Zonen, Ringe, IsarCard und Co.

Münchner Verkehrs Verwirrung: Wie gerecht sind unsere MVV-Tarife?

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Wie einfach und wie gerecht ist unser öffentlicher Nahverkehr? Unsere Analyse.

München - Schon der Name ist schwierig. „Münchner Verkehrs- und Tarifverbund“: So heißt der MVV ausgeschrieben. Und was für die Worte gilt, gilt für den Alltag in Bussen und Bahnen erst recht. Kompliziert ist es – und obendrein teuer. Wie ein Preisvergleich zeigt, müssen Nutzer der öffentlichen Verkehrsmittel in München oft mehr bezahlen als Fahrgäste in anderen europäischen Städten. Wer in München etwa ein Tagesticket löst, zahlt bis zu 12,80 Euro. 

In Berlin kostet die Tageskarte knapp die Hälfte (siehe unten). Da kann man sich schon mal fragen: Wie gerecht ist unser öffentlicher Nahverkehr? Man mag auch an den Bericht von vorgestern denken: Da verklagt ein Jurist die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG), weil er sich gegenüber Senioren – die oft vergünstigt fahren dürfen – benachteiligt fühlt. Problem: das große Ganze. 

Gerechtigkeit „immer relativ“

Für Martin Schenck (46) vom MVV ist Gerechtigkeit „immer relativ“. „Sobald man versucht, das System gerechter zu machen, wird es an anderen Stellen komplizierter. Wenn man es hingegen vereinfacht, wird es womöglich ungerechter – ein echter Drahtseilakt.“ Damit künftig trotzdem mehr Menschen auf die öffentlichen Verkehrsmittel umsteigen, tüftelt der MVV an einem neuen Tarif-System. Auf dieser Seite lesen Sie, worauf Sie sich künftig einstellen müssen, was die Münchner von unserem Verkehrssystem halten und wie Ingeborg Staudenmeyer vom Seniorenbeirat die Lage einschätzt.

Das sind die MVV-Pläne

Moderner, einfacher und gerechter soll er werden, der öffentliche Nahverkehr. Der Bedarf dafür scheint tatsächlich da zu sein – ganz verschiedene Bevölkerungsgruppen beklagen sich immer wieder. 

Zum Beispiel die Senioren: Da geht’s immer wieder darum, ob es diskriminierend ist, dass man mit der IsarCard60 erst ab neun Uhr fahren darf. Tatsache: Über den Wegfall dieser Sperrzeit denkt man beim MVV derzeit nach – bis Ende des Jahres sollen die Eckdaten einer großen Tarifreform feststehen. Allerdings: in diesem Zuge würde wohl auch das Mindestalter fürs Seniorenticket von 60 auf 65 Jahre steigen – was für neue Kritik sorgt (bei 60- 65-Jährigen, logisch). 

Auf der anderen Seite fürchten die Studenten immer wieder um den Wegfall des Semestertickets – das bleibt allerdings bis aus Weiteres erhalten. Größtes Problem in München ist ohnehin das komplizierte System mit Ringen und Zonen. Vor allem an den Zonengrenzen gibt’s teils heftige Preissprünge. Deshalb denkt man beim MVV über einen „kilometrischen Grundtarif“ nach – ein System, bei dem der Fahrgast nur die Strecke bezahlt, die er fährt. Gemessen per Handy. Aus Sicht der Fahrgastverbände sind die Tarif-Änderungen bitter nötig. So hatte der Verkehrsclub Deutschland (VCD) bereits vor Jahren 26 verschiedene Ticketarten im MVV gezählt, während der Verbund im österreichischen Vorarlberg nur auf elf Angebote kam.

60 € für drei Minuten, weil IsarCard erst ab neun gilt

60 Euro für drei Minuten! Diese Strafe erwartet Grozdana Tomic, nachdem sie am 5. Juli mit ihrer IsarCard60 um 8.57 Uhr an der Haltestelle Fachnerstraße kontrolliert wurde. Die Rentnerin (66) versteht das nicht: „Ich nehme diese Tram schon seit Jahren, bin nie schwarzgefahren. Dieses Mal bin ich zur Haltestelle gelaufen, habe telefoniert und kurz nicht auf die Uhr geschaut. Dass mir wegen drei Minuten jetzt 60 Euro Strafe aufgebrummt werden, macht mir zu schaffen.“ Rechtlich ist der Fall klar, die IsarCard60 ist erst ab neun Uhr morgens gültig. Wer sie davor benutzt, fährt schwarz und muss mit 60 Euro rechnen. 

