Er war der Millionste Bürger der Stadt

Zum 60.: So geht‘s dem Münchner Millionen-Buberl heute

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Thomas Seehaus auf dem Arm von OB Thomas Wimmer, den er wie einen Opa erlebte.

Thomas Helmut Seehaus hätte eigentlich nur Helmut heißen sollen. Aber dann wurde er berühmt: Mit seiner Geburt erreichte München im Dezember 1957 die magische Zahl von einer Million Einwohnern.

München - Fast zwangsläufig gab die Mutter dem „Millionen-Buberl“ Thomas Helmut Seehaus den Vornamen des damaligen Oberbürgermeisters Thomas Wimmer. Aus dem Buberl von einst ist ein Mann geworden, der bald seinen 60. Geburtstag feiert. Ein Gespräch im Augustiner-Biergarten über Münchner Oberbürgermeister, den Olympiaturm und Swimming-Pools.

Herr Seehaus, wie lebt es sich als millionster Münchner?

Thomas Helmut Seehaus: Größtenteils fühle ich mich geehrt, aber manchmal verfolgt es mich.

Warum das?

Thomas Helmut Seehaus: Weil ich nichts Großartiges geleistet habe. Es war ja reiner Zufall. Aber die Einladungen kann ich ja kaum ablehnen. Stadtgeburtstag hier, Eröffnung des Marienplatzes da ...

Eröffnung des Marienplatzes?

Thomas Helmut Seehaus: Oberbürgermeister Georg Kronawitter übergab mir damals symbolisch einen riesigen Schlüssel. Ich war noch ein kleiner Junge. So eröffnete er den Marienplatz als Fußgängerzone. Davon gibt es sogar ein Bild (blättert in seinem überdimensionalen Fotoalbum). Da, hier ist es. Ich strecke den Schlüssel in die Höhe. Kronawitter nannte mich das „Millionen-Buberl.“

Chronik des eigenen Lebens: Thomas Seehaus klebt regelmäßig neue Bilder ein und blättert sein Lebensalbum mit Fotos und Zeitungsartikeln ein- bis zweimal jährlich durch.

Wie erhalten Sie all diese Erinnerungen?

Thomas Helmut Seehaus: In diesem Album. Das haben meine Eltern angelegt, und ich habe es weitergepflegt. Darin ist quasi die ganze Familienchronik, hauptsächlich Fotos und Zeitungsausschnitte.

Blättern Sie gelegentlich darin?

Thomas Helmut Seehaus: Selten. Vielleicht ein- bis zweimal im Jahr, wenn sich jemand aus dem Freundeskreis dafür interessiert.

Wie wurde überhaupt ermittelt, dass Sie der Millionste waren?

Thomas Helmut Seehaus: Der damalige Münchner Oberbürgermeister Thomas Wimmer hat die Standesämtert 1957 angewiesen, dass sie alle Geburtsdaten festhalten und an die Stadt weitergeben, mit der genauen Uhrzeit.

Unbeeindruckt vom Medieninteresse: Das „Millionen-Buberl“ 1957.

Was bedeutet diese Art von Prominenz für Sie?

Thomas Helmut Seehaus: Ich bin eine winzige Geschichte Münchens, nicht mehr, nicht weniger. Wenn ich zu besonderen Anlässen eingeladen werde, dann fühle ich mich schon geehrt. Ich nehme diese Einladungen auch gerne an, wenn ich Zeit habe. Aber ansonsten halte ich mich enorm zurück. Auch meinen Freundeskreis habe ich angewiesen, dass sie das möglichst für sich behalten sollen. Ich möchte nicht immer und überall nur als das Münchner Millionen-Buberl bekannt sein.

Wie haben das Ihre Eltern damals empfunden?

Thomas Helmut Seehaus: Das war ein Riesentrubel für die, enorm anstrengend. Fernsehen, Radio, Zeitungen – alle standen offenbar bei uns am Wochenbett. Bis Oberbürgermeister Wimmer eingeschritten ist.

