Erinnerung auf Augenhöhe

Gedenken an NS-Opfer mit Stelen statt Stolpersteinen: Hier werden sie in der Stadt zu sehen sein

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Der Sohn des ermordeten Kunsthändler-Ehepaars Fritz und Paula Jordan, Peter Jordan, war bei der Enthüllung anwesend.

Eine Wandtafel und zwei Stelen: Am Donnerstag wurden die ersten Erinnerungszeichen der Stadt für NS-Opfer eingeweiht. 

München - Peter Jordan ist am Donnerstag eigens aus Manchester angereist. Seit 1939 lebt er in England. Er floh damals mit 15 Jahren, seine Eltern blieben in München. Die Kunsthändler wurden deportiert und 1941 von den Nazis in Kaunas (Litauen) erschossen. Jordan sagt, er sei „sehr glücklich“, diesen Moment noch erleben zu dürfen: die Enthüllung einer Gedenkstele vor seinem Elternhaus an der Mauerkircherstraße in Bogenhausen. Während der offiziellen Reden schließt der 94-Jährige immer wieder die Augen. Seine Frau Dorothy, zwei Kinder und mehrere Enkel sind mitgekommen. Sie legen nach den offiziellen Reden Blumen an der Gedenkstele für Paula und Siegfried Jordan nieder. Peter Jordan empfindet auch ein Stück Genugtuung. Denn 2004 wurden vor dem Haus an der Mauerkircherstraße, in dem auch Thomas Mann von 1910 bis 1914 gelebt hat, Stolpersteine angebracht. Die Stadt ließ sie wieder entfernen.

Das Kunsthaendler-Ehepaar Fritz und Paula Jordan wird auf dieser Stele geehrt.

Es sind bewegende Momente an diesem für München historischen Tag. 10.000 jüdische Bürger lebten vor dem Zweiten Weltkrieg in München, 4500 wurden ermordet, 5500 vertrieben. Nur wenige kehrten zurück. Insgesamt fielen dem NS-Regime 10.000 Menschen zum Opfer. Für das Gedenken an alle Ermordeten sucht die Stadt noch immer nach einem geeigneten Standort für ein zentrales Namensdenkmal.

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100 Tafeln und 100 Stelen

Außer der Gedenkstele für Paula und Siegfried Jordan wurden am Donnerstag eine Erinnerungsstele für Friedrich Crusius an der Mandlstraße 21 in Schwabing sowie eine Gedenktafel für Franz und Tilly Landauer an der Königinstraße 85 eingeweiht. Drei Stelen und Tafeln werden in den nächsten Tagen für Ludwig Holleis (Daiserstraße 45), Therese Kühner (Auenstraße 15) und Walter Klingenbeck (Amalienstraße 44) folgen. Laut Kulturreferent Hans-Georg Küppers sollen bis Jahresende etwa 50 weitere Erinnerungszeichen hinzukommen. „Das Interesse ist groß.“ Der Stadtrat hat 150.000 Euro für etwa 100 Tafeln und 100 Stelen bewilligt. Sie werden in Absprache mit den Verwandten sukzessive in der Stadt realisiert.

Zum Beispiel an dem Haus an der Königinstraße, direkt am Englischen Garten. Franz und Tilly Landauer haben dort drei Jahrzehnte gelebt. Eine geachtete Familie, „waschechte Münchner“, wie Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) sagt. Franz Landauer war als Soldat im Ersten Weltkrieg. Er meldete sich freiwillig. Später arbeitete der Bruder des früheren FC-Bayern-Präsidenten Kurt Landauer als Versicherungsvertreter für die Firma Phönix aus Wien. Das Haus an der Königinstraße beherbergt heute Büros der Allianz. Am Eingang prangen seit DOnnerstag auf einer Wandtafel die Porträts von Franz und Tilly Landauer, die Schildflächen aus vergoldetem Edelstahlblech. Wohn- und Wirkungsort, Name, Geburtsjahr sowie Angaben zum Schicksal sind zu sehen. Entworfen hat diese Form des Erinnerns der Münchner Designer Kilian Stauss.

„Schulterschluss der Gesellschaft“

„Wir dokumentieren einen breiten Schulterschluss der Gesellschaft“, sagte Reiter. Auch die Landauers mussten aus München fliehen. „Wie schwer mag es ihnen gefallen sein, ihre Heimatstadt München verlassen zu müssen“, sagte Reiter. Franz Landauer starb am 10. Juli 1943 im niederländischen Internierungslager Kamp Westerbork. Tilly Landauer wurde am 15. Oktober 1944 im Vernichtungslager Auschwitz ermordet.

v.l.: OB Dieter Reiter, Uri Siegel und Marian Offman

Uri Siegel, der Neffe Franz Landauers, ist auch zur Einweihung gekommen. Der 95-Jährige erzählt, wie sehr sich sein Onkel dem deutschen und bayerischen Bürgertum zugehörig fühlte. Er sei dankbar, dass die Stadt diese Form des Gedenkens und keine Stolpersteine beschlossen habe, sagt er.

Dies lässt auch die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG), Charlotte Knobloch, ausrichten. „Mit den neuen Erinnerungszeichen beschreitet München einen eigenen Weg des würdigen und nachhaltigen Gedenkens.“ Knobloch hatte die Stolpersteine vehement abgelehnt, weil sie das Andenken der Opfer durch das Verlegen auf der Straße in den Schmutz gezogen sah. Marian Offman, Stadtrat und Vorstandsmitglied der IKG, hofft, dass der lange Streit nun endlich befriedet ist: „München hat ein neues Antlitz im Umgang mit der Geschichte bekommen.“

Klaus Vick

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