"Wir sind es wert"

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Die Warnstreikwelle im öffentlichen Dienst hat München erreicht. Am Donnerstag legten rund 3000 Angestellte die Arbeit nieder und versammelten sich am Stachus. Über die Hälfte der städtischen Kitas blieb zu.

München - Die Warnstreikwelle im öffentlichen Dienst hat München erreicht. Am Donnerstag legten rund 3000 Angestellte die Arbeit nieder und versammelten sich am Stachus. Über die Hälfte der städtischen Kitas blieb zu.

Es ist ein erster Warnschuss, abgefeuert gestern um 11 Uhr am Stachus. Rund 3000 Demonstranten pfeifen und johlen im Nieselregen für dickere Lohntüten. Verdi kann mit dem Aufmarsch zufrieden sein, kamen doch drei Mal so viele Protestler, wie die Gewerkschaft erwartet hatte. „Grandios! Beeindruckend!“, frohlockt Verdi-Geschäftsführer Heinrich Birner, kurz bevor er ans Mikrofon drängt. „Das macht Mut. Das gibt Kraft.“

Neben Mut und Kraft braucht Verdi wohl einen langen Atem. Die Gewerkschaft fordert 6,5 Prozent mehr Gehalt für die bundesweit rund zwei Millionen Beschäftigten im öffentlichen Dienst, mindestens aber ein Plus von 200 Euro im Monat. Noch gibt es kein Angebot von der Arbeitgeberseite. Sie hält die Forderung für überzogen und unverhandelbar. „Wir sind es wert“, lautet hingegen das Motto von Verdi. Der Arbeitskampf hat gerade erst begonnen. Birner spricht von einem „Plan B“, den man in der Tasche habe, sollten die Arbeitgeber bei den Verhandlungen am Montag und Dienstag kein „vernünftiges Angebot“ auf den Tisch legen.

Verdi startete die Protestwelle in Bayern bewusst mit angezogener Handbremse – um bei künftigen Protesten noch Luft nach oben zu haben. In München waren Kindergärten, Horte und Krippen am stärksten betroffen. Rund die Hälfte der Streikenden – etwa 1500 – waren Erzieherinnen und Pädagogen. Laut Schulreferat blieben 65 Prozent der insgesamt 423 Einrichtungen geschlossen. „Viele Eltern haben sich selbst organisiert“, sagt Referats-Sprecherin Eva Maria Volland. „Das hat offenbar recht gut geklappt.“

Bei den Stadtwerken streikten rund 600 Mitarbeiter. Bis auf das Prinzregentenstadion, das bis 15 Uhr geschlossen blieb, habe es aber „keine nennenswerten Beeinträchtigungen“ gegeben. Fünf Stadtteilbibliotheken blieben ebenfalls zu. Bei der Stadtentwässerung legten etwa 100 Mitarbeiter die Arbeit nieder. Im städtischen Klinikum Harlaching waren es „30 bis 40“. Drei OP-Säle blieben geschlossen, die Patientenversorgung sei aber „sichergestellt“, teilte die Klinik mit.

Bayernweit beteiligten sich nach Verdi-Angaben rund 12 500 Menschen am Streik. Im Gegensatz zu München war in anderen Städten auch die Müllabfuhr betroffen. In Nürnberg demonstrierten 1600 Angestellte. Auf Plakaten von Mitarbeitern der Stadtreinigung war zu lesen: „Wenn wir nicht mehr Kohle kriegen, bleibt der Müll halt einfach liegen.“ In Würzburg, Aschaffenburg und Schweinfurt streikten etwa 1000 Menschen. Bayernweit arbeiten rund 360 000 Angestellte im öffentlichen Dienst.

Die Arbeitgeberseite reagierte verschnupft auf die Proteste. „Schon nach der ersten Verhandlungsrunde Warnstreiks – ich halte davon gar nichts“, ärgerte sich der Geschäftsführer des Kommunalen Arbeitgeberverbandes, Armin Augat – und warnte: „Gehaltserhöhungen beim öffentlichen Dienst belasten die Steuerzahler.“

Verdi-Sprecher Birner sieht das anders: „Jahrelang wurden die Arbeitnehmer gedemütigt“, ruft er am Stachus ins Mikrofon. „Jetzt ist unsere Stunde gekommen."

Von Thomas Schmidt

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