10 000 Streikende fordern: "Wir wollen mehr Kohle sehen"

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Der Demonstrationszug mit 10 000 Teilnehmern ging vom DGB-Haus bis zur Kundgebung am Odeonsplatz.

München - Sie sind viele und sie sind laut: 10000 öffentlich Bedienstete sind in München auf die Straße gegangen, um für mehr Gehalt zu demonstrieren. So lief der rekordverdächtige Streik ab:

Wenn 10 000 Streikende aus dem öffentlichen Dienst pfeifen und brüllen, können Fußballfans einpacken. Die Wut grölt  mit: „Wir wollen mehr Kohle sehen!“ und „Wir sind es wert!“ Das, was sich am Dienstag beim zweiten Warnstreik von Verdi auf Münchens Straßen und am Odeonsplatz abspielte, war rekordverdächtig. „Die enorm starke Streikbeteiligung hat unsere kühnsten Erwartungen übertroffen“, freute sich Heinrich Birner, Verdi-Geschäftsführer in München.

Beim letzten Streik am 8. März hatten sich 3000 Menschen beteiligt, am Dienstag seien allein aus München etwa 7500 Angestellte gekommen, die anderen reisten aus dem Umkreis und dem restlichen Südbayern an. Besonders viele Mitarbeiter von Kindertagesstätten und erstmals auch 500 Angestellte der Müllabfuhren beteiligten sich an den Arbeitsniederlegungen. Die Folge: Zum zweiten Mal war jede zweite Kita dicht, vier von fünf Mülltonen blieben in München ungeleert.

So viel verdienen Münchens Bosse!

So viel verdienen Münchens Bosse!

„Da wir aus Streikrechts-Gründen keine Überstunden verlangen können“, sagte Helga Seitz vom Abfallwirtschaftsamt, „wird es bei der Müllabfuhr noch ein, zwei Wochen zu Unregelmäßigkeiten kommen.“ Andere große Gruppen kamen von der Straßenreinigung, der Stadtentwässerung und aus dem Gartenbau. „In den Städtischen Krankenhäusern Neuperlach und Harlaching mussten über die Hälfte der OP-Säle stillstehen - dringend notwendige Eingriffe waren aber nicht beeinträchtigt“, sagte Heinrich Birner.

Die Münchner müssen sich warm anziehen. Frank Bsirske, Verhandlungsführer für die zwei Millionen Tarifbeschäftigten, droht: „Wenn es am 28./29. März keine Einigung gibt, werden wir die Mitglieder in einer Urabstimmung fragen, ob sie zum zeitlich unbegrenzten Streik bereit sind.“ Verdi und die GEW fordern 6,5 Prozent mehr Geld, mindestens jedoch 200 Euro. Die Arbeitgeber boten bisher insgesamt 3,3 Prozent mehr für zwei Jahre an.

Streikteilnehmer rechnen vor: So viel Geld verdienen wir netto und das bleibt uns zum Leben:

0 € netto

Erzieherin Maria K.

Keinen einzigen Euro verdient die Auszubildende zur Erzieherin Maria K. (27) derzeit. Auch im nächsten theoretischen Jahr muss die Abiturientin allein von den 650 Euro leben, die ihr die Eltern zuschustern. Für ihr Zehn-Quadratmeter-Zimmer im Studentenwohnheim gehen 300 Euro drauf. „Wir müssen sogar unsere Bücher selbst bezahlen und bekommen nicht einmal den MVV gratis - deshalb fahre ich alles nur mit dem Fahrrad und kaufe nur bei Aldi ein, Freizeitaktivitäten wie Kino gönne ich mir nur selten.“
1700 € netto

600 bis 800 Mülltonnen schleppt der Münchner Ladervorarbeiter Arnold Uhrig (56) täglich. Seit 34 Jahren steht er jeden Arbeitstag um 6.30 Uhr am Müllauto. „Früher konnte ich trotz Kindern gut davon leben, bin nach Tunesien in den Urlaub gefahren und habe mir oft neue Pflanzen für den Garten gekauft.“ Heute, bei den gestiegenen Lebenshaltungskosten, bleiben ihm von seinen 1700 Euro netto im Monat nur ein paar hundert Euro für den täglichen Bedarf. „Sparen ist da nicht drin.“

1100 € netto

Seit 29 Jahren pflegt Gartenbauarbeiter Robert Wasmeier (48) bei Wind und Wetter die Pflänzchen in der städtischen Baumschule. Knapp 1100 Euro bekommt der Saisonarbeiter für 38,5 Stunden in der Woche raus, davon gehen noch 400 Euro Miete für die Wohnung in Germering weg, dazu die laufenden Kosten. „Der Job ist ganz schön anstrengend. Aber Hobbys wie Skifahren kann ich mir nicht leisten. Meine Freundin ist Erzieherin, wir haben doppelt Pech.“

1700 € netto

Ein medizinisch-technischer Röntgenassistent wie Dieter Schaefer (48) muss im Krankenhaus Nachtschichten schieben und auch spontan parat stehen - für 1700 Euro netto im Monat! „Für meine Eigentumswohnung zahle ich im Monat 600 Euro ab, dazu Strom, Versicherung, Telefon und vieles mehr. Vergangenen Monat musste ich für fast 700 Euro Öl kaufen. Das bringt mich schon ganz schön in Schwierigkeiten.“ Er kämpft mit Kollegen der Kliniken Südostbayern.

2000 € netto

Bernd Inboden (51) ist seit zwölf Jahren Bau-Oberleiter im Amt für Tiefbau der Stadt Kempten. Von den 2000 Euro, die er im Monat überwiesen bekommt, ernährt er eine Familie mit drei Kindern. „Meine Frau und ich versuchen, den Kindern so viel wie möglich zu ermöglichen. Das ist erst mal wichtiger. Aber bei diesem Gehalt bleibt uns beiden dann kaum mehr was.“ Der Dachausbau, die Autoreparatur oder der Kauf eines Fahrradträgers müssen da erst mal warten.

Nina Bautz

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