Was hat er getan?

Thomas Helmut Seehaus: Er hat gesagt, sie sollen dem Bub jetzt endlich mal seine Ruhe lassen. Danach wurde es anscheinend etwas ruhiger.

In welchem Alter wurde Ihnen bewusst, dass Sie das Millionen-Buberl sind?

Thomas Helmut Seehaus: Ich denke zur Einschulung. Da hatte ich kaum eine andere Wahl. Wieder hatte mich die gesamte Presse auf dem Schirm. „Der millionste Münchner wird eingeschult!“ Riesentheater.

Der Titel ist Ihnen also vorausgeeilt?

Thomas Helmut Seehaus: In den ersten zehn Jahren meines Lebens immer. Auch wenn es manchmal anstrengend wurde, hatte es natürlich auch schöne Seiten. Wir waren regelmäßig bei Thomas Wimmer zu Hause, zu besonderen Anlässen. Ich hatte die große Ehre, als Kind diesen großen Münchner kennenzulernen. Wimmer hat uns an Weihnachten immer besucht. Er war wie ein Opa für mich.

Welche Erinnerungen haben Sie an Wimmer noch?

Thomas Helmut Seehaus: Er war ein herzlicher, ganz normaler Ur-Bayer. Er hat sich nicht viel darauf eingebildet, Oberbürgermeister zu sein. Das erzählten auch meine Eltern immer. Eine weitere Erinnerung ist die Beerdigung. Er starb ja schon sehr früh, 1960. Ich war etwa drei Jahre alt. Am Ostfriedhof herrschte ein grausiges Wetter. Es regnete in Strömen. Ich erinnere mich sehr gut daran, obwohl ich so klein gewesen bin.

Gibt es Anekdoten?

Thomas Helmut Seehaus: Durchaus. Eine davon hat mir meine Mutter erzählt. Wimmer war bei uns zu Besuch. Als er wieder zum Rathaus zurückfuhr, bemerkte er, dass er seinen Hut bei uns vergessen hatte. Wimmer schickte seinen Chauffeur mitten auf der Strecke wieder zu uns – und fuhr selbst mit der Trambahn weiter ins Rathaus. Ich finde, das zeigt, wie bodenständig er war. Die wenigsten Bürgermeister hätten das so gemacht.

Wie kam es eigentlich, dass Sie Wimmers Vornamen tragen?

Thomas Helmut Seehaus: Eigentlich hätte ich Helmut heißen sollen. Ganz unter uns: Zum Glück ist es nur mein zweiter Vorname geworden. Als klar war, dass ich der millionste Münchner bin, und Thomas Wimmer im Zuge dieses Zufalls meine Patenschaft übernahm, hat meine Mutter gesagt: Wenn das so ist, soll der Junge auch Thomas heißen. Und ich werde auch schon mein Leben lang „Damerl“ genannt, wie eben der Alt-Oberbürgermeister.

Haben Sie sich jemals mit der Figur Thomas Wimmer beschäftigt?

Thomas Helmut Seehaus: Nicht sehr intensiv. Ich habe einige Zeitungsausschnitte gesammelt und kenne ihn halbwegs. Und den Spruch „Rama-Dama“ kennt man halt.

Der Spruch entstand ja, weil Thomas Wimmer als Mann der Tat galt.

Thomas Helmut Seehaus: Eben, weil er maßgeblich dazu beitrug, München nach dem Krieg aufzuräumen und wieder aufzubauen. Das war eine große Leistung.

Sind Sie auch ein Mann der Tat?

Thomas Helmut Seehaus: Definitiv. Das würde Ihnen auch mein Freundeskreis bestätigen. Nicht lange rumreden. Lieber ausprobieren, bevor man zu lange über etwas diskutiert. Dann weiß man, ob es klappt.

Hat man Vorteile als Millionen-Kind?

