"Unser München": Auf nach St. Emmeram

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Die Kirche von St. Lukas im Lehel ist eines der vielen Motive, die Martin Arz in seinem Buch "Unser München" zeigt.

München - In seinem neuen Buch über München porträtiert Autor Martin Arz alle (!) Münchner Stadtteile. Fotograf Marc Schäfer legte insgesamt 1.700 Kilometer in der Stadt zurück!

Die Geschichte mit dem Galgenberg, die hat es ihm angetan. Der Autor Martin Arz hat zwar schon an anderer Stelle ausführlich über die Hinrichtungspraxis im mittelalterlichen München geschrieben – aber was soll’s? Der Galgenberg gibt richtig was her, und so berichtet Arz in seinem neuen Stadtteilbuch „Unser München“ erneut, dass sich die Stadt ab dem 15. Jahrhundert gleich zwei Hinrichtungsstätten außerhalb der damaligen Stadtmauern geleistet hat.

Nur Schwerverbrecher wurden ab und an auf dem Marienplatz geköpft, alle anderen mussten mit der „Hauptstatt“ an der Arnulfstraße vorlieb nehmen, in etwa dort, wo heute der Starnberger Kopfbahnhof steht. Und dann gab es eben noch das „Hochgericht“ auf dem Hügel an der Straße nach Pasing, auf Höhe der heutigen Hackerbrücke. „Wer hier gehängt wurde“, schreibt Arz, „blieb zur Abschreckung so lange hängen, bis er von selbst abfiel.“ So ging das bis 1774. Dann setzte Anna von Sachsen, Gattin des bayerischen Kurfürsten Max III., durch, dass die Toten umgehend beerdigt wurden – weil sie sich vom Gestank der Verwesenden belästigt fühlte.

"Unser München": Münchner Stadtviertel im Porträt

"Unser München": Münchner Stadtteile im Porträt

Geht es um das alltägliche Leben, darf Martin Arz morbide, manchmal auch schlüpfrige Geschichten erzählen, dann ist der Münchner Autor und Verleger – wieder mal – höchst unterhaltsam. Er schreibt zum Beispiel über den Henker, der einst an der Blumenstraße lebte, und der im November 1437 zum Chef des ersten städtischen „Frauenhauses“ befördert wurde, sprich: „zum städtisch bezahlten Zuhälter“. Oder darüber, wie Max I. Joseph im Winter 1823 sein Hofbräubier angeblich auf die brennende Oper schütten ließ – weil alle Löschwasserspeicher zugefroren waren.

So nett diese Episoden auch sein mögen, Arz’ neues Buch hat einen anderen Anspruch: Auf 280 Seiten will es die Historie aller (!) Stadtviertel vorstellen – längst vergessene inklusive. Naturgemäß wird es da etwas dröger, wenn es um Birkenried geht, um Steinhausen oder um den Hansapark. Auch die Zahnbrecher- und die Frontkriegersiedlung halten nicht das, was der Name verspricht.

Die Münchner Au: Ein Dorf mitten in der Stadt!

Die Münchner Au: Ein Dorf mitten in der Stadt!

Dennoch gibt es viel in diesem Buch zu entdecken, auch für ausgewiesene Stadtkenner. Etwa, dass die älteste Kirche Münchens, die 815 erstmals erwähnte Kirche Heilig Kreuz in Fröttmaning, gleich zweimal auf dem Gelände der Mülldeponie Großlappen steht: einmal in echt und einmal als halb in den Hang gebaute Nachbildung – ein Kunstwerk von Timm Ulrichs, das an die unter dem Müllberg begrabene alte Siedlung Fröttmaning erinnern soll.

Es ist sicher Arz’ Verdienst, dass er sich diesmal nicht auf ein oder mehrere Innenstadtviertel beschränkt. Und so lernt man zwar vielleicht nicht ganz so viel über Schwabing oder Haidhausen, dafür umso mehr über jene Orte, die man zwar vom Hörensagen kennt, aber dann doch nie aufsucht - wie die St. Emmeramsmühle in Oberföhring oder auch die Galopprennbahn in Riem. Vor allem aber sieht man mal, wie es dort überhaupt aussieht. Arz hat seinen Fotografen Marc Schäfer auch in den entlegensten Winkel Münchens geschickt. 3500 Fotos hat er für diesen Band geschossen – und dafür unfassbare 1700 Kilometer zurückgelegt.

Ein Spaziergang durch die Maxvorstadt

Ein Spaziergang durch die Maxvorstadt

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Dabei ist es mehr als nur ein wenig schade, dass Arz auf historisches Bildmaterial diesmal komplett verzichtet. Schließlich möchte man erfahren, wie es zum Beispiel Ende des 19. Jahrhunderts auf der Schwanthalerhöhe ausgeschaut hat. Damals siedelten sich hier unzählige Industriebetriebe wegen der spottbilligen Grundstückspreise an. Es gab Bierfabriken, in denen hunderte Arbeiter auch lebten, die Schwefelsäurefabrik Bucher, die Teerfabrik Beck, die Essigfabrik Holzapfel, die Latrinen- Reinigungs-Anstalt Holzapfel sowie mehrere Leim- und Lackproduzenten und die Gummifabrik Metzeler. Es muss bestialisch gestunken haben damals. In einem Viertel, das heute viele kreative junge Menschen anzieht.

Dass Martin Arz auch aktuelle Entwicklungen nicht vergisst, rundet den Band ab. Es bleibt also dabei: Er ist der Mann, der im Moment die besten München-Bücher schreibt.

Thierry Backes

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