Verbraucherzentrale warnt vor Firma

Üble Abzocke! Laimer Ehepaar muss 2860 Euro für Schlüsseldienst zahlen

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Das ist die Rechnung, die das Ehepaar aus Laim serviert bekam.

Wenn man Probleme mit dem Türschloss oder dem Schlüssel hat, ruft man in der Regel den Schlüsseldienst. Für ein Ehepaar aus Laim gab‘s jetzt eine böse Überraschung.

München - Der Schlüssel lässt sich einfach nicht mehr umdrehen. Maria (76) und Erwin R. (77, Namen geändert) konnten es erst nicht glauben, als sie vor zwei Wochen zu ihrem Zuhause in Laim kamen. Dann wurde es verhängnisvoll – nämlich nachdem sie per Handy nach „München Laim Schlüsseldienst“ suchten – und auf die Internetseite des „Schlüsselnotdienst Tag und Nacht“ kamen. Am Ende der Geschichte waren sie zwar wieder in ihrer Wohnung, allerdings auch um fast 3000 Euro ärmer…

Das Paar ruft bei dem vermeintlich vor Ort ansässigen Unternehmen an. Was sie zu diesem Zeitpunkt nicht wissen: Der Firmensitz ist laut später ausgestellter Rechnung in Essen, das Unternehmen bundesweit tätig. Verbraucherzentralen warnen immer wieder vor der Firma.

Etwa eineinhalb Stunden nach dem Anruf, gegen 18 Uhr, kommen zwei Handwerker an. Die Arbeiter werkeln an der Tür herum, am Ende sägen sie das Schloss heraus und bauen ein neues ein. Maria R. sagt: „Ob das wirklich nötig war, wissen wir nicht.“

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Das ist die Rechnung, die das Ehepaar aus Laim serviert bekam.

Dann kommt die Rechnung: 2860,16 Euro soll das Paar bezahlen. Ausgehend von einem Grundbetrag von 189 Euro, dazu kommen etwa 94,50 Euro Abendzuschlag, 800 Euro für einen Zylinder und drei Schlüssel und 316 Euro für „Mehrarbeitszeit“. Das Paar ist überrumpelt, will in die Wohnung. „Die Situation war komisch, weil es auch schon dunkel war“, sagt Maria R. Ihr Mann bezahlt schließlich den Betrag mit EC-Karte und unterschreibt alles. „Ich habe nicht gewagt zu sagen, wir bezahlen nicht“, sagt er später…

Als der erste Schock überwunden ist, dämmert dem Ehepaar, was für einen Extrem-Preis es bezahlt hat. Laut Verbraucherzentrale Bayern kostet eine Türöffnung tagsüber in Bayern durchschnittlich 71,02 Euro. Das Ehepaar R. hat das 40-Fache bezahlt. „Uns stürzt das nicht in den finanziellen Ruin, aber die Unverschämtheit ärgert uns sehr“, sagen die Laimer. Auf eine Anfrage der tz reagiert der Schlüsseldienst nicht.

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Erwin R. erstattet einen Tag später Anzeige bei der Polizei. Die Summe sei in Sachen Schlüsseldienst sicher eine der höchsten, die es je in München gegeben habe, so Polizeisprecher Christoph Reichenbach. In Essen gebe es ein Sammelverfahren der Staatsanwaltschaft, an das der Fall angegliedert werde. „Wobei die näheren Hintergründe zu den Beschuldigten noch ermittelt werden müssen.“

