Streikende machen mobil

“Mehr als bloße Kostenstücke“: Gewerkschaft erhöht im Tarifstreit den Druck

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Machten ihrem Ärger Luft: 7500 Streikende auf dem Marienplatz

Im Streik um höhere Löhne hat die Gewerkschaft Verdi auch am Münchner Flughafen für reihenweise ausgefallene Flüge gesorgt.

München - Frust und Freude liegen am Dienstag am Flughafen München nah beieinander. Terminal 2, 10 Uhr. Eine Familie hastet zum Gate, um ihren Flieger in die USA zu bekommen. Es ist einer der wenigen, die planmäßig abheben. Verloren wartet dagegen Margit Weißer-Löffler in der Halle. „Ausgerechnet wenn ich in den Urlaub fliege, streikt das Bodenpersonal“, stöhnt die Fürtherin (81) mit den rotbraunen kurzen Haaren und der goldenen Brille. Weil die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi zum Warnstreik aufgerufen hat, annulliert allein die Lufthansa deutschlandweit etwa 800 Flüge, 280 davon in München – darunter auch den der Rentnerin.

Margit Weiß-Löffler ärgert sich über ihren annullierten Flug.

Die Gewerkschaft Verdi fordert sechs Prozent mehr Geld für bundesweit mehr als 2,3 Millionen Beschäftigte. Um ihrem Anliegen Nachdruck zu verleihen, haben sich hunderte streikende Arbeiter am Vormittag auf der Freifläche zwischen Terminal 1 und 2 versammelt – ausgerüstet mit Trillerpfeifen. Mit lauten Rufen und Sirenengeheul der Flughafenfeuerwehr wollen sie ein Zeichen setzen.

Vorwurf: Überlastete Service-Hotline der Lufthansa

Die Lufthansa habe sich zu wenig auf den Streik vorbereitet, schimpft Melanie Becker (28). Sie fühle sich von der Airline im Stich gelassen. Am Dienstag will sie mit ihrer Zwillingsschwester Maxi und Freundin Lisa Hensel (28) eigentlich von Berlin über München nach Los Angeles fliegen. „Als wir am Montag erfahren haben, dass der Flug nach München ausfällt, mussten wir uns selbst um eine Alternative kümmern.“ Die Service-Hotline der Lufthansa sei überlastet gewesen. Ob die Lufthansa ihre Hotel-Übernachtung bezahlt, weiß sie noch nicht.

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Sieben Stunden länger dauert die Reise von Rajindar Sigh und seiner Ehefrau. „Wir haben erst Dienstag früh erfahren, dass unser Flug von München nach Hause nach Denver ausfällt. Das ist sehr frustrierend“, sagt der 71-jährige Ingenieur.

Eine schlaflose Nacht haben wegen des Streiks Karin (57) und Reiner Wöbken (55) verbracht. Weil ihr Flugzeug von Bremen nach München nicht startet, stiegen sie am Montag in einen Nachtzug. Die Fahrt dauerte etwa 13 Stunden. „Wir haben kein Auge zugetan“, sagt Reiner Wöbken. Immerhin ihr Flug nach New York startet wohl planmäßig.

Birner: „Ihr seid mehr als bloße Kostenblöcke“

Auch am Münchner Hauptbahnhof ist der Ärger groß. Zwar kommt es im öffentlichen Nahverkehr nicht zu Einschränkungen, doch die Züge sind wegen der Flugausfälle heillos überfüllt.

Während sich die Reisenden im Stillen ärgern, machen unterdessen die Arbeitnehmer ihrem Zorn auf der Straße lauthals Luft: Mit Trillerpfeifen, Rasseln und Trompeten bewaffnet haben sich mehr als 7500 Beschäftigte aus ganz Deutschland versammelt, um gemeinsam Richtung Innenstadt zu marschieren. „Ich bin sehr stolz auf euch“, ruft der Gewerkschafts-Chef Heinrich Birner, „das ist der mit Abstand längste Demonstrationszug, den es in der Geschichte von Verdi München bisher gegeben hat.“ Zum Streik aufgefordert sind unter anderem die Mitarbeiter der Müllabfuhr, der Stadtwerke sowie etlicher Kindertageseinrichtungen. „Ihr seid mehr als bloße Kostenblöcke“, ruft Birner ins Mikrofon, „ihr seid unser wertvollstes Gut!“

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Von den etwa 450 Kitas der Stadt München sind am Dienstag deutlich mehr als die Hälfte geschlossen. Im Klinikum Bogenhausen sind sechs OP-Säle und im Klinikum Neuperlach vier OP-Säle streikbedingt geschlossen. Gefahr für Leib und Leben besteht Verdi zufolge nicht, da die Streikleiter vorher eine Mindestbesetzung der Notaufnahmen und der OP-Säle vereinbart hätten.

Nur zehn Prozent der Mülltonnen geleert

Alle Münchner Wertstoffhöfe des Abfallwirtschaftsbetriebs (AWM) bleiben am Dienstag geschlossen. Nur etwa zehn Prozent der Mülltonnen werden geleert. Die Abendvorstellung der Münchner Kammerspiele wird ersatzlos abgesagt. Vier der von den Stadtwerken betriebenen Bäder – Dante-, Volks-, Nord- und das Bad Forstenrieder Park können auch nicht öffnen.

Benjamin Marreiros, der vor zwei Jahren eine Ausbildung zum Industriemechaniker bei der Stadt begonnen hat, steht bei der Abschlusskundgebung inmitten der Protestierenden am Marienplatz – er wünscht sich mindestens 200 Euro mehr im Monat. Und er gibt sich zuversichtlich: „Nachdem wir schon zum zweiten Mal auf die Straße gehen und die Stadt lahmlegen, stehen die Chancen sehr gut, dass die Arbeitnehmer unsere Forderungen akzeptieren.“

Derweil blickt Stephan Stehli (57), Jurist aus Magdeburg, im Flughafen auf die Anzeigentafel. Er ist aus Thessaloniki gekommen – seinen Anschlussflug nach Leipzig kann er vergessen. Unglücklich ist er dennoch nicht: „Ich kann am Streik nichts ändern. Und München ist eine schöne Stadt. Es gibt Schlimmeres, als hier zu stranden.“

Wenigstens in München gestrandet: Stephan Stehli aus Magdeburg

Regina Mittermeier/Sarah Brenner

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