt als LKW-Fahrer gearbeitet und kriege jetzt eine Privatrente, mit der ich ganz gut über die Runden komme.“ Wie viel der gelernte Maschinenschlosser genau erhält, will er nicht verraten. „Es sind zwischen 1000 und 2000 Euro – nicht die Welt, aber zum Leben reicht’s.“ Vor allem, weil Joseph B. keine Miete bezahlen muss. „Meine Eltern hatten früher ein Grundstück mit einem Haus – dadurch konnte ich mir eine Eigentumswohnung in München leisten.“

Von den Münchner Mietpreisen verschont zu bleiben, macht sein Leben entscheidend leichter. „Bei den horrenden Zahlen müsste ich noch zusätzlich arbeiten gehen.“

Joseph B.

Fall 3: Sie muss weiter arbeiten

Bettina Kenter hat vor sechs Jahren ihre große Liebe gefunden – alleine könnte sie mit ihrer Rente von knapp 1000 Euro in München kaum überleben. „Bevor ich geheiratet habe, habe ich in einer Wohngemeinschaft gelebt und 680 Euro für die Miete bezahlt – wie sollte ich das selbst mit meiner Rente zahlen?“ Die 67-Jährige arbeitet auch noch im Ruhestand als Schauspielerin, konnte der Altersarmut entkommen – nachdem sie schon dreimal in ihrem Leben von Armut betroffen war. „Das erste Mal als alleinerziehende Mutter“, sagt die 67-Jährige.

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„Dann während einer Branchenflaute – ich war Künstlerin. Damals musste ich für kurze Zeit Hartz IV beziehen.“ Und zuletzt kurz vor ihrer Rente – weil sie krank geworden ist. „Nach zwei Jahren Krankheit waren meine Rücklagen aufgebraucht. Weil ich Freiberuflerin war, hatte ich keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld und Krankengeld und fand mich bei Hartz IV und der Armentafel wieder.“ Das Thema Armut geht Kenter nahe, über ihre Erfahrungen schrieb sie sogar ein Buch namens Heart’s Fear (Die Angst des Herzens). „Hartz IV ist brutal, kontraproduktiv und menschenverachtend.“ Nicht einmal ein Existenzminimum sei damit gegeben – klare Worte von der Autorin. „Jeder Mensch sollte in Würde leben können.“

Bettina Kenter.

Tausende flüchten aufs Land

Sie müssen ihrer Heimat Servus sagen: Viele Rentner können sich München nicht mehr leisten. Knapp 3000 Menschen über 65 haben im vergangenen Jahr die Stadt verlassen. Und die Tendenz steigt, die Altersarmut wird von Jahr zu Jahr immer größer. Im Jahr 2016 haben 14 800 Münchner Grundsicherung beantragt, dieses Jahr sind es schon mehr als 19 000.

Laut Prognosen des Münchner Armutsberichts werden es bis 2035 mehr als 21 000 sein. Der Münchner Renter bekommt im Schnitt 1100 Euro pro Monat, die Rentnerin gerade mal 785. Reicht nicht, in München nicht einmal annähernd. Wer in unserer Stadt weniger als 1350 Euro zur Verfügung hat, gilt als arm. Ausschlaggebend sind dafür auch die immer höher werdenden Mietpreise. Die sind hier in den vergangenen zehn Jahren dramatisch um insgesamt 61 Prozent auf 17,90 Euro pro Quadratmeter gestiegen.

Kathrin Braun

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