Expertin in Sachen Schlüsselnotdienste ist Gabriele Bernhardt von der Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs. Sie vermutet, dass das Unternehmen, dem das Ehepaar aufgesessen ist, zum Firmengeflecht der Deutschen Schlüsseldienst Zentrale gehört. Darauf deuteten einzelne Posten auf der Rechnung hin. Die Chefs der Firma, Karl-Leo S. (56) und Christian S. (37), müssen sich derzeit vor dem Landgericht Kleve (NRW) verantworten und bestreiten die Vorwürfe. Sie sollen mehr als 1000 Kunden ausgenommen haben – über vor Ort agierende Subunternehmen, die aber wohl den größten Teil des Geldes abtreten mussten. Die Dunkelziffer dürfte noch weit höher sein, so Bernhardt. „Das ist eine ex­treme Abzocke. Ein Teil des Problems ist auch: Die einzelnen Polizeidienststellen können die Subunternehmen oft nicht zuordnen.“ Ihr Rat: Die Rechnung an das für die Firma zuständige Finanzamt schicken. Außerdem: Anzeige wegen Wuchers erstatten gegen Unbekannt – mit Verweis auf die Deutsche Schlüsseldienst Zentrale.

Tipps von der Verbraucherzentrale

Bei der Verbraucherzen­trale Bayern sind Schlüsseldienste ein häufiges Thema. Immer wieder würden Fälle von extremer Abzocke bekannt, so die Verbraucherschützer. Durchschnittlich koste eine Türöffnung etwa in Bayern tagsüber an Werktagen 71,02 Euro, nachts, sonn- oder feiertags 118,91 Euro. Die Preise wurden durch eine Umfrage unter 600 Schlüsseldiensten bundesweit für jedes Bundesland errechnet. 

„Erheblich darüber oder darunter sollte ein seriöses Angebot eines Schlüsseldienstes nicht liegen“, sagt Rechtsexpertin Tatjana Halm von der Verbraucherzentrale Bayern. Die Tipps der Verbraucherzentrale: Um für den Notfall gerüstet zu sein, suchen Sie am besten generell eine Nummer eines ortsansässigen Schlüsseldienstes in der Nähe ihrer Wohnung heraus. Speichern Sie sich die Nummer in Ihr Handy ein oder kleben einen kleinen Zettel oben an die Haustüre. Wer erst im Ernstfall googelt, sollte vorsichtig sein: Ganz oben in der Suchmaschine werden bezahlte Anzeigen gelistet, die nichts mit der Qualität oder räumlichen Nähe des Dienstes zu tun haben. Bevorzugen Sie ortsansässige Firmen, um die Fahrtkosten gering zu halten. 

Was tun bei hoher Rechnung vom Schlüsseldienst?

Achtung: Einige Firmen erwecken den Anschein, eine örtliche Firma zu sein. Tatsächlich landen Sie aber in einer Telefonzen­trale. Fragen Sie immer nach, welche Anfahrtskosten anfallen und wann der Monteur da sein kann. Die Notdienste müssen darüber am Telefon Auskunft geben. Weichen sie aus, rufen Sie jemand anderen an. Machen Sie am Telefon einen Festpreis aus. Ein Auswechseln des Schlosses ist meist nicht nötig. Sie müssen nicht sofort bezahlen, eine normale Handwerkerleistung können Sie per normaler Rechnung begleichen. Auch „Sofortzuschläge“, „Bereitstellungszuschläge“ oder „Spezialwerkzeugkosten“ sind nicht zulässig. 

Rufen Sie die Polizei, wenn Sie unter Druck gesetzt werden. Erstatten Sie Anzeige wegen Wuchers bei der Polizei. Als Wucher gilt nach gängiger Rechtslage, wenn das Doppelte des üblichen Preises oder mehr verlangt wird. Bestehen Sie darauf, dass die Anzeige angenommen wird. Bei der Suche nach einem seriösen Schlüsseldienst kann auch der neue Service „Schlüsseldienst zum Festpreis“ der Gelben Seiten helfen (schluesseldienst.gelbeseiten.de, 0800/333 8 111). In 20 deutschen Städten ist der Dienst mittlerweile verfügbar, auch in München. Der Festpreis sei garantiert, so Geschäftsführer Stephan Theiß. Preise: etwa bei verschlossenen Türen werktags zwischen 8 und 20 Uhr 99 Euro und bei lediglich zugefallenen Türen 69 Euro plus je pauschal 20 Euro für Fahrtkosten.

Die besten und wichtigsten Geschichten aus diesem Teil Münchens posten wir auch auf der Facebook-Seite „Laim – mein Viertel“.

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