Doch hätten die Schaffner da kein Auge zudrücken können? „Die Kontrolleure waren total unfreundlich, ließen mich gar nicht zu Wort kommen. Sie behandelten mich wie einen Straftäter“, sagt Tomic. Unterstützt wird sie von der Juristin Milena Manigoda, die mit ihrem Betreuungsbüro ähnliche Fälle gewohnt ist: „Wäre Frau Tomic beim Fahren ohne Fahrkarte erwischt worden, könnte die MVG natürlich auf das Bußgeld pochen. Jedoch: Von einer alten Frau 60 Euro zu verlangen, nur weil sie einmal zu früh in die Tram gestiegen ist – das geht gar nicht!“

Sie kritisiert außerdem die Härte gegen die Rentnerin und will sich von dem Bußgeldschreiben nicht entmutigen lassen: „Ich weiß, dass es einen Kulanzspielraum gibt, den die MVG anwenden könnte. Wenn das nicht passiert, dann versuche ich, weiter gegen die Strafe vorzugehen. Zur Not wende ich mich an den OB Reiter, damit er vielleicht für Straferlass sorgen kann.“ Und wie reagiert die MVG? Die wird laut Sprecher Matthias Korte auf den 60 Euro bestehen: „Die IsarCard60 ist ein vergünstiges Fahrkartenangebot. Wenn wir hier eine Toleranzgrenze einführen, benachteiligen wir Fahrgäste mit einer normalen Isar Card. Regeln sind Regeln, das hat nichts mit Kleinlichkeit zu tun.“ Und das bedeutet: Zahlen!“

Grozdana Tomic an der Haltestelle, an der sie kontrolliert wurde. 

So läuft es in anderen Städten

  • Wer sich in Berlin für eine Wochenkarte entscheidet, zahlt für das Tarifgebiet AB 30 Euro. Bedingt vergleichbare acht Ringe in München kosten 34,80 Euro die Woche.
  • In London kostet die Wochenkarte je nach Anzahl der Zonen zwischen 33 und 85 Pfund (38 bis 99 Euro). Kinder erhalten auf viele Angebote einen Rabatt von bis zu 30 Prozent.
Typisch für London: die roten Doppeldecker-Busse
  • Klar, Polen ist wirtschaftlich gesehen weitaus schlechter gestellt als Deutschland. In diesem Rahmen kostet die Jahreskarte für Senioren in der Hauptstadt Warschau nur 12 Euro. Und: Bürger über 70 fahren grundsätzlich umsonst.
  • Auch in Bozen (Italien) dürfen Senioren ab ihrem 70. Lebensjahr kostenlos fahren.
  • In Österreich zahlen Senioren ebenfalls weniger für ihr Ticket. In Wien kostet eine Jahreskarte für Senioren 229 Euro (München: über 400 Euro). Das Ticket gilt rund um die Uhr. Im Vergleich zur IsarCard60 gibt’s aber einen Nachteil: Sie ist nicht übertragbar.
  • Wer in Paris einen Einzelfahrschein löst, zahlt 1,50 Euro für bis zu fünf Stationen (Kurzstrecke München: 1,40 Euro) und maximal zwei Euro ab neun Stationen (München: 2,80 Euro).
  • Genau wie in Paris kostet der Einzelfahrschein in Madrid 1,50 Euro für bis zu fünf Stationen und maximal zwei Euro ab 9 Stationen.

„Es muss sich viel ändern!“

Auch die Chefin des Münchner Seniorenbeirats, Ingeborg Staudenmeyer, fordert seit langem eine Änderung bei den Tarifen: „Es kann nicht sein, dass ältere Mitbürger, die eine IsarCard60 besitzen, nicht vor 9 Uhr fahren dürfen“, kritisiert die Münchnerin. Die vergünstigte Monatskarte für Studenten sei ja beispielsweise zeitlich auch nicht begrenzt. „Hier muss einfach ein Umdenken passieren“, erklärt Ingeborg Staudenmeyer. Das ganze System könne nicht so bleiben, wie es derzeit ist. „Es ist ja auch so, dass viele Senioren sich sogar die billigeren Fahrkarten-Preise kaum leisten können.“

Service: Schnelle Hilfe auf Facebook, wenn Ihre S-Bahn nicht kommt

Wir haben für jede S-Bahn-Linie eine Facebook-Gruppe gegründet, in der sich Fahrgäste selbst organisieren können, wenn der Zug ausfällt: Bilden Sie Fahrgemeinschaften, wenn Ihre S-Bahn ausfällt. Organisieren Sie ein Taxi und teilen Sie sich mit mehreren die Kosten. Oder bitten Sie andere Betroffene schlicht um Hilfe - oder bieten Sie einen Platz in Ihrem Auto an. Zusammen mit anderen Pendlern sind Sie im S-Bahn-Chaos weniger allein. Hier entlang zur Liste der S-Bahn-Gruppen auf Facebook

Lesen Sie hier den viel beachteten Gastbeitrag „Dieser Nahverkehr ist der 1,5-Millionen-Stadt München unwürdig“

sb, vt, age, Video: Glomex

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