Zu teuer, zu laut: Flucht aus der Stadt München!

+
Nicht nur in der Fußgängerzone geht es oft hoch her

München - München boomt, aber die ersten Bürger ziehen aus der Stadt. Dafür gibt es zahlreiche Gründe. Wir sind der Stadtflucht auf den Grund gegangen und zeigen die Argumente der Neubürger.

Warum die Münchner rausziehen - zum Vergrößern der Grafik HIER KLICKEN

Wer kann und wer will sich München noch leisten? Fast 85 000 Einwohner sagten der Stadt im vergangenen Jahr Servus – die meisten offenbar leichten Herzens. 52 Prozent der Wegzügler suchen gar nicht erst in der Stadt, sondern intensiv nur im Umland nach einer Bleibe. Das geht aus einer neuen Studie der Stadt mit fast 5000 Befragten hervor, welche die Gründe der Umzügler untersucht. „Die Motive der Wandernden zu kennen, ist eine wesentliche Voraussetzung, um wirksam planen zu können“, sagt Stadtbaurätin Elisabeth Merk. Doch die Wegzügler seien kaum in der Stadt zu halten.
München boomt, keine Frage: Im vergangenen Jahr zogen fast 113.000 Menschen an die Isar – so viele wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die Stadt hat deutlich über 1,4 Millionen Einwohner. Doch die brauchen ihren Raum – einen Parkplatz, einen Sitz in der U-Bahn, vor allem eine Wohnung. Die Mieten ziehen nach wenigen ruhigeren Jahren wieder stark an. 13 bis 14 Euro pro Quadratmeter sind in guten Gegenden fast die Regel – und die Kehrseiten des Erfolgs.

Vielen Bürgern reicht’s. Spätestens wenn sich Nachwuchs ankündigt, wollen Paare raus aus ihrer engen Bude. Aber mehr können sie sich in der Stadt oft nicht leisten. „Das Wohnungsangebot ist für viele wegziehende Haushalte in der Wohnfläche nicht passend oder nicht finanzierbar“, sagt die Stadtbaurätin. Wegen der immer höheren Preise werde es schwieriger, da­rauf zu reagieren. Dazu komme der Wunsch nach mehr Grün, weniger Lärm, sauberer Luft. Zusammen mit den Horror-Preisen sind das wie schon bei der letzten Untersuchung vor zehn Jahren die wichtigsten Gründe für die Flucht aus der Stadt. Ein kleines Häuschen mit einem bisserl Garten findet man in München erst recht nicht. Tatsächlich vergrößern die Auswanderer ihre Fläche von 75 auf 113 Quadratmeter, während der Preis pro Quadratmeter um 25 Prozent sinkt!

Der wohnungspolitische Sprecher der SPD, Andreas Lotte, will wie die Stadtbaurätin Familien in der Stadt halten. Dies gelte besonders für die nicht ganz so geldigen Gemeinschaften. Darum seien im neuen Wohnungsprogramm der Stadt bereits die Grenzen für die München-Modell-Förderung auf mittlere Einkommen ausgeweitet worden. Außerdem sollten Genossenschaften weiter unterstützt werden.

Die CSU bemängelt Widersprüche in der Studie und sieht sich in ihrer Kritik bestätigt. „Viele Familien legen Wert auf den eigenen Garten“, sagt Fraktionschef Josef Schmid. „Sie aufzugeben und ins Umland abzuschieben ist eine klare Absage an einen familienfreundlichen Wohnungsbau.“

D. Costanzo

Darauf freuen sich Neu-Bürger

Warum so viele nach München ziehen - zum Vergrößern der Grafik HIER KLICKEN

Alles für die Ausbildung, alles für die Arbeit: Das ist in den meisten Fällen der wichtigste Grund für den Umzug nach München. Andere Motive spielen nur eine kleinere Rolle. Die meisten Befragten der Wander-Studie der Stadt zogen nach Neuhausen-Nymphenburg, wo leicht 13 bis 14 Euro pro Quadratmeter Miete fällig werden. Ebenso beliebt wie teuer sind Schwabing und die Gebiete an der Isar.
Dafür verzichten die Neu-Münchner auf viel: Im Schnitt verkleinern die Haushalte ihre Wohnfläche von 95 auf 69 Quadratmeter – die Mieten steigen von 677 auf 943 Euro!
Kein Wunder, dass es die Zugezogenen nach draußen treibt: „Deutlich häufiger ausgeübt werden vornehmlich die Freizeitaktivitäten am Abend“, heißt es nüchtern in der Studie. Die Neu-Münchner gehen wieder häufiger aus, ins Kino, Theater oder Museum oder ins Restaurant. Sie passen sich an, weil sie die Lebensart lieben. Darum soll laut der Studie künftig das „typisch Münchnerische“ gewahrt bleiben.

Gleich einen Job gefunden

Daniela zeigt ihre Wohnung in München

Daniela (30) kommt aus Muglhof in der Oberpfalz – gerade mal 120 Einwohner leben in dem kleinen Dorf in der Nähe von Weiden. „Da gibt’s nicht mal einen Supermarkt“, sagt die PR-Managerin. 2001 zog sie für ihr Magister-Studium nach Erlangen. Endgültig in die Großstadt verschlug es sie vor fünf Jahren, als sie der Liebe und Arbeit wegen nach München zog. „Mein damaliger Freund hat hier gewohnt und ich habe gleich eine Stelle gefunden. München ist einfach wunderschön: Die Biergärten, die Isar – und hier gibt es jede Menge Konzerte.“ Inzwischen wohnt Daniela allein in Neuhausen. 440 Euro zahlt sie warm für ihre 30 Quadratmeter mit Küchenzeile und Bad. „Die hohen Mieten sind der einzige Nachteil. Für das Geld bekommt man woanders zwei Zimmer mit Balkon. Aber das ist mir das Abenteuer Großstadt wert!“

CS

Hier liegt das Glück dieser Erde

Die Geschwister Franziska (li., 27) und Katja Otten (25), Tochter Magdalena (1) sitzt auf Don Giovanni

Auf einem eigenen Pferdehof leben – das war schon immer der Traum von Franziska (27) und Katja Otten (25). Vor vier Jahren zogen die Münchnerinnen mit ihren Familien aus der Millionenstadt an den Irschenberg. „Ich genieße die Lebensqualität in der Natur hier draußen, fern vom Trubel der Stadt. Und wenn ich will, bin ich trotzdem in 20 Minuten über die A8 in München“, sagt Franziska, die mit ihren Pferden Workshop-Seminare für Burnout-gefährdete Manager anbietet. „Wenn wir bei lauter Musik feiern, stört’s keinen Nachbarn und im Sommer guckt mir keiner in den Garten.“

Töchterchen Madgalena (1) wächst mit vielen Tieren auf: In den Ställen neben dem denkmalgeschützten Wohnhaus stehen 32 Pferde und Ponys, dazu kommen viele Hunde und Katzen. „Das Leben hier ist ein Traum. Ein Nachteil ist aber, dass meine Tochter später immer mit dem Schulbus zur Schule fahren muss, der Fußweg zu weit ist.“

CL

Auch interessant

Meistgelesen

Berufung zurückgezogen: Todesfahrer muss in Haft
Berufung zurückgezogen: Todesfahrer muss in Haft
Acht Stunden Telefon-Terror: Renterin um 23.000 Euro betrogen
Acht Stunden Telefon-Terror: Renterin um 23.000 Euro betrogen
PI 15 Sendling: Das Revier der PS-Polizei
PI 15 Sendling: Das Revier der PS-Polizei

Was denken Sie über diesen Artikel?

Kommentare