Der die Kunst ins Bahnhofsviertel bringt

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Der erste Galerist in Münchens Bahnhofsviertel: Bülent Kullukcu zeigt in seiner Galerie zeitgenössische türkische Kunst.

München - Bülent Kullukcu zeigt im Münchner Bahnhofsviertel türkische Kunst. Und Kunst von Nachkommen türkischer Einwanderer. Er erklärt, warum er mit seiner Galerie nicht in die Maxvorstadt wollte.

Eine halbe Stunde sitzt man schon zusammen mit Bülent Kullukcu, hat über türkische Kunst gesprochen, über Kultur in München und über die erste Gastarbeiter-Generation. Da sagt der einzige Galerist des Bahnhofsviertels ganz selbstverständlich einen Satz, der überrascht – und damit vielleicht mehr über die Mehrheitsgesellschaft sagt als über den Sohn türkischer Einwanderer. „Wir hatten Wirtschaftswunder und Milka-Schokolade.“ Die Türken seiner Generation hingegen „haben einen Militärputsch erlebt und bürgerkriegsähnliche Zustände“.

Kullukcus „Wir“ – das sind die Bayern, die Münchner. Der 40-jährige Regisseur, Schauspieler, Musiker, Galerist ist in Markt Indersdorf aufgewachsen – und war „schon immer in München“, wie er erzählt. Eigentlich naheliegend also, dass er mehr mit Schokolade verbindet als mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Die Faszination für die Kultur aus dem Heimatland seiner Eltern hat ihn trotzdem nie losgelassen – und auch nicht die Verwunderung darüber, wie wenig viele Deutsche über türkische Kunst wissen.

Zeitgenössische Kunst vom Bosporus

Seit September 2010 betreibt Kullukcu seine Galerie an der Schillerstraße südlich des Hauptbahnhofs, 125 Quadratmeter Kunst im dritten Stock. Schillerstraße? Da denkt der Münchner an Sex-Shops, an Döner-Buden, an Spielhallen. Aber Kunst? Genau das hat Kullukcu gereizt. Nicht in die Maxvorstadt zu ziehen, sondern dorthin, wo keiner eine Galerie erwartet. „Hier kann etwas Neues entstehen, man kann freier handeln.“ Die meisten Galerien, meint Kullukcu, würden doch nicht die Bevölkerung repräsentieren. „Was sie machen, ist einfach nur eine Kopie der großen Institutionen.“

Eine Kopie sein, das wollte er nie. Sondern etwas anderes schaffen, die Arbeiten der Söhne und Töchter von Gastarbeitern zeigen – und vor allem auch Künstler aus der Türkei. „In den USA oder in England ist die türkische Kunst schon am Durchstarten.“ Von Deutschland kann man das bisher nicht unbedingt behaupten. Baden in Antalya und Städtereisen nach Istanbul sind hier beliebt. Aber zeitgenössische Kunst vom Bosporus? „Es gibt Leute, die sagen: ,Ich glaube gar nicht, dass es Kunst aus der Türkei gibt‘“, erzählt Kullukcu. „Dann nehme ich mir die Zeit und erkläre ihnen, wie es ist.“ Zeitgenössische Kunst sei überall erst einmal gleich: „Eine Beschleunigung der Wirklichkeit.“

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Der große Unterschied zwischen Deutschland und der Türkei sei aber der politische Anspruch türkischer Künstler – und das nicht nur, weil sie als Kind andere Erfahrungen gemacht haben, als Schokolade zu essen. Bis heute gibt es Repression gegen Kulturschaffende. „Freiheit und Gleichberechtigung spielen eine größere Rolle als in Deutschland.“ Auch der Völkermord an den Armeniern oder der Kurden-Konflikt wurden schon in Arbeiten behandelt, die an der Schillerstraße gezeigt wurden. Kullukcu will sich aber nicht auf die Kinder von Migranten und türkische Künstler beschränken. Wichtig sei, „dass man auch deutsche Künstler zeigt, dass man sich nicht begrenzt, sich auf die Gegenseite einlässt, damit etwas entstehen kann“. Mit dem Schwerpunkt auf türkische Kunst und gleichzeitig dem offenen Konzept steht Kullukcu nach eigenen Angaben in Deutschland alleine da. Kunst – das soll in der Galerie Kullukcu nicht nur bildende Kunst sein. Musik, Tanz, Diskussionen gibt es hier, zuletzt wurde die Galerie zum Kino. Abendelang zeigte Kullukcu türkische Independent-Filme.

Natürlich fasziniert Bülent Kullukcu auch die Geschichte der Gastarbeiter. „Nur meine Generation kann über die Erfahrungen unserer Eltern berichten.“ Er plant eine Platte mit Musik aus der Gastarbeiter-Kultur, die im Herbst bei Trikont erscheinen soll. „In den Liedern steckt die Sehnsucht nach der Heimat, aber es ist eben auch ein Teil der deutschen Nachkriegsgeschichte.“ Dass dieser Aspekt als deutsche Geschichte anerkannt wird, ist Kullukcu so wichtig wie die türkische Kunst. „Die Türkei ist doch nicht irgendwo dahinten am Orient. Das ist doch die gleiche Entfernung wie nach Barcelona.“

Der Galerie droht die Schließung

Möglich, dass Kullukcu seine Galerie bald zusperren muss. Die Einnahmen reichen nicht aus, und Förderung hat er bisher kaum bekommen. Vielleicht war eine Galerie im Bahnhofsviertel doch ein zu optimistisches Projekt, zumal im dritten Stock und damit von außen nicht sichtbar. Vielleicht reicht das Interesse an türkischer Gegenwartskunst doch nicht aus. Kullukcu sagt, die Galerie sei „sehr wichtig für München und für Deutschland“. Das ist sicher ein bisschen größenwahnsinnig. Vielleicht steckt darin aber auch ein kleines bisschen Wahrheit. Zumindest solange Kullukcu noch gefragt wird, ob es türkische Kunst wirklich gebe. Und er erklären muss, dass es in Markt Indersdorf Schokolade gegeben hat.

Felix Müller

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