Thomas Helmut Seehaus: Kaum. Eine Zeit lang ging einmal das Gerücht um, dass ich ein lebenslanges Ticket für den Münchner Nahverkehr hätte, was eben falsch ist. Ah Moment, einen Vorteil hab ich: Zu meiner Geburt hat mir die Süddeutsche Zeitung ein lebenslanges Gratis-Abo geschenkt. Und anfangs haben die Kindernahrungshersteller meine Eltern mit Gratis-Konserven überschüttet.

Sie sind seit Ihrer späteren Kindheit Olchinger. Wie kam das?

Thomas Helmut Seehaus: Mein Vater hat sich als Kaminkehrer den Kehrbezirk Olching ausgesucht. Und da sind wir Ende der 60er von Pasing nach Olching gezogen.

Sind Sie mit der Stadt immer noch verbunden?

Thomas Helmut Seehaus: Klar, durch meine langjährige Arbeit bei der Telekom. Und privat bin auch gerne da. Der Augustiner-Biergarten am Funkhaus ist einer meiner Lieblingsorte.

Warum?

Thomas Helmut Seehaus: Er ist so kompakt, nicht so weitläufig wie der Chinesische Turm zum Beispiel. Und man sitzt fast überall unter den Kastanien. Herrlich.

Sie sind seit fünf Jahren pensioniert. Wie vertreiben Sie sich die Zeit?

Thomas Helmut Seehaus: Ach, man hat immer genug zu tun. Fußball ist ein leidenschaftliches Hobby, als Funktionär und früher als Spieler. Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen ist, meinen Pool zu pflegen. Ich habe ihn schon zweimal eigenhändig herausgerissen und neu aufgebaut, weil er Konstruktionsfehler hatte. Andere Leute fahren Motorrad, ich mache mir einen schönen Pool, damit ich am Rand auf einer Liege lesen kann oder hineinspringe, um mich bei heißem Wetter zu erfrischen. Den Pool hatten bereits meine Eltern angelegt.

Sie sind mit etwa elf Jahren von München weggezogen. Wenn Sie heute vergleichen, was hat sich geändert?

Thomas Helmut Seehaus: Am meisten kann ich natürlich über Pasing erzählen. Es gab viel mehr freie Wiesen, über die ich mit dem Fahrrad gefahren bin. Viel mehr Natur. Das hat sich vollkommen geändert. Damals gab es hier vereinzelt noch Bauernhöfe oder Pferdemetzger. Aber man muss mit der Zeit gehen, das ist ja grundsätzlich nicht schlecht. Der Platz wird ja gebraucht.

Erinnern Sie sich an alle Münchner Oberbürgermeister?

Thomas Helmut Seehaus: Ja, alle seit Thomas Wimmer. Einen Moment werde ich nie vergessen, mit Hans-Jochen Vogel. Er nahm mich mit auf den Olympiaturm. Damals war da oben noch kein Restaurant und auch keine Brüstung. Wir standen in dieser schwindelerregenden Höhe Hand in Hand, der Wind hat gepfiffen, und in drei Metern wäre es steil hinuntergegangen. Das hat sich in meinem Kopf eingebrannt. Er wollte mir das Olympiagelände zeigen.

An Ihnen kommt quasi kein Münchner OB vorbei.

Thomas Helmut Seehaus: Na ja, das möchte ich so nicht sagen. Aber nun ja, Wimmer, Vogel, Kronawitter, Kiesl, Ude, Reiter... Durch meine Vorgeschichte lernte ich alle kennen, zumindest kurz.

Welchen Eindruck haben Sie vom aktuellen OB Dieter Reiter?

Thomas Helmut Seehaus: Ein sympathischer, ganz normaler Mann. Er erinnert mich an Thomas Wimmer. Reiter ist ähnlich bodenständig. Das ist zumindest mein Eindruck. Und ich denke, über Fußball könnte man auch gut mit ihm reden. Er ist ja bekanntlich ein FC-Bayern-Fan, so wie ich.

Interview: Hüseyin Ince

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